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SENDETERMIN Do, 11.7.2013 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Umgeschulte Linkshänder Rechtshänder wider Willen

Zwei linke Hände haben, jemanden links liegen lassen - das Wort "links" ist bei uns negativ besetzt. Noch bis in die 1980er Jahre hinein bemühten sich Pädagogen, linkshändige Kinder auf die rechte Hand umzutrainieren. Mit fatalen Folgen.

Ein kleines Mädchen hält einen Buntstift in ihrer linken Hand und malt.

Gerade in den 1950er und 1960er Jahren wurden Linkshänder nicht selten mit gewaltsamen Mitteln umerzogen. Wer in der Schule mit der linken Hand schrieb, bekam Schläge mit dem Rohrstock oder er bekam die linke Hand auf den Rücken gebunden. Kinder durften nur das sogenannte schöne Händchen gebrauchen.

Auch Elisabeth Grote ist von ihren Lehrern auf die rechte Hand umgeschult worden. Sie hat wenig gute Erinnerungen an ihre Schulzeit. Sie konnte gut lesen, entwickelte aber eine Rechtschreibschwäche. Noch heute erinnert sie sich daran, wie sie immer wieder Buchstaben ausließ, im Diktat viel zu langsam war und aus Frust schließlich die Schule abbrach. Warum sie diese Probleme hatte, dafür hatte sie lange Zeit selbst keine Erklärung. "Dieses Gefühl des Versagens ist ganz groß. Weil keiner sagt, wieso das so ist."

Umschulung auf rechts greift ins Gehirn ein

Computergrafik: Gläserner Mensch mit Blick von oben auf beide Gehirnhälften, wobei der linke Arm und die rechte Hälfte gelb eingefärbt sind.

Eine Gehirnhälfte steuert immer den gegenüberliegenden Arm.

Juristisch gesehen gilt das Umschulen von Kindern heute als Körperverletzung. Inzwischen ist bekannt, dass es viel mehr bedeutet als eine pädagogische Maßnahme in Kindertagen - denn Hände und Gehirn sind eng verbunden. "Die Umschulung auf die nichtdominante Hand ist ein massiver Eingriff ins Gehirn ohne Blutvergießen. Es kommt zu einer Kompetenzverschiebung zwischen der dominanten Gehirnhälfte, die darf nicht reagieren, und die nicht-dominante muss reagieren", erläutert die Psychologin und Psychotherapeutin Dr. Johanna Barbara Sattler. Sie forscht seit vielen Jahren zur Händigkeit und leitet in München die erste deutsche Beratungsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder.

Die lange Erfahrung zeigt ihr, dass viele umgeschulte Linkshänder mit ähnlichen Folgen kämpfen: Stottern, Wortfindungsprobleme, schlechte Feinmotorik, Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme, Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten. In einzelnen Fällen ziehen sich die Betroffenen sehr zurück, leiden unter mangelndem Selbstwertgefühl und entwickeln teilweise sogar Depressionen.

Linkshänder von Geburt an

Lange galt ungefähr jeder zehnte Mensch als Linkshänder. Experten schätzen die Zahl inzwischen auf bis zu dreimal höher. Zwar wird nicht mehr absichtlich umgeschult, aber viele linkshändig geborene Kinder ahmen freiwillig ihre rechtshändigen Eltern nach und schulen sich quasi selbst um.

Dr. Johanna Barbara Sattler sitzt am Schreibtisch vor einem dicken Aktenordner

Dr. Johanna Barbara Sattler berät umerzogene Linkshänder

Wieso Menschen Links- oder Rechtshänder sind, ist noch nicht geklärt. Dazu gibt es verschiedene Theorien. Eine macht das Testosteron im Mutterleib dafür verantwortlich, eine andere geht von einer genetischen Veranlagung aus. Einigkeit besteht aber darin: Wir kommen als Links- oder Rechtshänder zur Welt. Sicher ist außerdem, dass das Bevorzugen einer Hand eng mit der Vernetzung im Gehirn verbunden ist. Jede der beiden Gehirnhälften steuert die gegenüberliegende Hand. Beim Rechtshänder ist die linke Hälfte motorisch dominant und umgekehrt. Die sonstige Aufgabenverteilung ist dagegen gleich: Rechts liegt hauptsächlich das Kreative, die Raumwahrnehmung und die Intuition, links hauptsächlich das analytische Denken und die Sprache. Vor allem wenn motorische und intellektuelle Anforderungen zusammenkommen, wie zum Beispiel beim Schreiben, sind die Umschulungsfolgen besonders gravierend. Dies auszugleichen, kostet unglaubliche Kraft und erschöpft die Betroffenen im Alltag.

Rückschulung auf die dominante Hand

Das Schreiben mit rechts macht umgeschulte Linkshänder nicht zu Rechtshändern, kann aber zu Irritationen führen. Viele Tätigkeiten sind für sie nicht intuitiv wie Dosen öffnen oder Stifte anspitzen, andere gar nicht möglich wie Schreiben und zugleich Zuhören. In Stresssituationen sind die Gedanken zwar vielleicht klar im Kopf, aber sie aufzuschreiben ist ein echtes Problem. In manchen Fällen raten Psychologen deshalb zu einer Rückschulung auf die dominante Hand. Doch das erfordert Zeit und jede Menge Geduld. "Eine Rückschulung auf die dominante Hand ist ein erneutes Experiment mit dem Gehirn, erklärt Dr. Sattler. "Für manche Menschen kann das sehr günstig und befreiend sein, für andere kann das aber auch wieder in neue Schwierigkeiten führen." Dennoch: Elisabeth Grote will das Experiment demnächst wagen. Sie möchte mit der linken Hand schreiben, denn sie ist Linkshänderin - und zwar nicht nur eigentlich.