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SENDETERMIN Do, 15.7.2010 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Zeitreise: Geschichte der Psychatrie

Dem Bösen auf der Spur

Die romantische Vorstellung vom Irren früherer Tage, der unbehelligt am Familien- und Dorfleben teilnehmen durfte, kann man getrost vergessen. Schon im Mittelalter stießen Verhaltensweisen, die nicht den üblichen Normen entsprachen, auf rigide Intoleranz. Die Schwermut der "Irren" konnte man sich nicht erklären. Sie schienen vom Teufel oder von Dämonen besessen. Deshalb schafften sich die Bürger die "Andersartigen" einfach aus den Augen.

Geisteskranke hinter Mauern

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurden Geisteskranke einfach weggesperrt, man hielt sie für Störfälle der Natur. Sie vegetierten angekettet zusammen mit Prostituierten, Armen, Landstreichern und Straftätern. Wer in einem der Verwahrhäuser landete, hatte kaum eine Chance wieder lebend herauszukommen. Für viele Insassen war die Klappe fürs Essen oft lebenslang der einzige Kontakt zur Außenwelt.

Erste Irrenanstalt Europas

Verlies mit mehreren vegetierenden Menschen, teils angekettet teils hinter Gittern.

Verwahrhäuser: Keine Chance zur Rückkehr in die Gesellschaft

1784 ließ Kaiser Joseph II. in Wien den Narrenturm errichten – die erste „Irrenanstalt“ Europas. Der Narrenturm war Teil des Allgemeinen Krankenhauses und für schwierige Geisteskranke bestimmt. Zur Erklärung ihrer Symptome gab es zwei Theorien: Die so genannten Somatiker suchten die Ursache in den Organen, denn sie glaubten, dass die unsterbliche Seele nicht erkranken kann. Für die Psychiker dagegen war die Geisteskrankheit eine durch Sünden verursachte Erkrankung der Seele. Deshalb hielten sie es für notwendig, die Seele durch Schmerz zu erschüttern.

Kranke von Ketten befreit

Der Arzt Philippe Pinel befreite wenig später im Gefolge der Französischen Revolution viele Kranke von ihren Ketten. Die Psychiatrie begann sich zu einer eigenständigen Wissenschaft zu entwickeln. Die Zwangsjacke, die den Kranken fixierte und ihm dennoch Bewegungsfreiheit ließ, wurde zum Symbol des Fortschritts. Fast zeitgleich entstanden erste Ideen zur sozialpsychiatrischen Versorgung der Kranken – völlig ohne Zwang. Die Wurzeln des Umdenkens lagen vor allem in England. Dort gründete der Quäker William Tuke ein privates Irrenhaus und gab ihm programmatisch den Namen „Rückzug“. Die heilsame Einsamkeit in einer idyllischen Landschaft sollte sich beruhigend auf die psychisch Kranken auswirken. Erst nach und nach bemühten sich auch in Deutschland Psychiater wie Wilhelm Griesinger um die Einrichtung moderner Pflegeanstalten und um humanere Behandlungsformen.

Freud oder die vorzeitige Verblödung

Ende des 19. Jahrhunderts hob die Psychoanalyse Sigmund Freuds das Wissen über Psychosen und Neurosen auf eine neue wissenschaftliche Stufe. Dank seiner Lehre erfuhren die Symptome psychisch Kranker eine Deutung. Die tiefe Kluft, die zwischen Gesunden und psychisch Kranken klaffte, wurde dadurch zum ersten Mal überbrückt.
Doch der Beginn des Ersten Weltkrieges machte sämtliche klinischen Verbesserungen und psychosozialen Ansätze wieder zunichte. Die Masse der psychisch Kranken vegetierte in großen Anstalten. Depressive, Manische, Schizophrene oder Paranoide wurden zusammen weggeschlossen. Die einheitliche Diagnose lautete oft „Dementia praecox“ – vorzeitige Verblödung. Dabei lagen die Ursachen vieler Psychosen in der Überspanntheit der modernen Maschinenwelt, der Auflösung sozialer Bindungen und einer alles erfassende Nervosität.

Brutalität und Menschverachtung

In den 30er Jahren begann ein weiteres dunkles Kapitel der Psychiatrie. Es wurden unglaublich brutale Behandlungsmethoden wie Elektroschock oder Insulinschock entwickelt, andererseits bestritten Ärzte, dass sich die Behandlung überhaupt lohnt. Die Nazis vollzogen, was deutsche Psychiater schon länger gefordert haben: die Vernichtung unwerten Lebens. Doch auch nach Kriegsende änderte sich daran nichts: In den ersten Jahren nach der Befreiung durch die Alliierten ließ die deutsche Psychiatrie ihre Kranken als nutzlose Esser verhungern.

Von Behandlungsmisere zur Ursachenforschung

Ampullen mit Psychopharmaka

Segen Psychopharmaka? Die Patienten einfach ruhigstellen.

Bis zu Beginn der 70er Jahre wurde die Situation psychisch Kranker in der Bundesrepublik, die in veralteten Bauten und auf überfüllten Stationen zusammengepfercht wurden, kaum zur Kenntnis genommen. Auf einen Arzt kamen zehn Mal so viele Patienten wie es sein sollten. Überfüllung und Personalmangel führten zur Behandlungsmisere. Durch den Einsatz der seit den 50er Jahren entwickelten Psychopharmaka versuchten die Ärzte das Problem in den Griff zu bekommen, und die Patienten einfach ruhig zu stellen. Ab 1975 änderte sich die Situation: Das Gedankengut der 68er sorgte für einen neuen Zeitgeist. Es entstanden ambulante Behandlungsmöglichkeiten durch sozialpsychiatrische Dienste oder niedergelassene Psychotherapeuten. In Gruppentherapien sollten Kranke und Gefährdete lernen, über ihre Probleme zu reden und ihre Ursachen zu erkennen.

Schmaler Grat zwischen Hilfe und Zwang

In den 80er Jahren geriet die Anstaltspsychiatrie erneut in die Schlagzeilen. Zwangseinweisungen waren keine Einzelfälle. Ein Rechtsanwalt kommentierte die damalige Praxis so: „Der Richter überantwortet die Sachentscheidung dem Psychiater und der Psychiater sagt, ich sperre ja nicht ein, das macht ja der Richter.“ Einmal mehr zeigt sich, wie schmal der Grat zwischen Hilfe und Zwang ist, auf dem sich die Psychiatrie bewegt.