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SENDETERMIN Do, 7.3.2013 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Psychopillen Aggressiv durch Antidepressiva?

Rund fünf Prozent der Deutschen schlucken Psychopillen. Oft handelt es sich dabei um sogenannte Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Doch diese Antidepressiva stehen in der Kritik, weil sie Aggressionen schüren können - gegen sich selbst und andere.

Ein Selbstmord und ein Mammutprozess

Kölner Landesgericht, Januar 2013: Lothar Schröder und sein Anwalt kommen von einem Gerichtstermin - einer von vielen. Seit fünf Jahren klagen sie gegen den Pharmariesen Pfizer.

Was ist passiert? Seit 2005 ist Lothar Schröder verwitwet. Seine Frau Monika Kranz hat sich vor einen Güterzug geworfen. Sie hatte zuvor ein Medikament von Pfizer eingenommen - Zoloft, ein sogenannter Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, kurz SSRI. Ihre Ärztin hatte Monika Kranz die Tabletten als "Stimmungsaufheller" verschrieben. Doch der Zustand von Monika Kranz verschlechterte sich: "Sie war verschlossen", berichtet der Mathematiker. "Sie war nicht mehr der Mensch, der sie vorher war. Aber sie war in ärztlicher Behandlung, und ich habe darauf vertraut, dass die Ärzte schon alles richtig machen."

Wenige Tage später war Monika Kranz tot. Lothar Schröder stand unter Schock. Er begann zu recherchieren, und fand heraus, dass Serotonin-Wiederaufnahmehemmer im Verdacht stehen, Aggressionen zu bestärken. Auch ein Selbstmord wird als Aggression gegen das Selbst bezeichnet. Deshalb haben Lothar Schröder und sein Anwalt die Firma Pfizer auf Mitschuld am Selbstmord von Monika Kranz verklagt.

SSRI-Antidepressiva im Kreuzfeuer der Wissenschaft

Ist es wirklich möglich, dass ein Selbstmord durch Antidepressiva ausgelöst wird? Diese Frage diskutieren Wissenschaftler seit über zehn Jahren. Einige Studien kommen zu dem Schluss, dass diese Medikamente gar keine Wirkung haben. Aktuelle Untersuchungen widerlegen diese Aussagen jedoch. Doch auch dabei kam heraus, dass vor allem zu Beginn einer Therapie Serotonin-Wiederaufnahmehemmer nur wenige positive Wirkungen bei Depressionen zeigen. Allerdings zeigten sich gefährliche Nebenwirkungen durch den Eingriff in den Serotoninstoffwechsel im Gehirn. "Besonders interessant ist der Einfluss auf die Aggressivität - nach innen als Suizid, nach außen als Fremdaggression", sagt Prof. Andreas Meyer-Lindenberg vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim.

Amokläufe durch SSRI-Antidepressiva?

Bildschirm mit eine Aufzählung verschiedener Ereignisse

Erschreckend lange Liste: Viele Amokläufer in den USA haben offenbar SSRI-Antidepressiva eingenommen.

Können SSRI-Antidepressiva Amokläufe und Selbstmorde auslösen? Eine amerikanische Internetliste scheint dies nahezulegen. Sie dokumentiert Fälle von Selbstmorden und Amokläufen, bei denen vermutlich SSRI-Hemmer im Spiel waren. Ein wissenschaftlicher Beleg ist das nicht. Doch schon in den 1990er Jahren verklagten Angehörige von Opfern einer Schießerei den Hersteller eines SSRI-Antidepressivums. Ein Amokläufer hatte acht Menschen getötet, zwölf weitere verletzt und danach sich selbst erschossen. Er litt an Depressionen und hatte das Medikament erst kurze Zeit vorher geschluckt. Es kam schließlich zu einer außergerichtlichen Einigung.

Gerade was Amokläufe betrifft, ist Deutschland nicht mit den USA vergleichbar. Doch eine Studie zeigt, dass auch bei uns immer mehr Antidepressiva verschrieben werden. Mittlerweile schluckt jeder 20. Deutsche solche Medikamente. Laut Gesundheitsministerium leiden vier Millionen Menschen an Depressionen. Sie haben Angstzustände, Schuldgefühle und werden oft von zerstörerischen Gedanken geplagt - sei es Hass auf andere oder sich selbst. Weil Depressive aber mutlos und antriebslos sind, setzen sie aggressive Vorstellungen nicht um. Genau da liegt die Gefahren von Antidepressiva. "In der Anfangsphase kann eine Depression noch ganz tief sein - der Patient ist nach wie vor deprimierter Stimmung, will sterben, aber das Medikament beginnt bereits, den Antrieb zu verbessern", erklärt Meyer-Lindenberg. "Das heißt, der Patient ist wieder in der Lage, etwas zu tun." Was eigentlich etwas Gutes sei, könne aber dazu führen, dass suizidalen Impulse umgesetzt werden in die Tat.

Nebenwirkungen werden oft vernachlässigt

Es sei daher wichtig, Patienten vor allem in der kritischen Anfangsphase engmaschig zu betreuen. Doch Antidepressiva werden oft von Hausärzten verschrieben, die weder die Zeit für therapeutische Begleitung noch die Erfahrung dazu haben. Teilweise fehlt ihnen sogar das Problembewusstsein im Umgang mit Psychopharmaka und deren Nebenwirkungen.

Doch wer therapeutische Betreuung in psychiatrischen Kliniken oder beim Psychotherapeuten sucht, findet nicht automatisch Hilfe. 80 Tage warten Betroffene bei uns im Schnitt auf einen ambulanten Therapieplatz. Gleichzeitig steigt die Zahl der psychisch Kranken rasant. Ein Dilemma - und für Depressive, die SSRI-Hemmer bekommen ein echtes Risiko: "Die Patienten müssen wissen, dass Serotonin-Wiederaufnahmehemmer sehr wirksame Medikamente sind. Dazu gehört auch das Thema erhöhte Aggressivität", betont Experte Meyer-Lindenberg. "Vor allem müssen Patienten wissen: Dahin kann ich mich wenden, wenn mir was unheimlich vorkommt, wenn es mir schlechter geht, oder wenn ich Aggressionen oder Suizidgefahr spüre."

Warnhinweise kamen zu spät für Monika Kranz

Zwei Männer in Robe und Anzug sitzen auf einer Bank im Gericht

Davids gegen Goliath: Der Klageweg gegen den Pharmariesen könnte ein sehr langer sein.

In den USA sind Hersteller wie Pfizer verpflichtet, auf die Gefahren in der Packungsbeilage seiner SSRI-Antidepressiva hinzuweisen. In Deutschland gilt die Bestimmung für Erwachsene erst seit 2008. Zu spät für Monika Kranz. Wie viele Patienten wurde sie allein gelassen und über mögliche Nebenwirkungen nicht informiert. "Hätten wir damals schon gewusst, dass dieses Medikament derartige Wirkungen haben kann, dann hätten wir ganz anders reagiert. Dann hätte ich sie auch nicht alleine gelassen", sagt Lothar Schröder. Deshalb kämpfen er und sein Anwalt vor Gericht. Sie sehen die Informationspflicht des Herstellers verletzt. Allerdings müssen sie damit rechnen, dass es noch viele Jahre dauern wird, bis ein Ergebnis vorliegt.