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SENDETERMIN Do, 12.5.2016 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Comic Risiken richtig einschätzen

2015 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO den Verzehr von Fleisch als potentiell krebserregend eingestuft. Doch was bedeutet diese Warnung konkret?

Eine Unterorganisation der Weltgesundheitsorganisation, die International
Agency for Research on Cancer (IARC) veröffentlichte im Oktober 2015 Studienergebnisse, in denen sie vor einem um 18 Prozent erhöhten Darmkrebsrisiko durch verarbeitetes Fleisch warnte – und das schon bei einem Fleischkonsum von nur 50 Gramm täglich. Landauf, landab nahmen die Pressekollegen die Meldung dankbar auf. Mit der weltweiten Resonanz, oder besser Empörung unter den Karnivoren hatten die WHO-Forscher wohl kaum gerechnet, denn sie lesen statistische Werte anders als Laien. Aber warum war die Empörung so groß?

Relative Risiken und absolute Zahlen

Die Aussage „18 Prozent erhöhtes Darmkrebsrisiko“ bezieht sich auf das relative Risiko an Darmkrebs zu erkranken. Fünf Prozent bekommen im Laufe ihres Lebens Darmkrebs. Und dieses Risiko ist um 18 Prozent erhöht. In absoluten Zahlen gesagt, erkranken unter Vegetariern und gelegentlichen Fleischessern im Laufe ihres Lebens fünf von Hundert an Darmkrebs – unter den regelmäßigen Karnivoren sind es knapp sechs. Vielleicht kann man über seine Ernährungsgewohnheiten nachdenken, wenn man sich nur von Würstchen, Hamburgern und Leberkäse ernährt, aber als moderater Fleischesser gibt es keinen Anlass zur Panik. Aber warum lassen wir uns so verrückt machen?

Drei Gründe für verzerrte Risikowahrnehmung

Dass wir Opfer verzerrter Risikowahrnehmung werden, liegt an der Struktur unserer Wahrnehmung. Psychologen wie Ortwin Renn oder Gerd Gigerenzer haben es untersucht. Im Folgenden drei der vielen Gründe warum wir einerseits leicht in Panik verfallen und andererseits, wenn es dringend geboten wäre Maßnahmen zu ergreifen, uns in dem Gefühl wiegen, alles sei in bester Ordnung. Erstens: Relative Risiken, also 18 Prozent von 5 Prozent klingen für uns bedrohlicher als die absolute Formulierung „sechs statt fünf von Hundert“. Journalisten, Ärzte, Politiker und sogar die Weltgesundheitsorganisation begehen diesen Darstellungsfehler regelmäßig.

Seltene Ereignisse wirken bedrohlicher

Zweitens: Wir fürchten uns viel mehr vor seltenen Risiken mit schweren Folgen als vor den alltäglichen bekannten Gefahren, die auf Dauer ziemlich sicher tödlich sind. Zum Beispiel: Wenig Bewegung, Übergewicht, Zigaretten- und Alkoholkonsum. Fleischkonsum taucht als Todesursache in keiner Statistik auf.

„Alles unter Kontrolle“

Und Drittens: Risiken, die man selbst eingeht, werden eher akzeptiert. Zum Beispiel: 32 von Hundert Krebserkrankungen des Verdauungstraktes oder der Leber gehen bei Männern auf das Konto von Alkohol, meldet der Krebsinformationsdienst. Dieses hohe Risiko gehen viele ein – weil sie es selbst entscheiden. Gefahren dagegen, die man nicht beeinflussen kann, toleriert man nur sehr ungern. Beispiel: Das Pflanzenschutzmittel Glyphosat wurde kürzlich in Bier nachgewiesen. Das hat auch viel Wirbel in den Medien verursacht. Doch um eine schädliche Menge Glyphosat aufzunehmen, müsste man an einem Tag mehr als 1.000 Liter Bier trinken.