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SENDETERMIN Do, 6.6.2019 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Der Ärztetest So schnell bekommt man Schlafmittel

Auch wenn sie schnell in die Sucht führen und gefährliche Nebenwirkungen haben, werden Schlafmittel wie Zolpidem oder Zoplicon zu oft und zu schnell verschrieben.

Starke Abhängigkeit nach zwei Monaten

Als Schlafmittel werden in Deutschland immer häufiger die so genannten Z-Drugs verordnet, so genannt wegen der Wirkstoffnamen, die alle mit „Z“ beginnen. Zu Beginn von deren Vermarktung mutmaßten Experten, dass diese Mittel deutlich seltener zur Abhängigkeit führen könnten, als die bis dahin gebräuchlichen Benzodiazepine. Mittlerweile liegen allerdings Studien vor, die das Ausmaß der Suchtgefährdung als ähnlich groß einstufen. Bei ununterbrochener Einnahme besteht schon nach rund acht Wochen die Gefahr der Abhängigkeit. Gefährliche Begleiterscheinungen sind Gedächtnislücken, Sturzgefahr und Blackouts.

Rund eine halbe Million der 1,7 Millionen von Schlafmitteln abhängigen Menschen in Deutschland ist schwer süchtig, nimmt also mehr als eine Tablette am Tag. Die meisten Abhängigen sind Frauen über 65 Jahre. Doch immer häufiger greifen auch jüngere Menschen zu Schlafmitteln. Gesundheitsmediziner Prof. Gerd Glaeske von der Uni Bremen und sein Team haben die Zahlen näher untersucht: „Insgesamt werden an Z-Drugs, Benzodiazepinen und sonstigen Tranquilizern rund 22 Millionen Packungen pro Jahr verordnet – die meisten wohl an Menschen, die bereits Jahre abhängig sind. Man spricht hier von ‚Entzugs-Vermeidungsstrategie‘.“

Doch Glaeske und seine Mitarbeiter gaben sich mit dieser Zahl nicht zufrieden. Sie stellten bei ihren Recherchen fest, dass gleichzeitig die Zahl der Verschreibungen, also der von Ärzten ausgestellten Rezepte, zurückging. „Das hat uns misstrauisch gemacht, und wir haben festgestellt, dass die Ärzte vermehrt Privatrezepte ausstellen. Die Mittel werden nach wie vor zu oft und zu schnell verordnet – und damit die Praxen nicht "erwischt" werden, verordnen Ärztinnen und Ärzte die Mittel auch für Versicherte der gesetzlichen Kassen auf Privatrezept. Dabei gibt es regionale Unterschiede: In einigen Gegenden laufen bis zu 70 Prozent der Schlafmittelverschreibungen über Privatrezepte. So werden die Probleme vertuscht und die Zahlen können nicht mehr in die Analysen der Krankenkassen eingehen.“

Leichtfertige Verschreibungen

Wir wollen testen, wie leicht niedergelassene Mediziner tatsächlich Z-Drugs verschreiben, also Medikamente mit Zolpidem, Zopiclon und Zaleplon. Und suchen sechs niedergelassene Allgemeinmediziner und Internisten aus den Landkreisen Altenkirchen und Bad Neuenahr-Ahrweiler in Rheinland Pfalz auf.

Unsere Geschichte: Die Testerin hat Schlafstörungen, ist jobmäßig sehr belastet, hat aber sonst keine weiteren Probleme, vor allem ist sie nicht depressiv.

Das Ergebnis: Sechs Ärzte – sechs Rezepte. Zwei Mediziner verschrieben Antidepressiva, weil diese nach allgemeinem Stand ein geringeres Suchtpotential als Schlafmittel haben. Die vier anderen Ärzte verschrieben Z-Drugs – zwei von ihnen sogar auf Privatrezept. Damit unterstützt das Testergebnis also die Recherche der Bremer Gesundheitsmediziner.

Positiv war, dass alle Ärzte ausnahmslos erst einmal pflanzliche Präparate verschreiben wollten und auf das hohe Suchtpotential der Z-Drugs hinwiesen.
Die Erkenntnis, wie gefährlich die Langzeitwirkungen der Z-Substanzen tatsächlich sind, ist bei den niedergelassenen Ärzten offenbar angekommen. Doch wer wirklich darauf besteht, Schlafmittel verschrieben zu bekommen, der schafft das auch. Am Ende hilft nur eine rigorose Entgiftung, möglichst in Kombination mit einer Reha-Maßnahme, während der die Patienten ein neues Schlafverhalten lernen und trainieren.

Buch

Hans-Günter Weeß

Die schlaflose Gesellschaft

Verlag:
Schattauer Verlag
Genre:
Sachbuch
Bestellnummer:
ISBN 978-3-7945-3126-4