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SENDETERMIN Do, 5.9.2013 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Reportage mit Lena Ganschow Kreuzfahrten: Rette sich wer kann!

Vielen ist das Unglück mit dem Kreuzfahrtschiff Costa Concordia vor der italienischen Küste noch gut im Gedächtnis. Grund genug für SWR-Odysso-Reporterin Lena Ganschow nachzuhaken, was für die Sicherheit der Passagiere auf See getan wird.

Erste Station: der Hafen von Travemünde, Skandinavienkai. Jedes Jahr starten rund 300.000 Touristen von hier per Schiff ihre Reise über die Ostsee. SWR-Odysso-Reporterin Lena Ganschow trifft Christian Frömmel von der Berufsgenossenschaft Verkehr. Im Auftrag der Hamburger Dienststelle für Schiffssicherheit prüft der Experte regelmäßig den Zustand der Sicherheitssysteme. An Bord des Passagierschiffes Peter Pan, das zwischen Travemünde und Trelleborg verkehrt, zeigt er unserer Reporterin, dass bei der Sicherheit jede Kleinigkeit zählt. Angefangen von den Lichtleisten, die im Brandfall den Weg an Deck weisen sollen, bis hin zu den obligatorischen Schwimmwesten.

Christian Frömmel und  Odysso-Reporterin Lena Ganschow gehen durch einen Gang im Passagierdeck, der mit Lichtleisten ausgestattet ist

Wegweiser im Brandfall: Die Lichtleisten über dem Boden führen die Passagiere zum Rettungsboot.

"Auf Passagierschiffen gelten besonders strenge Vorschriften, deren Einhaltung regelmäßig überprüft wird", erklärt der Fachmann. Rund 800 Passagiere müssen im Notfall innerhalb von 30 Minuten von Bord gebracht werden. Dafür gibt es zwei Rettungsboote und zwei Systeme zur Schnellevakuierung. Entscheidend ist aber, dass die Besatzung im Ernstfall professionell damit umgeht. Das klappt nur, wenn die entsprechenden Manöver regelmäßig geübt werden.

Training für Schiffsbesatzungen

In Elsfleth, einem kleinen Ort zwischen Bremen und Bremerhaven, befindet sich das Maritime Kompetenzzentrum, eine der modernsten Trainingseinrichtungen für Schiffsbesatzungen. Hier werden Seeleute für den Ernstfall geschult. Lena Ganschow nimmt hier an einem sogenannten Überlebenstraining-See teil. Eine Woche dauert der Kurs aus Theorie und Praxis. Die Teilnehmer lernen den sicheren Umgang mit der Rettungsausrüstung eines Schiffes: Signalfackeln, Funkgeräte, Rettungsinseln und Überlebensanzüge.

Lena Ganschow steht auf einer gekenterten Rettungsinsel und versucht mit dem eigenen Körpergewichts wieder aufzurichten

Balanceakt: Lena versucht die gekenterte Rettungsinsel umzudrehen.

Schon das Aufrichten einer gekenterten Rettungsinsel ist eine Herausforderung. Denn im Trainingsschwimmbecken aktivieren die Ausbilder alles, was die Technik hergibt: meterhohe Wellen, Regen, Sturm, Dunkelheit - jede nur denkbare Situation lässt sich auf Knopfdruck herstellen. Ein realitätsnahes Szenario, das die Kursteilnehmer an ihre körperliche Leistungsgrenze bringt. Die SWR-Reporterin erfährt am eigenen Leib, wie es ist, ums nackte Überleben zu kämpfen, und dass jeder Handgriff sitzen muss, wenn man im Ernstfall Passagiere aus den Fluten retten will. Wer diesen Trainingskurs erfolgreich durchlaufen hat, sollte das beherrschen.

Passagiere sollen den Anweisungen folgen

Ausbilder Ralf Schmidt mahnt aber auch eine gewisse Eigenverantwortung der Passagiere an und dazu gehört in erster Linie das Zuhören. "Die Passagiere müssen vor allen Dingen darauf achten, was die Besatzung ihnen sagt", betont er mit Nachdruck. Das gilt ganz besonders für eine Massenevakuierung. Der Schlauch, durch den die Passagiere von Deck nach unten in eine Rettungsinsel geleitet werden, ist aus Netzgewebe. Wenn die Besatzung dazu auffordert, alles zurückzulassen, womit jemand hängen bleiben könnte, sollte man High Heels, Haarnadeln oder ausladende Schmuckstücke schleunigst ablegen.

odysso-Reporterin Lena Ganschow im Überlebensanzug im Schwimmbecken bei hohen Wellengang

Realitätsnahes Training: Lena muss sich bei hohem Wellengang über Wasser halten.

Eindringlich warnt Ralf Schmidt davor, aus Panik ins Wasser zu springen. Je nach Wassertemperatur droht ein Kälteschock mit Kreislauf- und Herzversagen. Ist die Temperatur unter 5 Grad Celsius, besteht schon nach wenigen Minuten Lebensgefahr durch Unterkühlung. Wer unabsichtlich ins Wasser gefallen ist, dem rät der Experte nicht gleich mit Schwimmbewegungen zu beginnen, weil das den Kreislauf zusätzlich belastet. Besser sei es zu versuchen, sich erst mal zwei Minuten lang an der Wasseroberfläche zu stabilisieren. So hat der Körper eine Chance, sich auf das kalte Wasser einzustellen.

See-Notrettung im freien Fall

Lena Ganschow hat Gelegenheit, am Maritimen Kompetenzzentrum auch das sicherste und schnellste Rettungsgerät der Seefahrt zu testen, ein sogenanntes Freifallboot. Das hängt in einem Stahlgestell, wird im Ernstfall einfach ausgeklinkt und stürzt Bug voran ins Wasser. Zusammen mit einem Bootsführer und zwölf anderen Kursteilnehmern besteigt die SWR-Reporterin das Boot, das gut zehn Meter über der Wasseroberfläche hängt. Gewöhnungsbedürftig ist, dass man mit dem Rücken zur Fallrichtung sitzt. Das soll beim Aufprall im Wasser für eine stabile Körperhaltung sorgen. Die Luke wird geschlossen. Dann zieht der Bootsführer den Sicherungsbolzen. Alle halten kurz den Atem an.

Fallendes Bott trifft auf die Wasseroberfläche  und verursacht eine riesige Bugwelle.

Gelandet: Das Freifall-Boot verschwindet kurz in einer riesigen Bugwelle.

Im freien Fall rauscht das rundum geschlossene Boot ins Wasser. Nach dem Aufsetzen gleitet es sicher durchs Wasser. Bis zu 50 Meter Fallhöhe sind damit möglich, ohne dass die Insassen sich verletzten. Innerhalb kürzester Zeit bringt es die Passagiere so in Sicherheit und mit Motorkraft aus der Gefahrenzone. Von Christian Frömmel, Experte für Schiffssicherheit, will die Reporterin wissen, warum nur Frachtschiffe und Bohrinseln derartige Rettungsboote haben, nicht aber Passagierschiffe. Weil in ein Freifallboot nur bis zu 25 Personen passten, erklärt der Experte, und sie damit für große Passagierzahlen ungeeignet seien. Außerdem würden Freifallboote und deren Aufhängungen auf Passagierschiffen zu viel Platz beanspruchen, was ebenfalls auf Kosten der Passagierkapazität ginge.

Sicherheitsstandard in Nordeuropa gut

Bei seinen Schiffskontrollen überprüft Frömmel nicht nur regelmäßig den Zustand der Rettungsausrüstung. Er lässt sich auch zeigen, wie fit die Mannschaften im Umgang damit sind. Da kann es schon mal sein, dass die Besatzung spontan ein Mann-über-Bord-Manöver vorführen muss. Insgesamt bescheinigt der Experte den Passagierschiffen in Nordeuropa einen guten Sicherheitsstandard. Auch weil teilweise mehr getan würde, als die Vorschriften verlangten. Das ist allerdings nicht überall so. Zwar gelten weltweit Mindeststandards für Rettungssysteme, letztlich entscheiden jedoch die Reedereien, wie viel sie bereit sind, in die Sicherheit ihrer Passagiere zu investieren.

Wer also genauer wissen will, in welchen Häfen der Welt er besser auf eine Schiffsreise verzichtet, sollte einen Blick in die sogenannte Weiße Liste der Kreuzfahrtreedereien werfen. Dort kann jeder nachlesen, unter welcher Flagge man sicher fährt, unter welcher weniger, und wo es sogar riskant ist an Bord zu gehen.