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SENDETERMIN Do, 8.1.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Nebenwirkungen Sorgloser Umgang mit Schmerzmitteln

Frei verkäufliche Schmerzmittel werden oft wie Bonbons geschluckt. Dabei können die Nebenwirkungen gravierend sein. Dazu gehören Abhängigkeit und - was kaum bekannt ist - chronische Schmerzen.

Eine Frau schüttet sich Medikamente in die Hand

Lokalanästhesie durchbricht den Teufelskreis

Quälende, tägliche Schmerzen - bei S. Heidenreich waren es unerträgliche Kopfschmerzen, die sie jeden Tag hatte. Schon morgens nahm sie die erste Tablette -¬ jeden Morgen, seit über zwanzig Jahren. Dann beschloss sie: So konnte es nicht weiter gehen. Hilfe fand S. Heidenreich im Mainzer DRK Schmerz-Zentrum. Zuerst musste der Teufelskreis des ständigen Tablettenschluckens mit einer lokalen Schmerztherapie durchbrochen werden. Per Spritze wurden direkt im Genick die Nerven betäubt. Schon nach 20 Sekunden spürte S. Heidenreich die Wirkung. "Mit ein paar Tabletten im Monat hatte alles angefangen", sagt die 50-jährige Rheinland-Pfälzerin, "bis dann halt am Ende eine Menge zustande kam, die weit überdosiert war. Sehr weit überdosiert war. Ich hab dann wirklich bis zu dreihundert Tabletten gefuttert im Monat. Die Abhängigkeit wurde mir eigentlich erst hier bewusst."

Die frei verkäuflichen Schmerzmittel erwecken den Eindruck, sie seien ganz harmlos. Aber das ist nicht der Fall, erklärt der Erlanger Pharmakologe Prof. Kay Brune. Seit Jahren versucht er die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren. An erster Stelle für die Gefahren durch Paracetamol: "Paracetamol wirkt nur schwach bei Schmerzen. Und was dazu kommt: Bei der gewählten Dosierung kann es bereits zu Leberschädigungen kommen. Überschreitet man die erlaubte Dosis kommt es ganz sicher zu Leberschäden. Und wir müssen feststellen, dass in den Vereinigten Staaten jedes Jahr zirka 500 Personen an Paracetamol-Vergiftung sterben." Für Deutschland gäbe es diese Zahlen nicht, sagt er, das Problem würde hier heruntergespielt.

Problemfreie Schmerzmittel gibt es nicht

Paracetamol gilt im Vergleich zu anderen Mitteln als magenfreundlich. Kann aber zu Leberschäden, Veränderung des Blutbildes oder zu Allergien führen. Das schwächt das Vertrauen in das einstige Wundermittel. Aspirin gilt in der Bevölkerung als unkompliziertes Schmerzmittel. Dabei kann es zu Magenblutungen, Darmgeschwüren und zu Asthma führen. Außerdem hemmt Acetysalicylsäure die Blutgerinnung. Eine meist unerwünschte Nebenwirkung, sagt Prof. Kay Brune: "Das Problem besteht bei der Acetylsalicylsäure darin, dass eine Dosis zwar den Schmerz für vier Stunden hemmt, aber die Blutgerinnung für vier Tage. Also auch dann noch, wenn der Patient vielleicht schon das nächste und andere Schmerzmittel genommen hat. Oder aber verunfallt ist und operiert werden muss. Was er aber nicht kann, weil er Acetylsalicylsäure genommen hat."

Aspirin

Ibuprofen und Diclophenac belasten die Nieren und können - wie Aspirin - Magenblutungen und Darmgeschwüre verursachen. Hier gilt: keine Wirkung ohne Nebenwirkung. Vorsicht ist angesagt erklärt der Erlanger Pharmakologe: "Schmerzmittel, die keine Probleme aufwerfen, gibt es nicht. Es muss also gerechtfertigt sein, Schmerzmittel einzunehmen. Es sind keine Lutschbonbons, die man mal eben so vor sportlichen Aktivitäten einnehmen kann. Das, was wir brauchen, und wo ich hoffe, dass die Öffentlichkeit immer klüger wird, ist die sinnvolle Verwendung von Schmerzmitteln."

Schmerzmittel als Stresspuffer: falsch und gefährlich

Einer der häufigsten Fehler: Schmerzmittel gegen Missempfindungen einzusetzen, die eigentlich durch Stress ausgelöst werden, so wie S. Heidenreich es tat. Im therapeutischen Gespräch mit Dipl.-Psych. Thomas Müller im Mainzer DRK-Schmerz-Zentrum erkannte sie, dass ihr Schmerzmittelkonsum mit ihrer permanenten sozialen Überforderung zu tun hatte. Im Gespräch mit dem Therapeuten lotete sie ihre belastende Vergangenheit aus: "Was ich da alles so mitbekommen habe, was da so an Schlechtigkeiten passiert ist mit meiner Mutter. Ich hatte auch niemand, mit dem ich hätte drüber reden können. Meine Geschwister und mein Vater waren ja selber involviert. Und von daher stand ich dann mit meinen Problemen alleine."

Schon als 19-Jährige übernahm sie die Rolle des Kümmerers. Mutter, Vater, Kinder hat sie gepflegt, kaum je Zeit für sich gehabt. Immer musste sie sich zusammenreißen. Schmerzmittel halfen, die Überlastung jahrelang auszuhalten. Ein typisches Muster für chronischen Schmerzmittelmissbrauch. Ein gefährliches Muster, das häufig zur Abhängigkeit führt, so der Mainzer Psychologe Thomas Müller: "So wie wir es ja auch bei Frau Heidenreich gesehen haben. Dass in der Situation, als die Schmerzen stärker wurden - sie aber auch funktionieren musste - sie ganz schnell in den Teufelskreis hinein geriet. Und der Teufelskreis ist umso kritischer zu sehen, weil ja viele Schmerzmittel, wenn sie auf Dauer eingenommen werden, mit der Zeit selbst wieder Schmerzen aufrecht erhalten können."

Schmerzfrei ohne Schmerzmittel

Auch Krankengymnastik gehörte zu S. Heidenreichs Therapie. Dadurch lernte sie, verhärtete Muskeln zu lockern und ihren Körper wieder ins Lot zu bringen. Damit, mit Gesprächen und mit dem Freiraum, den sie in der Mainzer Klinik zum ersten Mal seit Jahren genoss, hat sie es nach zwei Wochen geschafft, schmerzfrei zu werden - ganz ohne Schmerzmittel! Darüber erleichtert räumte sie jedoch auch ein: "Ich weiß aber auch, dass ich das problemlos nicht in den Alltag mit rüber nehmen kann. Und dass ich mir bestimmt Hilfe suchen werde, um das Ganze überhaupt zu packen und um nicht wieder gleich in die Abhängigkeit reinzurutschen." Zurück im Alltag hatte S. Heidenreich zunächst etwas Bammel, aber die Erfahrung, völlig ohne Schmerzmittel auszukommen, waren ihr eine große Hilfe.

aus der Sendung vom

Do, 8.1.2015 | 22:00 Uhr

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