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SENDETERMIN Do, 16.7.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Kommunikation Reden statt Röntgen

Die richtigen Worte von einer Vertrauensperson, wie dem Arzt können wahre Wunder bewirken. Trotzdem herrscht Sprachlosigkeit in deutschen Sprechzimmern - von Ausnahmen abgesehen. Warum nur?

Reden ist Gold

Miteinander reden garantiert medizinischen Erfolg. Das ist die Devise von Dr. Bernd Hontschik. Er arbeitet mit Kollegen in einer gut gehenden Kassenarztpraxis in der Frankfurter Innenstadt. Für ihn ist der konzentrierte Austausch mit Patienten Bestandteil der Therapie. Und das, obwohl er Chirurg ist. "Spontan denken viele Leute: Das ist derjenige, der das Skalpell schwingt und Haut näht und schneidet. Doch das macht eigentlich nur einen Teil meiner Arbeit aus", sagt Hontschik.
Aus Erfahrung weiß der Chirurg, dass manche Patienten ihre Geschichte erzählen müssen: "Es gibt Patienten, die sagen ich hab mir in der Küche in den Finger geschnitten. Das war’s. Dann weiß ich Bescheid und nähe die Wunde und dann ist die Behandlung erledigt. Es gibt aber Patienten, die um diese Schnittwunde herum eine Geschichte erzählen, weil sie vielleicht in einer gespannten Situation zu Hause leben oder unheimlich unter Druck stehen. Wenn man das nicht zulässt und nicht zuhört, dann geht auch die Behandlung schief. So komisch das klingt."
Damit macht der Arzt genau das, was sich Patienten wünschen. Eine Studie der Fachhochschule Rhein Erft zeigt, dass Kranke bei der Beurteilung einer Therapie vor allem Wert darauf legen, sich verstanden zu fühlen.

Ärzte befürchten, dass Patienten zu lange reden

Anders als Dr. Hontschik glauben viele Ärzte, dass ihre Patienten kein Ende finden. Ließe man sie reden, sprechen sie jedoch nicht länger als zwei Minuten. Das haben Studien gezeigt. Trotzdem werden sie vom Arzt nach circa 20 Sekunden zum ersten Mal unterbrochen - denn Zeit ist Geld!
Darauf hat man bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung mit einer neuen Gebührenziffer reagiert. Alle Ärzte können seit 2013 ihre Patientengespräche nun besser abrechen. Allerdings zu Lasten anderer Leistungen. Deshalb sorgt die neue Ziffer KV intern für Ärger. Norbert Metge ist Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg und verlangt zusätzliche Mittel für die Finanzierung der sprechenden Medizin: "Sie können ja keinen Gips an einem Arm schlechter vergüten, nur weil gleichzeitig mit Jemand anders ein Gespräch führen. Jede Leistung hat eine Wertigkeit und deswegen benötigen wir für neue Bereiche in der Medizin neue Mittel."

Überdiagnostik ist teuer

Das klingt, als gäbe es nicht genügend Geld, um die Tätigkeiten der Ärzte zu finanzieren. Doch davon ist genug im Topf der Kassenärztlichen Vereinigungen. Die Frage ist nur, ob es immer sinnvoll ausgegeben wird. Zahlreiche Experten beklagen sogar eine Überversorgung bei Patienten. Jeder Deutsche erhält im Schnitt 1, 7 Röntgenbilder pro Jahr und auch Laboruntersuchungen sowie Operationen werden umfangreich abgerechnet.
Kenner des Systems klagen deshalb schon länger über falsche Anreize im Vergütungssystem. Hier lässt sich also Geld sparen. Doch Norbert Metge sieht das anders: "Überdiagnostik ist nicht nur ein Problem des Mediziners. Überdiagnostik ist auch die Angst bei Patienten in der aufgeklärten Gesellschaft. Dabei gilt es vor allem, Ängste vor Krankheiten auszuschließen. Deswegen ist das, was als Überversorgung bezeichnet wird sehr oft nichts anderes wie das Ausräumen von Angst."

"Von jeder zweiten OP rate ich ab"

Aus Sicht des Praktikers Bernd Hontschik lässt sich diese Angst der Patienten am besten durch Gespräche beruhigen: "Es kommen häufig Patienten, denen eine Operation am Knie oder am Rücken empfohlen wurde. Die sind unsicher und wollen eine zweite Meinung. Wahrscheinlich, weil das mit dem Sprechen, dort wo sie zuerst waren, nicht so richtig geklappt hat. Und dann schaue ich mir das an und würde sagen: In der Hälfte der Fälle rate ich den Patienten davon ab, sich operieren zu lassen."
Der Chirurg hat trotz langer Gespräche keine finanziellen Probleme. Vielleicht nicht repräsentativ, aber auch Einstellungssache. Und: Kommunikation verhindert Fehl-Operation, Doppel-Untersuchungen und Missverständnisse. Vor allem schafft das Gespräch eins: Vertrauen zwischen Arzt und Patient. Das ist für die Genesung essentiell.

aus der Sendung vom

Do, 16.7.2015 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.