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SENDETERMIN Do, 9.2.2012 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Reportage mit Lena Ganschow Barbarastollen – Deutsches Kulturgut im Bergwerk

Dilemma Organspende

Der Barbarastollen ist vermutlich der sicherste Ort in ganz Deutschland. In dem ehemaligen Silberbergwerk in Oberried nahe Freiburg, lagert das kulturelle Gedächtnis Deutschlands. Unsere Reporterin Lena Ganschow hat sich das Endlager deutschen Kulturgutes angeschaut und nachgefragt, welchen Sinn das Ganze macht.

Einlagerung im Barbarastollen

Odysso-Reporterin Lena Ganschow steht vor einem Tor, an dem ein Schild mit Symbolen angebracht ist

UNESCO-Schutzzeichen am Tor: Lena Ganschow vor dem Barbarastollen

Erste Frage: was ist so wichtig, dass die Vereinten Nationen den Stollen unter ihren besonderen Schutz stellen? Das dreifach angeordnete, blauweiße Schutzzeichen am Eingang signalisiert: hier lagert Kulturgut, das unter die höchste Sicherheitsstufe der UNESCO fällt. Es ist das einzige Objekt in Deutschland, das diesen Sonderstatus genießt. Ein bis zweimal im Jahr rollen LKW über den holprigen Waldweg bis vor den Eingang und laden rund 30 Edelstahlfässer ab. Lange war diese Aktion streng geheim, erfährt Lena von Lothar Porwich, Mitarbeiter beim zuständigen Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Die gut gesicherte Eingangstür wird geöffnet und die erste Palette mit der geheimnisvollen Fracht rollt in den Stollen, begleitet von einem Sicherheitsdienst und Mitarbeitern des Bundesamtes. Überall sind Bewegungsmelder und Überwachungskameras. Auch die recht kühlen 10 Grad Temperatur und 70 Prozent Luftfeuchtigkeit sind gewöhnungsbedürftig. Ideale Lagerbedingungen für die Edelstahlbehälter, erklärt Lothar Porwich.

Was ist in den Edelstahl-Fässern?

Der Tross bewegt sich 400 m tief ins Berginnere. Am Ende plötzlich eine massive Stahltür. Nur eine Handvoll Menschen kennen den 13-stelligen Code, um den Zugang zum Allerheiligsten zu öffnen. Dann blickt unsere Reporterin in einen langen Lagerstollen: alles voll von Edelstahl-Behältern. 1.500 sind es mittlerweile, fein säuberlich in Regalen aufgereiht. Aber was ist da eigentlich drin? Lothar Porwich holt einen Musterbehälter hervor, öffnet ihn und zieht zu Lenas Überraschung mehrere große Filmspulen heraus. "Insgesamt lagern hier rund 30.000 km Schwarzweißfilm", erklärt der Fachmann vom Bundesamt. Unter Kulturgut hatte sich Lena etwas anderes vorgestellt. Ein genauerer Blick auf einen Filmstreifen zeigt jedoch: es handelt sich um abfotografierte Schriftstücke. "Alles abgelichtete Dokumente aus Archiven der ganzen Republik", erläutert Lothar Porwich, "wichtige Zeugnisse der Deutschen Geschichte." Die, das leuchtet unserer Reporterin ein, schon aus Platzgründen nicht im Original gesichert werden können, sondern nur als Kopie.

Staatsarchiv Ludwigsburg

Archivdirekt Peter Müller entfalten in Handschuhen eine große Urkunde.

Wertvolles Schriftstück: Archivdirektor Peter Müller zeigt eine Papsturkunde aus dem 12. Jahrhundert

Lena will herausfinden, wer darüber entscheidet, welche Dokumente als Kopie im Stollen landen und woher sie kommen. Im Staatsarchiv Ludwigsburg trifft sie Archivdirektor Peter Müller. Wie viele seiner Amtskollegen in den Bundesländern wählt er die Schriftstücke aus, die gesichert werden sollen. Auf mehreren Etagen lagern Unmengen Dokumente Deutscher Geschichte. Für unsere Reporterin zieht der Chef ein paar besonders wertvolle Stücke aus dem Regal: unter anderem eine Papsturkunde aus dem Mittelhalter und einen Brief von Martin Luther. Kein Zweifel: hier lagern echte Schätze. Aber auch kilometerweise Gerichts- und Verwaltungsakten. Lena will von Peter Müller wissen, nach welchen Kriterien ausgewählt wird. "Zuerst die Objekte, die akut vom Verfall bedroht sind, dann Dokumente die für die überregionale Geschichte Deutschlands von Bedeutung sind, zum Beispiel aus der Zeit des Dritten Reiches, wo schon durch den Krieg viel verloren gegangen ist", erläutert der Archivar.

Die Sicherungsverfilmung

Lena Ganschow sitzt am Reproduktionstisch, eine Mitarbeiterin erklärt ihr die Funktionsweise

Akkordarbeit: Eine Dokumentarin zeigt Lena, wie Schriftstücke abfotografiert werden.

Gleich nebenan, am Institut zur Erhaltung von Archiv- und Bibliotheksgut, werden die ausgewählten Stücke abgelichtet. An mehreren so genannten Reprokameras drücken die Mitarbeiter jedes Jahr millionenfach auf den Auslöser: Deutsche Geschichte, abfotografiert im Akkord. Sicherungsverfilmung nennen sie das hier. Reporterin Lena Ganschow darf einen bescheidenen Beitrag zur Sicherung wichtigen Kulturgutes leisten. Sie fotografiert Militärakten aus dem Ersten Weltkrieg, die aktuell gerade dran sind. Am Ende kommt ein Schwarzweiß-Mikrofilm dabei heraus – mit Kopien der Originale. Lena erfährt vom Institutsleiter Frieder Kuhn, dass diese Methode im Digitalen Zeitalter zwar antiquiert erscheinen mag, aber durchaus Sinn macht: im Gegensatz zu digitalen Speichermedien ist der Film nahezu unbegrenzt haltbar. Und zum Lesen benötigt man kein technisches Gerät, sondern nur Licht und eine Lupe! Bestehen die belichteten Filme den Qualitätscheck am Lesegerät, werden sie zu großen Filmspulen gewickelt und von einer Spezialfirma in München in den schon bekannten Edelstahlbehältern luftdicht verschlossen.

Krieg und Zerstörung vorbeugen

Lena Ganschow hält einen Mikrofilm gegen das Fenster und begutachtet in mit meiner Lupe

Analogfilm ist sicherer: Um einen Mikrofilm zu lesen braucht es nur Licht und Lupe.

Entstanden ist die Idee der Sicherungsverfilmung unter dem Eindruck der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg. Man wollte für die Zukunft verhindern, dass wichtige Dokumente der Deutschen Geschichte vernichtet werden und damit für immer verloren sind. Der nachfolgende Kalte Krieg mit seiner atomaren Bedrohung verstärkte die Anstrengungen der Vereinten Nationen, wichtige Kulturgüter international zu schützen. Die Konferenz über ein Kulturschutzabkommen fand 1954 in Den Haag statt. Am 14. Mai 1954 wurde die "Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten" von den meisten der 56 Teilnehmerstaaten, darunter die Bundesrepublik Deutschland, unterzeichnet. Daraus resultiert der besondere Schutz, unter dem der Barbarastollen heute steht. 20 bis 30 Millionen Aufnahmen werden in den Sicherungsverfilmungsstellen des Bundes und der Länder pro Jahr hergestellt und im Stollen eingelagert. Darunter die Baupläne des Kölner Doms, der Einigungsvertrag, Schriften von Hermann Hesse und vieles mehr. Doch nicht nur Kriege sind eine Bedrohung für unsere Kulturgüter, betont Frieder Kuhn. Als Beispiele nennt er den Einsturz des Kölner Stadtarchivs und den Brand in der Weimarer Anna Amalia-Bibliothek. Beide Häuser beklagen den Verlust wertvoller Originale, aber ein großer Teil lagert immerhin noch als Kopie in den Stahlfässern.

Kulturgut gesichert – für wen?

Menschen mit Hubwagen betreten einen Stolleneingang

Stolleneingang: In Stahlzylinder verstaut werden die Filme eingelagert.

Zurück im Barbarastollen. Lena hilft dabei, die letzten Fässer mit Mikrofilmen zu verstauen. Rund eine Milliarde Aufnahmen mit abfotografierten Dokumenten haben sich hier bis heute angesammelt – atombombensicher, tief im Berg verstaut. Unsere Reporterin fragt sich, wer irgendwann mal etwas damit anfangen soll. Lothar Porwich hat sofort eine Erklärung parat: "Das ist natürlich eine berechtigte Frage, gibt er zu, "aber denken Sie mal an diese alten Wandmalereien die wir heute auch noch finden." Und so stellt sich der Mann vom Bundesamt vor, dass irgendwann, in ein paar Hundert Jahren, unsere Nachfahren auf diese Fässer stoßen werden und den Inhalt entziffern und betont: "Man interessiert sich immer für die Vorfahren, aus welchem Leben komme ich, wie bin ich entstanden. Diese Neugier die der Mensch ja hat, wird immer bleiben."

In ferner Zukunft

Langer Stollengang mit Regalen voller Stahlzylinder

Gehütetes Heiligtum: Hier lagert Jahrhunderte alte deutsche Geschichte.

Lena hat erfahren, dass ein enormer technischer und finanzieller Aufwand betrieben wird, um Deutschlands kulturelles Gedächtnis zu bewahren. Ob das Ganze aber tatsächlich einmal von Nutzen sein wird, so wie es sich die Verantwortlichen vorstellen, weiß heute natürlich niemand. Doch wer auch immer in ein paar Hundert Jahren die schwere Stahltür zum Lagerstollen öffnen wird, so der Plan, soll sich ein Bild vom ehemaligen Deutschland machen können.