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SENDETERMIN Do, 7.4.2016 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Sucht So gefährlich ist Cannabis wirklich

Cannabis gilt als relativ harmlose Droge - zumindest für Erwachsene, die hin und wieder ein Joint rauchen. Jugendlichen kann Kiffen dagegen ziemlich auf Gemüt und Gehirn schlagen.

Der erste Joint

Marco hatte die besten Vorsätze: "Mit zwölf", erinnert sich der Jugendliche aus Mannheim "hab ich mir geschworen: Niemals rauchen, trinken - keine Drogen!" Die vollen Aschenbecher seiner Eltern fand er abstoßend, auch ihr üblicher Spruch: "Komme gleich, rauch nur noch schnell eine…" nervte. Mit 14 zog er dann doch mal am Joint, das machten eben alle Kumpels. Es lockerte ihn, und so lockerte er auch seinen Schwur: Kiffen ja, aber nur am Wochenende: "Meine Eltern haben das toleriert, die haben‘s ja früher auch gemacht." Mit 15 wurde er dann beim Joint-Drehen von der Polizei erwischt - und zur Drogenberatung verdonnert. "Eine Art Gruppentherapie", so Marco, "hier lernte ich vor allem Typen mit anderen Drogen kennen." Er probierte "Speed" aus: Tanzen und Party ohne Ende. Aber dem Cannabis blieb er trotzdem treu, jetzt mit der "Bong", einer Wasserpfeife, mit der man sich eine Dosis in einem einzigen Zug reinzieht. "Das muss man richtig trainieren", so Marco, der sich anfangs dabei immer übergeben musste. "Doch bald habe ich 15 ‚Köpfe‘ täglich geschafft." Ohne ging nichts mehr…
Cannabis macht abhängig, das belegen Studien sehr eindeutig. Und noch eine schlechte Nachricht für Marco: Cannabis ist heute eine andere und härtere Droge als zu seligen Hippiezeiten. Vor allem ist es keine harmlose Jugenddroge.

Einfluss auf Gehirnentwicklung

Eine Cannabis Pflanze

Cannabis ist nicht gleich Cannabis: Durch Züchtungen wurde die Pflanze manipuliert

"Cannabis kann vor allem bei Heranwachsenden die Gehirnentwicklung schädigen. Das sind Ergebnisse der neueren Forschung. In der Pflanze bewirkt die Substanz "Tetrahydrocannabidiol", kurz THC, das entrückte "High-Sein“ beim Kiffen. Durch gezielte Zucht stieg der THC-Anteil in der Pflanze in den vergangenen 20 Jahren von 5 auf 10 Prozent - was die Wirkung deutlich verstärkt hat. Ein anderer, schützender Wirkstoff wurde dabei allerdings aus der Pflanze herausgezüchtet: Das "Cannabidiol", so Prof. Derik Hermann vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, "ist eine Substanz, die nicht „high“ macht, aber eine ganze Reihe von positiven Eigenschaften hat". Studien zeigen, dass es gegen Angst, auch gegen psychotische Symptome hilft, die durch THC mit verursacht werden können.
Zu früher Cannabiskonsum könnte außerdem der Intelligenz schaden, so das Fazit einer Langzeitstudie in den USA: Menschen, die schon als Jugendliche viel Cannabis rauchten, verloren als Erwachsene im Schnitt acht IQ-Punkte. Die Gruppe, die erst im Erwachsenenalter mit dem Kiffen anfing, zeigte keinen signifikanten Intelligenzverlust. Ein möglicher Grund: Cannabis wirkt - ähnlich wie verwandte körpereigene Botenstoffe - auf den Informationsfluss zwischen den Nervenzellen des Gehirns ein: "Das Hirn", so Prof. Hermann, "wird in der Pubertät nochmal stark umstrukturiert und umgebaut. Da müssen Nervenzellen an die richtige Stelle geleitet werden." Wenn man in dieses System von außen wahllos größere Mengen Cannabis dazugibt, dann könnte dieser fein abgestimmte Prozess gestört werden. "Es gibt dann Fehlverbindungen, die zu Funktionsstörungen im Gehirn führen können."

Marco kennt das Gefühl, sich nicht konzentrieren zu können, bei Herausforderungen zu schnell aufzugeben. In der Schule ging es stetig bergab. Dafür spielte er nächtelang Online-Games am Computer. "Meine Eltern", erinnert er sich, "haben dann natürlich Stress gemacht. Ich fand das scheinheilig." Solange er noch "funktionierte" war Kiffen ok, und jetzt… Mit Anfang 17 schmiss er die Schule. Er kam zu Beratung ins Mannheimer ZI. Der Arzt dort riet ihm zum stationären Entzug, es gebe Programme mit recht guten Erfolgschancen. Marco sah das anders: "Der Arzt meinte, ich könnte es nicht allein schaffen. Ich habe ihm nicht geglaubt.".

"Zu viel gekifft?"

Eine qualmende Bong.

In Studien korrespondiert starke Cannabisabhängigkeit mit allen möglichen sozialen Auffälligkeiten: Antriebsschwäche, Abbruch von Schule oder Lehre, viele Fehltage im Beruf, Erwerbsminderung, familiärer Stress, soziale Isolation, bis hin zu starken psychischen Problemen.
Allerdings warnt der Experte dann doch vor undifferenzierter Verteufelung: Auf jede Studie, die kognitive Einbußen durchs Kiffen belege, folgen auch wieder Gegenstudien, die keinen solchen Effekt messen. Generell sei "bei vielen Cannabis-Studien der Kausalzusammenhang zwischen Drogenkonsum und sozialer Abweichung unklar", die Frage was eigentlich Ursache und was Wirkung sei, bliebe offen. Häufiges Kiffen, das werde immer noch gern für alles Schlechte verantwortlich gemacht, was einem Menschen passieren kann. Auch wissenschaftliche Studien seien von solchen Vorurteilen oft nicht frei.

Die legalen Drogen seien da weniger verdächtig, so Prof. Hermann, der auch leitender Oberarzt der Klinik für Suchtmedizin ist: "Die Gefahren durch Tabak und Alkohol werden in ihrer Gefährlichkeit wirklich sehr stark unterschätzt. Und Substanzen, die illegal sind, werden in der Gefährlichkeit einfach deswegen überschätzt, weil sie illegal sind." Es sei nicht gerechtfertigt, die Probleme eines Jugendlichen pauschal mit dem "Kiffen" zu erklären. Es gebe eine ganze Reihe von Faktoren, "die dazu führen können, dass ein Jugendlicher eventuell scheitern kann - in der Gesellschaft, in der Schule, an dem, was er eigentlich an Zielen hat."

Therapie oder gute Vorsätze?

Was also steckt hinter einer Abhängigkeit? Bei Entzugstherapien steht die ganze Lebenssituation der jungen Patienten heute stärker im Fokus als früher. Der Trend geht außerdem zu mehr Realismus: Konsumreduktion statt Abstinenz kann auch ein Therapieziel sein - auch wenn Suchtforscher und Therapeuten über diesen neueren Ansatz trefflich streiten können.

"Meine Freundin" erinnert sich Marco "wollte mich vom Kiffen abbringen. Ich hab gedacht, ok, für Sie mach ich das!" Er warf mit einer großen Geste seine Bong in Neckar. Das war es, dachte er. Aber: "Ich hab dann doch bald wieder angefangen." Marco sagt, dass er inzwischen weniger kifft. Seine Freundin steht weiterhin zu ihm, und einen Ausbildungsplatz hat er mit viel Glück auch noch gefunden. All das, sagt Marco mit inzwischen 21 Jahren, sei ihm sehr wichtig, er wisse, es sei seine "letzte Chance". Doch Marcos Ringen mit seiner Droge ist noch lange nicht beendet.