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SENDETERMIN Do, 8.1.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Reportage mit Lena Schmerz adé!

Mit Unterstützung eines Fakirs lernt Reporterin Lena Ganschow im Selbstversuch, mit welchen Methoden man Schmerzen ertragen kann.

Ein Fakir steht auf einem Nagelbrett

Entspannungs- und Atemtechnik hilft

Benji le Fakir legt sich das schwere Nagelbrett auf die Brust. Dann steigt Lena Ganschow noch oben drauf. Zusammen sind das fast 100 Kilo. Das muss doch unheimlich weh tun, denkt die Reporterin, wie hält er das aus? Doch Benji le Fakir beschwichtigt. Für Ungeübte, so erklärt er, wäre das natürlich sehr schmerzhaft, aber durch jahrelanges Training und mit den richtigen Entspannungstechniken, kann man lernen Schmerzen besser auszuhalten. Aber ohne diese Techniken funktioniert es nicht, das spürt Lena Ganschow im Selbstversuch. Sie scheitert bei ihrem Vorhaben, barfuß auf das Nagelbrett zu steigen. Doch Benji le Fakir versichert, dass es mit seiner Hilfe klappen wird: "Ich bin mir ganz sicher, dass Du es mit der richtigen Atem- und Entspannungstechnik schaffst, dich auf dieses Nagelbrett zu stellen."

Ablenkung ist wichtig

Schmerztherapeuten nennen diese Form der Ablenkung "Aufmerksamkeitsverschiebung". Wissenschaftlich untersucht wird das an der Uni-Klinik in Mainz. Dort trifft Lena Ganschow den Neurologen Dr. Christian Geber. Er macht mit ihr ein Experiment, um ihre Schmerztoleranz zu testen - mit einer Schüssel voll Eiswasser. Drei Minuten soll ihr Fuß da drin bleiben. Alle 10 Sekunden, so der Neurologe, soll die Wissenschaftsreporterin die aktuelle Schmerzintensität angeben, auf einer Skala von 0 bis 100, wobei 0 kein Schmerz und 100 der maximal vorstellbare Schmerz ist.

Der Fuß taucht ein, die Uhr läuft. Wasser an der Nullgradgrenze ist schon verdammt kalt. Anfangs hält es Lena Ganschow noch gut aus, aber gegen Ende kommt sie an ihre Schmerzgrenze. Doch immerhin hält sie durch, was keine Selbstverständlichkeit ist, wie der Facharzt betont. Viele Patienten würden es nicht drei Minuten durchhalten, sondern nach ein, zwei Minuten sei für die meisten die Schmerztoleranzgrenze bereits erreicht. Doch die Schmerztoleranz sollte sich noch verbessern lassen, durch Ablenkung. Lena Ganschow wiederholt den Eiswasserversuch. Dieses Mal lenkt sie sich mit einem Computerspiel ab. Das soll ihr Schmerzempfinden verringern. Also muss der Fuß nochmal drei lange Minuten ins eiskalte Nass.

Lena Ganschow hält einen Fuß ins Eiswasser und spielt ein Computerspiel

Lena Ganschow hält einen Fuß ins Eiswasser und lenkt sich durch ein Computerspiel ab

Das Ergebnis zeigt: Es funktioniert tatsächlich. Die Ablenkung hat geholfen, Lena geht viel entspannter mit dem zunehmenden Schmerz um. Das zeigt sich beim Vergleich der beiden Schmerztoleranzkurven, wie Dr. Christian Geber uns erklärt: "Man sieht, dass bei beiden Schmerzverläufen die Schmerzintensität insgesamt zugenommen hat, aber: Beim zweiten Mal war die Schmerzangabe jeweils niedriger als beim ersten Mal. Das spricht dafür, dass die Ablenkung zu einer Schmerzreduktion geführt hat."
Die Ablenkungsstrategie klappt nicht bei jedem Patienten gleich gut, das Fazit des Neurologen ist dennoch positiv: "In der klinischen Praxis sehen wir es ganz häufig, dass Patienten, zum Beispiel mit Kopfschmerzen oder chronischen Schmerzen berichten, dass wenn sie sich ablenken, oder Entspannungsverfahren machen, oder auch Sport, dass sie damit eine Schmerzreduktion haben, so dass ich denke, dass es auf jeden Fall einen Versuch wert ist, um Medikamente zu reduzieren oder vielleicht ganz weglassen zu können."

Schmerzen "wegatmen"

Dem Fakir hilft die richtige Atemtechnik gegen die Schmerzen. Und tatsächlich gibt es auch Schmerzpatienten die berichten, dass sie Schmerzen einfach "wegatmen". Trotzdem kaum zu glauben, dass ein Salto vorwärts durch einen Glasscherbenhaufen, oder ein Sprung aus 1,20 Metern Höhe dorthin, nicht mehr weh tun sollen. Aber es funktioniert. "Unglaublich…, ob ich das auch kann?", fragt sich Lena Ganschow.

Benji le Fakir macht ihr Mut. Noch einmal versucht die odysso-Reporterin, barfuß auf das Nagelbrett zu stehen. Benji zeigt ihr die richtige Atemtechnik und wie man für sich den geeigneten Moment zum ausführen der Aktion findet. Nach ein paar Trockenübungen wird es ernst. Mit einem beherzten Schritt steht Lena schließlich auf dem Nagelbrett. Ihre Füße zittern und brennen, aber Benji lenkt sie mit ein paar Allerweltsfragen zusätzlich ab. Mit Benjis Hilfestellung erträgt sie die Schmerzen, und das für eine Anfängerin erstaunlich lange.

Natürlich sind die Atem- und Entspannungstechnik nicht das Einzige, was dem Fakir bei seinen spektakulären Übungen hilft. Bei Auftritten vor Publikum, so erläutert er, wird er auch von Versagenssängsten geplagt. Das treibt seinen Adrenalinspiegel gewaltig nach oben, und schon alleine das sorgt für eine Schmerzreduktion.

Herausfinden was einem hilft

Schmerztherapeuten empfehlen, vor dem Griff zu Medikamenten erst einmal alle anderen Möglichkeiten auszuschöpfen. Dazu gehören auf jeden Fall Ablenkungs- und Entspannungstechniken. Das Schmerzempfinden ist jedoch etwas sehr Individuelles. Was bei den einen funktioniert, muss bei anderen nicht auch zwangsläufig erfolgreich sein. Aber man kann zusammen mit einem Schmerztherapeuten herausfinden was einem hilft. In der modernen Schmerztherapie wird heute oft interdisziplinär gearbeitet, um die Leiden der Patienten zu mildern. Deshalb kann es im Einzelfall hilfreich sein, wenn Schmerztherapeut, Psychologe und zum Beispiel Orthopäde zusammenarbeiten um Schmerzen in den Griff zu bekommen.

aus der Sendung vom

Do, 8.1.2015 | 22:00 Uhr

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Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.