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SENDETERMIN Do, 20.7.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Risiko Alltag Was unser Leben wirklich bedroht

Leben ohne Risiko gibt es nicht. Ein Risikoforscher erklärt am Beispiel eines Tages, warum wir uns oft vor dem Falschen fürchten und vor was wir eigentlich Angst haben sollten.

Das Risiko der Routine

Andreas ist Mitte vierzig, Single, Angestellter. Wenn er morgens aufsteht verlässt er den sichersten Ort in seinem Leben: Das Bett. Denn im Vergleich zu allen anderen Aktivitäten ist Schlafen die risikoärmste. Weiter geht es mit dem Auto zur Arbeit. 3.600 Menschen sterben pro Jahr in Deutschland bei Verkehrsunfällen. Trotzdem fühlt sich Andreas sicher, aber warum? Der Risikoforscher Ortwin Renn nennt dafür mehrere Gründe. Erstens haben wir weniger Angst, wenn wir Situationen selbst in der Hand haben und wenn sie für uns Routine bedeuten. Wir überschätzen dadurch unser eigenes Können und wähnen uns in Sicherheit. Zweitens wird in den Medien nicht über jeden Verkehrsunfall berichtet. Sie passieren sukzessive. „Wenn alle Autounfälle am 23. März stattfinden würden, würde wahrscheinlich danach keiner mehr Autofahren.“ Übrigens kommen mehr Kinder im Auto ums Leben, als zu Fuß auf der Straße. Die Kinder mit dem Auto zur Schule zu fahren, macht den Alltag also riskanter, nicht sicherer.

Übertriebene Angst vor Katastrophen

Das erste Stück des Arbeitsweges hat Andreas geschafft. Nun steigt er um in den Zug. Am Bahnhof hat er immer ein mulmiges Gefühl. Zu viel hat er in letzter Zeit über Terroranschläge gehört. Doch die Gefahr, Opfer eines Terroranschlags zu werden ist extrem gering. Gerade mal zwei Deutsche kommen pro Jahr bei Terroranschlägen ums Leben. Die meisten Opfer sind übrigens den NSU Morden zuzurechnen.

Auch im Zug hat Andreas ein ungutes Gefühl. Erst gestern hörte er von einem Zugunglück in den Medien. Doch seine Angst ist nicht gerechtfertigt, denn nach wie vor ist der Zug das sicherste Verkehrsmittel. Weniger als zehn Deutsche kommen pro Jahr bei Zugunfällen ums Leben. Bei Flugzeugunfällen sind es fünfzig Menschen. Andreas fürchtet sich also vor dem Falschen. Laut Ortwin Renn ist uns die Angst vor Katastrophen genetisch vorgegeben: „Das liegt daran, dass wir früher in kleinen Gruppen in Clans gelebt haben. Wenn dann einer starb, war das nicht weiter problematisch, dann konnte jemand anderes die Funktion übernehmen. Wenn aber ein großer Teil starb dann war der ganze Clan gefährdet, die Überlebensfähigkeit der ganzen Sippe war in Gefahr.“

Die wahren Risiken

Am Arbeitsplatz angekommen nutzt Andreas den Aufzug. Den Tag über verbringt er im Sitzen. Ohne es zu merken, verkürzt Andreas so seine Lebensdauer. Risikoforscher David Spiegelhalter errechnete, dass zwei Stunden rumsitzen das Leben um eine halbe Stunde verkürzt. 80.000 Menschen sterben jährlich an den Folgen von Bewegungsmangel. Auch in seiner Mittagspause verliert Andreas Lebenszeit, denn sein Speiseplan beinhaltet zu viel Fett, zu viel Fleisch, zu viel Zucker. 250.000 Deutsche sterben pro Jahr an den Folgekrankheiten. Umgekehrt macht uns, laut Spiegelhalter, viel Obst und Gemüse am Tag um vier Jahre jünger. Auch wer sich gesund ernährt aber wenig bewegt hat die Chance mit 65 noch recht fit zu sein. Doch dann rächt sich der Bewegungsmangel. Spätestens jetzt sollte man anfangen Sport zu treiben. Laut Ortwin Renn kann sich diese Entscheidung positiv auf die Lebenslänge auswirken.

Den Feierabend verbringt Andreas mit Bier und Zigaretten in der Kneipe. Beides keine gute Idee. 110.000 Deutsche sterben beispielsweise an den Folgen des Rauchens pro Jahr. Auch die Tatsache, dass Andreas Single ist kommt ihm nicht zugute. Laut Renn verkürzt sich sein Leben durch das Singledasein um neun Monate.

Wie werden wir Risikomündiger?

Um Risiken besser einschätzen zu können, sollte man sein eigenes Können nicht überschätzen, langfristig denken und vor allem Informationen und Zahlen hinterfragen. „Jeder von uns kennt einen, der sich schlecht ernährt hat, geraucht hat, übergewichtig ist kaum Sport gemacht hat und trotzdem 95 Jahre alt geworden ist. Daher hat man immer die Vorstellung, wenn er es schafft, dann schaffe ich das auch“, so Ortwin Renn. Dieses Phänomen wird auch als Polarisation bezeichnet. Wir nehmen vor allem Informationen auf, die unsere eigene Meinung bestätigen. Andere blenden wir eher aus.

„Doch das Leben wäre unerträglich, würden wir keine Risiken eingehen“, meint Spiegelhalter. Wir wollen Leben und Spaß haben. Das Problem ist, dass es viel schwerer ist, Genuss zu messen, als Tote zu zählen“, so der Risikoforscher.

Mikromort
In der Risikoforschung wird der Begriff „Mikromort“ genutzt um Risiken leichter zu vergleichen. Die Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million beträgt einen Mikromort. Fallschirmspringen liegt beispielsweise bei sieben zu einer Million, also sieben Mikromorts. Ein Tauchgang sind fünf Mikromorts. Eine Herzoperation hat ein Risiko von 20.000 Mikromorts.