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SENDETERMIN Do, 7.1.2016 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Verkehrspolitik Schwedens Vision Zero

Bezogen auf die Bevölkerung hat Schweden etwa 30 Prozent weniger Verkehrstote als Deutschland. Ein Grund dafür ist das Verhältnis zur Sicherheit in Schweden. Hier gilt seit 1998 die Vision Zero.

Mehr als nur eine Vision

Anna Johannson, Schwedens Ministerin für Infrastruktur, hat nicht viel Zeit: Eine halbe Stunde etwa, aber beim Thema Vision Zero kommt sie in Fahrt: "Irgendwann stellten wir uns die Frage: Wie viel Verkehrstote können wir pro Jahr akzeptieren? Dann überlegt man und sagt eine Zahl: Vielleicht tausend oder hundert. Was auch immer. Dann fragten wir: Wie sieht es in deiner Familie aus? Wie viel Opfer würdest du in deiner Familie akzeptieren oder unter deinen Freunden? Jeder würde sagen: Natürlich Null. Es ist nicht hinnehmbar, dass irgendjemand aus meiner Familie oder von meinen Freunden sein Leben im Verkehr verliert. Dann wird klar, wenn das für deine Familie gilt, dann gilt das für alle: Die akzeptierbare Opferzahl für die ganze Gesellschaft ist Null."

Das wichtige bei Schwedens Vision Zero ist, dass sie auch die Strategie zu weniger Unfalltoten vorgibt. So sollen nicht nur Fehler vermieden werden, sondern auch das Fehlverhalten der Verkehrsteilnehmer berücksichtigt werden. Der Verkehr muss Fehlertoleranter werden. Ein Beispiel sind Kreisel. Hier kommt es zwar tendenziell zu mehr Unfällen, als an normalen Kreuzungen. Dafür sind die Folgen nicht so gravierend. Schweden fährt mit der Vision Zero sehr erfolgreich. Schweden hat neben Großbritannien und den Niederlande die wenigsten Unfalltoten im Verhältnis zur Bevölkerungszahl.

Beispiel Zwei plus Eins Landstraßen

Frederik Daveby vom Automobilclub Motormannen zeigt, was das Besondere an Schwedens Verkehrsplanung ist. Er fährt mit uns einige Kilometer raus aus Stockholm. Auf einer gut ausgebauten Landstraße Richtung Nordwesten zeigt er dann nach vorne: "Jetzt kommen wir zu der Zwei plus Eins Zone." Das heißt: Man fährt abwechselnd auf zwei Spuren und dann wieder auf einer. Dabei wird der Gegenverkehr durch einen Mittelzaun getrennt: Dieses Konzept erlaube schmalere Fahrbahnen. Normale Landstraßen könnten deshalb kostengünstig in die dreispurige Variante umgebaut werden.

Kreuzungen vermeiden

Dazu kommt, dass Kreuzungen vermieden werden. Stattdessen gibt es Brücken und Auffahrten. Der Autoclub wünscht sich noch mehr solcher Straßen in Schweden, aber auch noch anderes, so Frederik Daveby: "Wir sollten mehr Polizei auf den Straßen haben, die zum Beispiel Alkoholkontrollen durchführen, aber auch ganz einfach da sind um den Verkehr als Ganzes zu beruhigen. Wir erwarten auch von den Autoherstellern, dass sie noch innovativer sind und noch mehr Techniken erfinden, die uns vor unseren eigenen Fehlern schützen."

Volvos Vision 2020

Bei Volvo hat man eine eigene Vision: Vision 2020. Ab dem Jahr 2020 soll kein Mensch mehr in einem neuen Volvo getötet oder schwer verletzt werden erklärt Janne Ivarsson, Leiter der Sicherheitstechnik bei Volvo: "Als wir unsere Vision 2020 vor ein paar Jahren präsentierten staunte die ganze Szene. Das ist nicht realistisch, sagten einige. Wie wollt ihr das machen? Welche Technik wollt ihr verwenden? Ihr habt doch noch gar nichts. Die Einwände waren nicht falsch, aber die Entwicklung ging ja weiter und jetzt sehen wir, dass wir große Fortschritte gemacht haben." Die Verbesserung der Konstruktion und der Struktur der Fahrzeuge gehört mittlerweile zum Handwerk jedes größeren Autoherstellers. Aber die Volvo Ingenieure entwickelten auch neue Ideen. So brachten sie als erste den Fußgängerairbag zur Serienreife. Ivarson führt das auch auf die Unternehmensphilosophie zurück, bei der der Mensch im Mittelpunkt stehe. Die Zukunft der Sicherheitstechnik würde sich nun immer mehr auf den Menschen konzentrieren: "Wenn ich mir unsere Experten anschaue, dann hatten wir immer schon Biomechaniker, die haben wir heute auch noch, weil sie wichtig sind. Was wir aber jetzt zusätzlich haben sind Verhaltenswissenschaftler."

Denn wenn die Autos lernen, immer mehr Verkehrssituation selbst zu erkennen und zu meistern, muss auch das Verhalten der Fahrer studiert werden. Schließlich müssen die mit dem Auto fahren. Volvo will mit seiner Vision 2020 demonstrieren, dass man in Göteborg die sichersten Autos der Welt baut. Eine Vermarktungsstrategie, sicher. Aber Tatsache ist auch, dass das Thema Sicherheit bei den Schweden Tradition hat.

Reizthema Tempolimit?

Selbst Tempolimits sind in Schweden kein Reizthema, so der Sicherheitsingenieur Janne Ivarson: "Wenn es darum geht, den Verkehrsfluss zu verbessern, helfen Tempolimits, denn der Verkehr fließt gleichmäßiger, es gibt weniger Unterbrechungen, sie verlieren weniger Zeit und haben weniger Konflikte." Anders als in Deutschland werden Geschwindigkeitsbeschränkungen in Schweden stets ausgewiesen. Das sorgt für eine konsequentere Befolgung. Eine Erfahrung, die man auch auf Deutschlands Strassen gemacht hat. In Schweden ist aber auch das Tempolimit niedriger: 80 oder 90 km/h sind der Standard auf Landstraßen. Dazu kommen drakonische Strafen für zu schnelles Fahren. Ärgerlich zwar, aber: "Tempolimits sind kein heißes Thema in Schweden." so die Ministerin für Infrastuktur: "Natürlich gibt es immer wieder Leute die schneller fahren wollen. Aber es gibt ein großes Verständnis dafür, dass Geschwindigkeitsbeschränkungen wichtig sind."

Tempolimit = Verlust von Lebenszeit?

In Deutschland wäre der Ruf danach immer noch politischer Selbstmord. Auch Ulrich Eichhorn vom mächtige Verband der deutschen Automobilindustrie (VDA) hält weitergehende Geschwindigkeitseinschränkungen auf Landstraßen für überflüssig: "Tempo 100 flächen deckend. Für die meisten gut ausgebauten Landstraßen ist es das adäquate und nur für die besonderen schmalen nicht." Gemeint sind Straßen, die schmaler als sechs Meter sind. Allen Experten ist klar, dass durch niedrigere Geschwindigkeiten die Zahl tödlicher Unfälle abnehmen würde. Trotzdem die klare Absage. Warum eigentlich? Der VDA-Geschäftsführer kommt ins Träumen: "Es bringt dem Fahrer das, was für die Menschen am wertvollsten ist. Das ist Lebenszeit, das ist Zeit. Und diese Zeit, nämlich 25 Prozent mehr Zeit mehr aufzubringen, nur damit er auf einer ohnehin sicheren breiten Landstraße langsamer fährt, das ist widersinnig." Leider ist das falsch gerechnet. Es wären zwanzig Prozent. Im Idealfall. Das macht auf einer Strecke von einhundert Kilometern fünfzehn Minuten Zeitersparnis. Doch wer glaubt eigentlich, dass man auf Landstraßen konstant hundert fahren könnte?

Bessere Straßen braucht das Land

Die Kreisstraße 12 bei Bonn. Ute Hammer vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat hat den Ort ausgesucht: "Wir gehen jetzt hier auf einen Kreisverkehr zu. Der war nicht immer da und bevor er da war gab es hier richtig viele Unfälle." Dank des Kreisverkehrs sei dieser Unfallschwerpunkt nun entschärft worden. Aber erst der Tod einer jungen Frau sorgte dafür, dass gehandelt wurde. Für viele zu spät, doch es brauche halt immer einen Anlass, um etwas zu unternehmen. Dazu käme, "dass es unendlich viele Stellen für schwere Unfälle gibt. Die man nicht alle im vor hinein wissen kann." Deutschlands Landstraßen könnten verbessert, entschärft werden. So das Credo vieler Sicherheitsexperten. Neben Kreiseln an Kreuzungen würden zum Beispiel Leitplanken vor Bäumen viele Leben retten. Doch wer will das bezahlen. Schließlich ist kaum Geld da, um die Straßen in Schuss zu halten.

So bleiben viele Wünsche der Sicherheitsexperten Theorie: Die Wirklichkeit sieht anders aus. Neben der Landstraße wird aufgeforstet. Leitplanken sind auf Landstraßen immer noch Seltenheit. Stattdessen wird gerne riskant überholt und schnell gefahren. Ute Hammer sieht aber auch Lichtblicke: "Selten war wahrscheinlich die Situation, dass das Sicherheitsbewusstsein der Bevölkerung letztlich so groß ist. insofern ist das eigentlich, was die Gesellschaft betrifft, ein guter Nährboden. Wir werden trotzdem immer Leute haben, die da rausfallen und rasen, aber das Gros meine ich ist Vision Zero gegenüber sehr aufgeschlossen." Nach allen Recherchen scheint eine Reduzierung der Geschwindigkeiten auf Landstraßen das effektivste Mittel zu sein, um Todesfälle zu vermeiden. Tempo 80 zum Beispiel. "Runter vom Gas". So steht es neben dem Verkehrsministerium. Ein Interview will man nicht zu dem Thema geben. Aber eins ist klar: Ein generelles Tempolimit 80 auf Landstraßen wird so schnell nicht geben. Ob das den schweren Unfall auf der B28 bei Hassloch verhindert hätte? Oder ob er glimpflicher verlaufen wäre? Laut Gutachten fuhr der Wagen nicht schneller als die erlaubten 100 km/h. Es bleibt unklar, warum die Fahrerin von der Straße abkam. Eindeutig ist bloß die Bilanz. Ein Toter, zwei Schwerverletzte.