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SENDETERMIN Do, 9.4.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Den Tod annehmen Rituale des Sterbens

Manche verzweifeln, andere versuchen diesen beschwerlichen letzten Weg bewusst zu gehen und stellen sich ihrem Schicksal. Sie bereiten sich so gut es geht auf den Tod vor, psychisch und spirituell.

Ein Rosenkranz mit Holzkreuz liegt auf Tablettenpackungen.

Dem Tod ins Auge sehen

"Es war ein Donnerstag als ich die Diagnose bekam. Ich hatte furchtbare Schmerzen. Ich konnte nicht mehr atmen vor Schmerz, als ich ins Krankenhaus kam. Die Diagnose hat die Ängste der letzten Monate bestätigt - der Krebs ist zurück. Und so schlimm, dass ich keine Chance mehr habe. Seit dieser Entscheidung weiß ich nicht mehr, welcher Wochentag gerade ist. Es hat keine Bedeutung mehr." Wir können den Sterbenden begleiten - durch unsere Nähe, durch Gespräche, durch gemeinsame Momente der Ruhe. Das kann ein erstaunlich bereichernder gemeinsamer Weg sein, mit beglückender Nähe. Doch Menschen, die einen Angehörigen in den Tod begleiten, brauchen Unterstützung. Mitarbeiter von Hospizeinrichtungen, aber auch ambulante Palliativmediziner leisten hier wertvolle Hilfe, denn sie kümmern sich neben den Patienten auch um die Familien.

Schmerztherapie für mehr Lebensqualität

"Die Erfahrung mit diesen extremen Schmerzen, das war für mich ganz furchtbar. Aber in der Klinik bin ich eingestellt worden - und jetzt ist der Schmerz weg. Das ist eine Befreiung für mich und macht die Zeit, die mir bleibt, lebenswert. Ich habe keine Angst mehr vor den Schmerzen. Das Schönste ist, dass ich zu Hause sein kann und trotzdem gut versorgt werde."
Laut einer Umfrage des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes wünschen sich 66 Prozent aller Deutschen zu Hause sterben zu dürfen. Die meisten Menschen jedoch verbringen ihre letzten Tage im Krankenhaus oder in einer stationären Pflegeeinrichtung. Dabei kann man zu Hause fast dieselbe Versorgung leisten wie im Krankenhaus. Es lassen sich zum Beispiel Ultraschall-Untersuchungen machen und Palliativmediziner können die Patienten mit Medikamenten wie etwa Morphin versorgen.

"Eine Ärztin betreut mich hier regelmäßig. Sie arbeitet im ambulanten Palliativteam der Uniklinik. Ich mag sie sehr! Ihre Besuche sind fast wie ein Ritual geworden - wunderbar und beruhigend. Ich kann mit ihr über alles reden. Nicht nur über meine Krankheit, sondern auch über das Sterben."
Viele Patienten sprechen bevorzugt mit ihrem Arzt oder ihrem Betreuer über spirituelle Themen, es muss gar nicht unbedingt ein Seelsorger sein. Die Trauerbegleitung wie die gesamte Palliativbetreuung beginnt meistens mit der Nachricht der lebensgefährlichen Erkrankung.

Atmen und Angst - ein Dilemma

"Es gibt immer wieder Momente, in denen mich der Mut verlässt, in denen ich nicht weiß, ob ich diesen schwierigen Weg schaffe. Da packt mich die Angst, da bleibt mir der Atem weg. Atmen ist da ganz wichtig, ganz ruhig atmen, die Konzentration nur auf den Atem… das muss man üben, sich zu beruhigen, das habe ich erst nicht alleine geschafft. Eine Atemtherapeutin hat mir dabei geholfen."
Atemnot erzeugt Angst, diese wiederum erzeugt Atemnot - Ärzte nennen das den Teufelskreis der Palliativmedizin. Es geht darum, wieder in Fluss zu kommen, damit die Unterbrechungen und das Stocken aufhören. Über das Berühren mit den Händen werden die Sinne wieder geweckt und der Patient bekommt wieder ein Stück Vertrauen in seinen Körper und damit insgesamt mehr Selbstvertrauen.

Geborgenheit schenken durch Rituale

Rituale können in solchen Krisensituationen eine wichtige Rolle spielen, denn sie geben Halt und Orientierung. Das können Gespräche und Gebete sein oder das gemeinsame Hören der Lieblingsmusik. Rituale bewirken, dass der Mensch angerührt wird in seinen Gefühlen, in seiner Emotionalität. Die Umwandlung von Trauer durch Symbole und Rituale ermöglicht den Todkranken Abschied von ihren Angehörigen und Freunden zu nehmen und den Trauernden einen Wiedereinstieg in das aktive Leben.

"Ich habe das große Glück, dass ich viele enge Freunde habe, ein ganz festes Netz. Ich habe in den letzten Tagen mit vielen von ihnen gesprochen, das waren ganz ruhige, tiefe Gespräche, das hat so gut getan. Aber es gibt nicht immer viel zu sagen, manchmal reicht einfach die Nähe. Und wir haben auch gemeinsam kleine Rituale gefeiert. Dann steht das Gespräch nicht im Vordergrund, sondern dann die gemeinsamen Erlebnisse, das Singen, die Lichter."
Rituale haben sowohl eine psychische als auch eine soziale Funktion, gerade wenn das Sprechen schwieriger wird, sind sie ein wichtiges Kommunikationsmittel und können am Ende des Lebens sogar Familienkonflikte lösen.

"Ich bin froh, dass ich zu Hause sein kann. Hier fühle ich mich geborgen. Wenn ich nachdenke, sehe ich mein Leben in vielen Sequenzen ablaufen. Ich stelle mir vor, dass ich dann einfach so hinwegdämmere, irgendwann in den nächsten Tagen. Aber ich habe jetzt nicht mehr soviel Angst vor dem Sterben …"
Wie man lebt, so stirbt man - das berichten Palliativmediziner. Es gibt Menschen, die diesen schwierigen Weg des Sterbens auf bewundernswerte und beeindruckende Weise meistern. Das müssen nicht immer nur religiöse oder ältere Menschen sein, die sich intensiv mit dem Thema "Tod" auseinandergesetzt haben. Wer anfängt schon in guten Zeiten über den Tod zu reden, hat die erste Hürde schon genommen.

aus der Sendung vom

Do, 9.4.2015 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.