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SENDETERMIN Do, 7.3.2013 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Psychiatrie Ohne Zwangsmedikation, bitte

In vielen deutschen Kliniken bekommen psychisch kranke Menschen zwangsweise Medikamente. Dabei sollen Ärzte eigentlich respektieren, wenn ein Patient dies nicht will. Dass es ohne Zwangsbehandlung geht, zeigt das Beispiel Heidenheim.

Dr. Martin Zinkler ist Chefarzt der Psychiatrie am Klinikum Heidenheim. Er weiß, welchen Ruf psychiatrische Anstalten oft haben: "Die ärztliche Aufgabe beginnt damit, dass man dem Patienten sagt: Ich schade Ihnen nicht." Die Psychiatrie habe es irgendwie geschafft, so viel Angst zu machen, dass etliche Menschen keine Hilfe in Anspruch nehmen.

Zwang und Entwürdigung sind Teil der Psychiatriegeschichte. Seit den Zeiten, in denen Patienten Objekte ärztlicher Willkür wurden, hat sich zwar viel getan - doch trotz Reformen in der Psychiatrie, Zwangsbehandlungen gibt es noch immer. Ärzte können, wenn sie es für nötig halten, Patienten gegen deren Willen Psychopharmaka verabreichen - auch über längere Zeit. Mit der dazu nötigen richterlichen Zustimmung erhielten auch in Heidenheim Patienten zwangsweise Medikamente. In diesen Fällen erschien es den Ärzten als letzter Weg, Patienten zu helfen.

Zwangsbehandlungen ausgesetzt

Therapeut mit Klangschale in der Hand unterhält sich mit Dr. Martin Winkler

Ohne Zwangsmedikation: Neue Ansätze in der Psychotherapie ausprobieren.

Mitte 2012 ergab sich durch eine Entscheidungen des Bundesgerichtshof eine neue Situation: Keine Medikamente mehr ohne ausdrücklichen Willen des Betroffenen. Wie die meisten Kollegen fürchtete auch Martin Zinkler: Das wird ein Drama mit schwierigen Patienten. Doch Zinkler und seine Mitarbeiter setzten den Beschluss konsequent um: "Wir haben Patienten gesagt, wir werden Sie nicht gegen Ihren Willen medikamentös behandeln, aber wir finden es immer noch richtig, dass Sie ein Medikament nehmen." Falls ein Patient aber partout keine Medikamente wollte, respektierten die Ärzte dies.

Verwandte und gesetzliche Betreuer wurden hinzugezogen, lange Diskussionen mit dem Patienten geführt. "Plötzlich bekam der erklärte Wille des Patienten mehr Gewicht", sagt Zinkler. Patienten fühlten sich in ihrer Würde geachtet und hätten mehr Freiräume für Entscheidungen bekommen.

Für die Ärzte und Pflegekräfte bedeutet dies mehr Arbeit. Aber es wuchs auch die Neugier, wie man mit Überzeugung statt mit Zwang weiterkommt. Am Ende habe es keine Zunahme dramatischer Situationen mit Patienten gegeben. Könnten Zwangsbehandlungen vielleicht generell ein Irrweg sein?

Probleme in anderen Klinken

Dr. Martin Zinkler

Dr. Martin Zinkler: Wenn man der Psychiatrie eine Waffe wegnimmt, kann sie sich auch weiterentwickeln.

Die Meinungen zur Zwangsmedikation sind geteilt. Die Bilanz eines großen süddeutschen Klinikverbunds war alarmierend: Ohne Medikamente nahmen Notfallisolationen und Fixierungen stark zu. Freiwillige Patienten wurden verschreckt, und das Klinikpersonal war immens belastet.

Aber nicht nur viele Mediziner halten eine Zwangsmedikation in Einzelfällen für berechtigt: Klaus Laupichler war einst Patient in Heidenheim. Schon als Jugendlicher litt er unter Psychose, wurde alkoholkrank. Heute berät er als Psychiatrieerfahrener Patienten an dieser Klinik. Er kennt Zwangsbehandlungen aus anderen Einrichtungen. Die Situation sei oft entwürdigend gewesen. Trotzdem versteht Laupichler, dass Ärzte manchmal Zwang anwenden. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass in meinem Leben Zwangsbehandlung sinnvoll war." Er sei in einem derart desolaten Zustand gewesen, dass er dort ohne Zwang nicht mehr herausgekommen wäre. Laupichler: "Wenn ich nicht zwangsbehandelt worden wäre, würde ich wahrscheinlich heute nicht mehr leben"

Und doch sieht der ehemalige Patient keinen Widerspruch zur Skepsis von Zinkler. In vielen Psychiatrien seien Alternativen zur Zwangsbehandlung unmöglich. Auch das Klinikum Heidenheim sei keine gewaltfreie Psychiatrie, sagt der Chefarzt. Doch es gebe keine Tradition, über den Patienten zu verfügen.

Die Psychiatrie weiter entwickeln

Menschen an einem Biertisch in einer Kneipe

Wieder Spaß am Leben haben: Ehemaligen-Stammtisch der Klinik.

Neugier und der Blick über den Tellerrand - darum geht es auch beim Stammtisch in einem Heidenheimer Lokal, bei dem Dr. Zinkler regelmäßig ehemalige Patienten seiner Klinik trifft. Die sind davon ziemlich begeistert: "Hier kann man mal über die Krankheit reden, aber auch über andere Dinge", sagt ein Teilnehmer.

Das Aussetzen der Zwangsmedikation sei eine Chance, meinen alle Stammtisch-Teilnehmer. Doch inzwischen hat der Bundestag die Zwangsbehandlung abermals neu geregelt. Sie wird mit richterlichem Beschluss wieder möglich sein. Dann muss sich der Chefarzt erneut mit Anträgen von Betreuern und Mitarbeitern auseinandersetzen – und zustimmen, wenn ihm die Argumente ausgehen. Dennoch ist Zinkler zuversichtlich: "Meine Erfahrung ist die: Wenn man der Psychiatrie eine Waffe wegnimmt, dann kann sich die Psychiatrie weiterentwickeln. Wir wissen, dass wir selbst in Situationen, in denen wir früher gedacht haben, es geht nur mit Zwang, auch auf freiwilliger Basis weiterkommen."