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SENDETERMIN Do, 23.3.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Strom autark Der Traum von der Selbstversorgung

PV-Anlagen auf dem Dach, ein Windrad im Garten, genug Speicherbatterien im Keller. Ist es möglich, sich als einzelner komplett autark zu versorgen?

Ganz normal wohnen

Ein Mehrfamilienhaus in Brütten nahe dem schweizerischen Winterthur ist laut Betreiber das erste vollständig energieautarke Mehrfamilienhaus der Welt. Das heißt, es kommt „ohne externen Anschluss für Strom, Öl und Erdgas aus“. Seit Juni 2016 lebt etwa Familie Baltensperger in der viereinhalb-Zimmerwohnung. Der Mietpreis beträgt 2.500 Schweizer Franken inklusive Nebenkosten. Das ist ortsüblicher Durchschnitt. Lediglich ein kleiner Bildschirm erinnert an das Besonderheiten des Hauses. Hier kann die Familie ihren Energieverbrauch ablesen. Grüne Balken heißen: alles gut. Rot bedeutet, dass das Energiebudget überschritten wurde, erklärt Lukas Baltensperger: „An manchen Tagen braucht man schon mal mehr Energie. Zum Beispiel, wenn man die Waschmaschine oder den Trockner benutzt oder für Gäste mal kocht. Oder wenn Gäste übernachten und viel geduscht wird. Dann kann es schon sein, dass man zu viel verbraucht. Aber das gleicht sich gut aus über die Woche.“

Zeigen, was technisch möglich ist

Das Energieautarke Mehrfamilienhaus ist die Idee von Umweltarena-Chef Walter Schmid. Der Bauunternehmer wollte zeigen, was heute mit marktüblicher Technik möglich ist: “Wir beweisen, dass die Technik vorhanden ist. Jeder kann sie nutzen, er muss sich nur informieren.“ Die Energie für das Haus liefert die Sonne. Dach und sogar die Fassade sind mit Solarpanels verkleidet. Die Photovoltaik liefert gerade im Sommer deutlich mehr Strom, als benötigt wird. Um diesen langfristig zu speichern setzten die Schweizer auf Wasserstoff als Speichermedium. Mittels Elektrolyser produziert der Sonnenstrom Wasserstoff, der in einem Tank gespeichert wird. Bei Bedarf wird der Wasserstoff mit einer Brennstoffzelle zu Strom und Wärme umgewandelt. Parallel dazu dienen Batterien als Kurzzeitspeicher für den Strom. Ein thermischer Langzeitspeicher ergänzt das Energieversorgungskonzept.

Die Bewohner müssen mitmachen

Das Energieautarke Haus funktioniert nur mit Hilfe der Bewohner. Sie müssen Energie sparen. Familie Baltensperger ist hoch motiviert. Nur besonders energiesparende Geräte sind im Einsatz. Schließlich haben sie keinen Netzanschluss und dürfen nur so viel Energie verbrauchen wie das Haus produziert. Ihr Ziel ist es, ihren Stromverbrauch gegenüber einer vergleichbaren Familie zu halbieren. Da überschüssiger Strom auch in den Akkus eines Elektroautos gespeichert werden kann, gibt es kostenfreie Mobilität obendrauf. Ein Fahrzeug stellt der Hausbesitzer Umweltarena seinen Bewohnern kostenfrei zur Verfügung.

Energieautarke Häuser in Deutschland

Im sächsischen Freiberg stehen ebenfalls energieautarke Häuser. Sie gehören dem Ingenieur Timo Leukefeld. Auch er nutzt ein Elektroauto, um überschüssigen Strom vom Dach kostengünstig einzusetzen. Die Häuser hat er selbst entwickelt. Ihm ging es darum, dass sie möglichst praxisgerecht sind. Deshalb habe er gleich zwei baugleiche Häuser gebaut: „Da wir zum einen das energieautarke Wohnen ausprobieren wollen und zum anderen das Energieautarke Arbeiten. Beides läuft nebeneinander her.“ Schließlich ist der Tagesverlauf des Energieverbrauchs bei beiden Nutzungsarten unterschiedlich.

Einfache Technik

Der Energieexperte setzt neben den Photovoltaikanlagen vor allem auf Solarkollektoren, die Wasser erhitzen. Das heiße Wasser und damit auch die Energie werden in einem isolierten 9.000 Liter-Tank gespeichert. Außerdem heizt nicht verbrauchter Strom das Wasser des Tanks zusätzlich auf. Die gespeicherte Wärme des Tanks reiche zum Heizen des Hauses bis Ende November, so Leukefeld. Erst dann müsse er mit Holz nachheizen. Batterien sorgen für die kurzfristige Speicherung des Stroms. Messgeräte der TU Freiberg überwachen die Häuser. Seit 2013 sind sie praktisch energieautark. Dabei sei eine hundertprozentige Autarkie gar nicht sinnvoll, so Timo Leukefeld: „Wir konzipieren immer eine Teilautarkie 50 Prozent, 60 Prozent, 80 Prozent so dass man noch ein kleines bisschen aus dem Netz nehmen muss und vielleicht mit ein bisschen Holz nachheizen kann. Dafür ist es aber wesentlich wirtschaftlicher als eine 100 Prozent-Lösung.“ Weniger als zwanzig Jahre würde es dauern, dann hätten sich die Mehrkosten amortisiert. Danach spare man bares Geld.

Autarkie im Kleinformat

Österreich. Ein kleines Tal am Rande der Alpen. Etwa 70 Kilometer südlich Wiens, nahe dem Örtchen Gutenstein steht der Traum vom unabhängigen Leben. Zumindest dann, wenn man mit 33 Quadratmetern auskommt. Der Wohnwagon „Fanni“, ein mobiles Minihaus im Stile eines Zirkuswagens ist fast ausschließlich aus ökologischen und heimischen Baustoffen gebaut. Ziel sei es, auf komplizierte Technik zu verzichten, so Christoph Raz, zuständig für die Projektplanung des kleinen Unternehmens „Wohnwagon“. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach erzeugt den benötigten Strom. Die Größe der Photovoltaikanlage hängt von den Bedürfnissen des Bewohners ab. Der Holzofen heizt auch Wasser. So kann die erzeugte Wärme eine Woche lang gespeichert werden. Auf dem Dach wird auch Regenwasser aufbereitet. Mit Sumpfpflanzen. So sei man maximal unabhängig. Zur Zeit dient der Wagon als Hotelzimmer. Vermieter Edgar Tiefenbach vermietet vor allem an Menschen, die sich für Autarkie interessierten und selber ähnliche Projekte planten.

Autarkie als Lebensform

Die Nachfrage sei groß: Seit der Gründung 2013 wurden zwölf Modelle des Wohnwagons verkauft. Kostenpunkt zwischen 80.000 und 120.000 Euro. Wenn man darauf achte, dass das Holz trocken bleibe, könne man einen Winter gemütlich überstehen. Wenig Wohnraum braucht eben wenig Energie, so Christoph Raz: „Das spannende an der Autarkie ist, das ich mich jedesmal mit dem Standort, wo ich diese erreichen will, egal ob es um einen Wagen geht oder um ein Haus, ich muss mich immer nach der Natur richten. Das heißt, der Wagen funktioniert an einem sonnigen Standort natürlich besser als an einem mit Halbschatten.“

Fazit: Energieautark sein bedeutet auch bewusster mit der Umwelt umzugehen. Möglich ist es auf jeden Fall. Egal welches Wohnmodell einem gefällt.