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SENDETERMIN Do, 17.9.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Kükentötung Schluss mit dem Kükenmord

Eine neue Methode soll ab 2017 das millionenfache Töten männlicher Küken beenden. Dazu wird das Geschlecht des Embroys im Ei bestimmt. Doch ist die Methode wirklich praxistauglich?

"Wie süß...", "so niedlich....", "ohh,..." - so klingt ein Fernsehteam, wenn es vor einer Box mit zwei Tage alten Küken steht. Ganz vorsichtig stecke ich meinen Finger in die Box um eine der kleinen gelben Kugeln zu streicheln. Prompt werde ich gepickt. Die kleinen Küken sind ganz schön auf zack. Die zartgelben sind die Männchen. Sie unterscheiden sich durch ihre Gefiederfarbe von den Weibchen. Die sind nämlich gelbbraun. Doch wir sind nicht im veterinärmedizinischen Institut der Uni Leipzig um Küken zu streicheln. In der Industrie würden die männlichen Küken nämlich gar nicht erst ihren zweiten Tag erleben. 40 Millionen männliche Küken werden jährlich in Deutschland geschreddert oder vergast. Sie sind das Abfallprodukt der Massentierhaltung - nutzlos und wertlos. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft drückt es etwas anders aus: "Für männliche Nachkommen aus Legehennenlinien existieren derzeit aufgrund negativer Korrelationen zwischen Legeleistung und Muskelmasseansatz wenige Verwendungsmöglichkeiten, die unter ökonomischen Gesichtspunkten als sinnvoll erachtet werden." Das Todesurteil für die kleinen flauschigen Küken. Sie legen keine Eier und setzen nicht genug Masse an um ein Brathähnchen zu werden.

Prof. Krautwald-Junghans wirft mir einen scharfen Blick zu als ich versuche ein Küken auf meine Hand zu setzen. Das Küken will sich weder fangen lassen noch will es still sitzen. Die Leiterin des veterinärmedizinischen Instituts der Uni Leipzig hat zusammen mit ihrem Team, dass auch an der TU Dresden forscht, eine Methode erfunden, die dem Kükenmord vielleicht bald ein Ende setzen wird. Eine Methode die auch unter ökonomischen Gesichtspunkten praktikabel sein soll. "Ein spektroskopisches Verfahren zur in ovo-Geschlechtsdiagnose", so die Professorin. Das heißt, dass bereits im Ei festgestellt werden soll, ob es sich um ein Weibchen oder ein Männchen handelt. Und zwar so früh wie möglich, ehe das Schmerzempfinden einsetzt. So können Eier, in denen sich ein männliches Küken entwickelt, weiterverarbeitet werden.

Eine Henne und ein Hahn stehen nebeinander.

Die Geschlechtschromosome sind in den Blutzellen zu finden

Doch der Weg dorthin war lang: "Wir haben angefangen vor zehn Jahren mit Röntgendiagnostik. Ach, wir haben die Eier unter alle bildgebenden Verfahren geschoben. Und haben uns dann langsam zu dieser spektroskopischen Methode vorgetastet, von der wir wissen, dass es keinen Einfluss auf die Tiergesundheit hat." Mit Hilfe von Infrarotstrahlung kann theoretisch schon im unbebrüteten Ei eine Geschlechtsdiagnose vorgenommen werden. Das liegt daran, dass sich in den Blutzellen der Vögel Geschlechtschromosomen befinden. Die sind entscheidend für die Untersuchung. Der Hahn hat zwei Z Chromosomen. Die Henne ein Z und ein W Chromosom. Die Z Chromosomen beinhalten den Großteil der Erbinformationen und sind auch größer als die W Chromosomen. Diese Unterschiede im Genom von Hennen und Hähnen kann die Ramanspektroskopie messen. Diese Nah-Infrarotstrahlung ist ungefährlich für den Embryo. Aufgrund der Größenunterschiede der Geschlechtschromosomen wird die Strahlung unterschiedlich reflektiert. Die Forscher können dann anhand dieser Messkurven genau das Geschlecht des Embryo bestimmen. Eier mit männlichen Embryonen können so frühzeitig aussortiert werden.

Eine Herausforderung stellt jedoch die harte Eierschale dar. Sie ist ein unüberwindbares Hindernis für die Infrarotstrahlung. Deshalb müssen die Eier vorsichtig mit einem Laser perforiert und dann geöffnet werden. Das Öffnen der Eier stellt ein Risiko da, denn ohne die schützende Kalkschale können theoretisch Keime und Sauerstoff in das Eiinnere gelangen. Die Eier mit weiblichen Embryonen werden nach der Messung von Hand wieder verschlossen und weiter bebrütet. Das funktioniert im Labor schon recht gut, aber in einem weiteren Schritt soll ein Prototyp einer Maschine entwickelt werden, der alle Einzelschritte vereint und pro Tag 100.000 Eier öffnen, diagnostizieren und wieder verschließen kann. Bis Ende 2016 soll der Prototyp fertig sein um 2017 in Serie zu gehen. Dann sollen alle Brütereien in Deutschland mit einer solchen Maschine ausgestattet sein. Doch ganz billig wird das nicht werden und ob eine Methode, in der Eier geöffnet und wieder verschlossen werden müssen, auch in der Praxis anwendbar ist, wird sich zeigen.

Aber nicht nur in Deutschland, weltweit wird nach Alternativen zur Kükentötung geforscht. Ansätze gibt es viele, über den Body-Mass-Index der Henne zum Geruch des Eies. Doch im Vergleich sind Prof. Krautwald-Junghans und ihr Team mit ihrer Methode schon recht vielversprechend.

Günstiger und schneller ist nur eine andere Methode - die Gentechnik. In Australien, den Niederlanden und Südkorea gibt es schon Untersuchungen dazu, die erfolgversprechend sind. Die Wissenschaftler insertieren dazu ein grün fluoriszierendes Protein (GFP) in einen Embryo. Dieses Protein stammt aus den leuchtenden Quallen und ist ungefährlich und ungiftig. So entsteht eine Hühner - Art, die genmodifiziert ist. Diese Hühner leuchten im UV-Licht. Die weiblichen Leuchthühner kreuzen die Forscher dann mit männlichen nicht genmanipulierten Hähnen. Da das Leuchtprotein im Z Chromosom sitzt, entstehen bei der Kreuzung männliche Tiere, die grün leuchten. Unter UV-Licht können sie leicht aussortiert werden. Aber Genmanipulation ist sowohl politisch, wie gesellschaftlich nicht akzeptiert. In den Niederlanden haben die Forscher keine Erlaubnis bekommen genmanipulierte Hühner zu züchten. Überhaupt war die gesamte Recherche zur Genmanipulation äußerst mühselig. Der Gedanke an leuchtende Hühner stößt weltweit auf Ablehnung. Auf Versuche mit dem grün fluoriszierenden Protein bin ich erst an der Seoul National University in Südkorea gestoßen.

Weltweit wird an Alternativen zur Kükentötung geforscht, weil bei unseren hochgezüchteten Hochleistungslegehennen die männlichen Tiere keine Verwendung haben. Ob man die Hühner nun genmanipuliert oder die Eier öffnet - auch hier gibt es für die männlichen Tiere nur den Tod. Vielleicht ist es weniger grausam, weniger schmerzhaft "nur" die Embryonen zu töten, aber ist das tatsächlich die Lösung des Problems?

aus der Sendung vom

Do, 17.9.2015 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.