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SENDETERMIN Do, 12.12.2013 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Okklusion Schieflage im Gebiss

Die Funktionsdiagnostik ist eine zahnärztliche Technik, an er sich die Geister scheiden. Für die einen Menschen ist sie die heilsbringende Methode bei vielen rätselhaften Schmerzsymptomen, für andere eine kostspielige Zahntechnik ohne wissenschaftlichen Beleg für die Wirksamkeit.

Zahnspange im Mund in Nahaufnahme

Das SWR-Odysso-Team trifft Rolf Palatzky beim Marathontraining. Vor vier Jahren machten es dem leidenschaftlichen Freizeitsportler stetig zunehmende Schmerzen unmöglich, große Distanzen zu laufen. Bei längeren Rennstrecken bekam er Probleme im Nacken und im Rücken, bei langen Distanzen schmerzten Hüfte und Knie.

Die Ursache der Schmerzen war lange rätselhaft, Palatzkys Orthopäde fand keinen medizinischen Grund. Bald konnte der Freizeitsportler nur noch wenige Kilometer ohne Schmerzen laufen. Schließlich wechselte Palatzky den Orthopäden - und bekam einen überraschenden Rat. "Der hat gesagt, das hänge auch mit der Kiefermuskulatur zusammen. Ich solle mal zu einem Spezialisten gehen." Es könne sein, dass eine Umstellung im Kieferbereich eine Besserung bringe.

Rolf Palatzky wandte sich an Dr. Michael Schlotmann in Menden. Der gelernte Zahntechniker und Zahnarzt ist spezialisiert auf Funktionsanalytik. Der Arzt informierte sich über Palatzkys Vorgeschichte und Beschwerden und untersuchte gründlich Zähne, Muskeln und Kiefergelenk. Schon diese ersten funktionsdiagnostischen Tests zeigten dem Zahnarzt, wo das Problem lag. Im Seitenzahnbereich stimmte der Gebissschluss nicht - es klaffte eine Lücke zwischen Ober- und Unterkiefer. "Das hat dazu geführt, dass er mit seinen Muskeln ziemlich kräftig beißen musste, um die Zahnreihen aufeinander zu bekommen. Die Folge davon war, dass das Kiefergelenk sich unter der Schädelbasis gestaucht hat", erklärt Schlotmann.

Eine Schiene soll Defizite im Gebiss ausgleichen
Die Anhänger der Funktionsdiagnostik sind davon überzeugt, dass es beim perfekten Funktionieren des Kiefergelenks auf Bruchteile von Millimetern ankommt. Stehen Zähne beispielsweise schief und verhindern den Gebissschluss, verursacht dies Schmerzen. Deshalb vermisst Dr. Schlotmann den Kiefer eines Schmerzpatienten mit einer aufwendigen Prozedur. Dazu werden ausladende Messbügel an Unterkiefer und Gesicht befestigt; elektronische Kameras können so die Beweglichkeit des Kiefers in drei Raumrichtungen aufzeichnen. Dieses exakte Vermessen des Kiefers und seiner Beweglichkeit liefern die Information für das Anfertigen einer individuellen Aufbissschiene, die die geometrischen Defizite im Gebiss ausgeglichen soll.

Die Praxis Schlotmann verfügt dazu über ein eigenes zahntechnisches Labor. Dort arbeitet Marco Wittler mit einer winzigen Fräse an der Schiene aus durchsichtigem Kunststoff. Anhand von Gipsabgüssen überprüft der Zahntechniker immer wieder die Kontaktpunkte von Oberkiefer und Unterkiefer - bis mit der Schiene der richtige Kontakt der Zahnreihen hergestellt ist. Im Idealfall bringt die Schiene Schmerzen nach wenigen Wochen zum Verschwinden.

Die Therapie besteht aber nicht allein aus der Schiene - die verspannte Muskulatur des Kiefers braucht zusätzliche Hilfe. Dr. Schlotmann: "Wir lassen generell der Schienentherapie eine physiotherapeutische Behandlung folgen. Es ist so eine Art Krankengymnastik für das Kiefergelenk und die Kaumuskulatur."

Stress als Ursache für Knirsche und Pressen
Der Zahnarzt Dr. Helmut Dietrich kennt die Funktionsdiagnostik ebenfalls. An der Mainzer Uniklinik bildet er Zahnärzte aus. Hierher kommen pro Jahr über 300 Schmerzpatienten, die vermuten, ihre Zähne seien schuld an ihren Problemen. Das stimme aber in der Regel gar nicht, sagt der Zahnarzt. "Etwa 80 Prozent dieser Patienten zeigen bei uns Symptome einer Muskelfehlfunktion, wie sich durch Knirschen oder Pressen ausgelöst werden kann. Die Ursache für das Knirschen und Pressen ist hier aber selten die Störung der Zahnkontakte, sondern ist vielmehr im Stress zu sehen." Den meisten dieser Patienten könne allein eine Physiotherapie und einer Anti-Stress-Beratung helfen.

Daher gibt es immer wieder Kritik an Funktionsdiagnostikern: Dass sie aufwendiger behandeln als medizinisch nötig und einfach nur mehr Geld verdienen wollen. Im Fall von Rolf Palatzky war es so: Er hat sich für eine dauerhafte Lösung durch Kronen entschieden, nachdem er anderthalb Jahre eine Schiene getragen hatte. Bei vielen Patienten belässt es Zahnarzt Schlotmann aber bei Schiene und Physiotherapie, oder er korrigiert Zähne lediglich durch Einschleifen.

Rolf Palatzky ist sich sicher, dass er den richtigen Weg zur Behandlung seiner Schmerzen gewählt hat. Mit der Aufbissschiene nahm er sein Lauftraining wieder auf und konnte nach acht bis zwölf Monaten auch wieder lange Distanzen laufen. "Ich bin seitdem beschwerdefrei und laufe wieder meine gewohnten Strecken von 42 Kilometern. Alles ist bestens."

Der Marathon-Mann ist wieder unterwegs. Dass eine Behandlung seiner Zähne gegen seine Schmerzen in Hüfte, Knie und Schulter helfen könnte, hätte er vor wenigen Jahren nicht geglaubt.