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SENDETERMIN Do, 23.11.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Ohne Betäubungsmittel Sedierungsfreie Intensivmedizin

Auf der Intensivstation der Uniklinik Freiburg bekommen auch Schwerkranke in der Regel keine Betäubung, nur Schmerzmittel. Sie bekommen mit, was um sie herum passiert, können aktiv bei ihrer Genesung mithelfen.

Glück im Unglück

Eine junge Rennradfahrerin prallt mit einem LKW zusammen, die Folgen sind fatal. Sie bricht sich den Kehlkopf, liegt schwerverletzt am Boden, aber sie hat gleich zweimal Glück. Der Notarzt ist schnell zur Stelle, und sie kommt auf die AIT, die Anästhesiologische Intensivstation der Uniklinik Freiburg. Dort geht man in der Intensivbehandlung von schwerkranken oder schwerverletzten Menschen neue Wege.

Der Erstickungstod drohte

Oberarzt Johannes Kalbhenn schaut sich nochmal die Bilder auf dem großen Stationsmonitor an. Oben ist der Schädel zu erkennen, darunter der Hals der jungen Patientin. Ihr Kehlkopf ist stark gequetscht. Er erklärt den Unfall: „Wir stellen uns das so vor, dass der Transporter hinten eine Ladebühne runter geklappt hat und sie genau mit dem Hals auf diese Ladebühne geprallt ist. Und dann ist eben der Kehlkopfknorpel gebrochen, so dass es im schlimmsten Fall bei so etwas auch dazu führen kann, dass die Patienten dann direkt an der Unfallstelle daran ersticken. Das war jetzt bei ihr Gott sei Dank nicht das Problem.“

Verzicht auf Betäubungsmittel

Ihr Kehlkopf wurde operiert, ist aber noch instabil. Deshalb hat sie einen Beatmungsschlauch, einen sogenannten Tubus, im Mund, der durch ihre Luftröhre bis in die Lunge führt und so verhindert, dass sie plötzlich keine Luft mehr bekommt. Solche beatmeten Patienten sind normalerweise betäubt und nicht bei Bewusstsein. Aber nicht auf der Anästhesiologischen Intensivstation von Johannes Kalbhenn. Dort verzichten die Ärzte seit wenigen Jahren wenn immer möglich auf Betäubungsmittel. Für die Arbeitsabläufe auf der Intensivstation war das eine riesige Umstellung, denn nun sind die meisten Patienten wach und bei Bewusstsein – und sie können sich äußern.

Kommunikation per Schreibbrett

Ein Patient, der tief schläft, sich nicht bewegt, ist natürlich wesentlich leichter zu betreuen. Ist er wach, hat man aber einen viel direkteren Zugang zum Patienten, kann mit ihm kommunizieren. Mit der jungen Rennradfahrerin kommunizieren Ärzte und Pfleger per Schreibbrett, können ihre Fragen beantworten, ihr die Ängste nehmen, die mit einem Aufenthalt auf Intensiv verbunden sind. Der Verzicht auf Betäubungsmittel funktioniert nur, wenn genügend Schmerzmittel gegeben werden. Mit diesem neuen medizinischen Ansatz gehört Freiburg zu den Vorreitern. Die Experten dort legen Patienten auch nicht mehr tagelang ins künstliche Koma, weil das schwere Spätschäden auslösen kann.

Posttraumatische Belastungsstörungen nach Intensivbehandlung

Studien haben ergeben, dass etwa ein Drittel aller Intensivpatienten nach einem halben Jahr oder einem Jahr posttraumatische Belastungsstörungen hatten. Oberarzt Johannes Kalbhenn berichtet von einem Mann, der immer wieder an Tankstellen zusammen brach. Es stellte sich heraus, dass der Benzingeruch die Ursache war. Auf Intensiv hatte man ihm immer wieder die Magensonde mit Waschbenzin gereinigt. Weil er tief bewusstlos war, hatte er davon nichts mitbekommen, wohl aber den Geruch des Benzins. „Weil er nichts mitgekriegt hat, verbindet er diesen Geruch mit Benzin mit irgendetwas grausamen, und schlimmen, was passiert für ihn“, sagt Kalbhenn. Und das kommt irgendwie wieder hoch und er kann das halt nicht verarbeiten.“

Keine Sedierung - zum Wohl des Patienten

Die Vorteile des Verzichts auf Betäubungsmittel liegen für ihn auf der Hand. „Wir sehen, dass wenn man Patienten nicht sediert, dass wenn Patienten also wach sind und verstehen: Ich bin auf einer Intensivstation, ich habe einen Beatmungsschlauch im Mund, ich kann deswegen nicht sprechen, ich habe Schmerzen, ich kann darauf zeigen wo ich Schmerzen habe, ich kann das aufschreiben auf ein Schreibbrett, ich bekomme dann ein Schmerzmittel, ich habe Durst, ich bekomme dann vielleicht etwas zu trinken, ok, es wird jetzt eine Maßnahme durchgeführt, die wird vielleicht für mich schmerzhaft sein, aber ich verstehe, dass diese Maßnahme nötig für mich ist, dass diese Patienten genau diese posttraumatische Belastungsstörung nicht mehr aufweisen.“

Das Beispiel Freiburg macht Schule

Die junge Rennradfahrerin wird an ein mobiles Beatmungsgerät angeschlossen, und schon geht’s los mit einem Spezial-Gehwagen auf den Klinikflur. Drei Runden dreht sie mit einem Pfleger und einer Physiotherapeutin auf der Intensivstation. Während Physiotherapeuten die Patienten auf einer „normalen“ Intensivstation nur passiv bewegen können, bringt das neue Intensivkonzept viele neue Behandlungsmöglichkeiten. Das Freiburger Konzept bedeutet mehr Arbeit für Pfleger und Ärzte, und es funktioniert nicht bei allen Patienten. Aber es ist erfolgreich und das Beispiel beginnt bereits Schule zu machen – sehr zum Vorteil des Patienten.