Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 5.10.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Palliativmedizin Profitgier verhindert stressfreien Tod

Der Palliativmediziner Matthias Thöns kritisiert den mangelnden Respekt vor Sterbenden. Aus diesem Grund würde der Patient unnötig zum Notfall. Mit fatalen Folgen.

Stress statt friedliches Einschlafen

76 Prozent der Deutschen möchten laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung ihre letzten Stunden zu Hause verbringen. So auch Bernd G., der seine Chemo abgebrochen hatte. Er war kurz vorm Sterben. Neun Monate später sitzt er zufrieden mit seinem Hund auf dem Sofa.

Ermöglicht hat ihm das Matthias Thöns durch seine palliativmedizinische Betreuung. Doch nur fünf Prozent der Deutschen erleben ihre letzten Stunden so, wie der Arzt es für richtig hält: „Sterbende Menschen haben in unserem Land keine Lobby“, so Thöns. „Mit denen wird gemacht, was immer wir Ärzte für richtig halten. Zudem wird mit sterbenden Menschen sehr viel Geld gemacht, ohne zu beachten, was sie selber wollen.“

Matthias Thöns bezieht sich dabei auf die gängige Praxis, Sterbende wie intensivmedizinische Notfälle zu behandeln und diese so unnötig Stress auszusetzen. Besonders bestürzt ist er über den Fall von Claudia S, die in seinen Augen längst gestorben wäre. Doch weil sie keine Patientenverfügung hatte, wurde sie gegen den Willen ihres Ehemanns in eine so genannte Beatmungs-WG verlegt, um sie künstlich am Leben zu halten. Laut Thöns unter Qualen.

„Ich kann Ihnen nicht genau sagen, wie viel in dieser Institution gezahlt wird, weil das immer Einzel-Verhandlungen sind. Ich weiß aus einer bundesweiten Befragung, dass für die häusliche Intensiv-Beatmung circa 800 Euro am Tag gezahlt werden. Das sind über 20.000 Euro im Monat. Und wenn man bedenkt, dass für die Palliativversorgung, die wir machen in der ganzen Lebenszeit 500 Euro bezahlt werden, ist das einfach eine Ungerechtigkeit.“

Für die Betreiber der WGs ein lukratives Geschäft. Genauso wie für die Intensivmedizin von Kliniken.

Sterben im Altersheim – Ein Projekt hilft Betroffenen

Wenig Geld gibt es dagegen für eine qualifizierte Sterbebegleitung in Pflegeheimen. Daher werden auch hier Heimbewohner oft als medizinischer Notfall abgeschoben. Aus Zeitmangel, Unwissenheit und der Angst, Fehler zu machen. Deshalb müssten Pflegekräfte speziell geschult werden.

So wie im Pflegezentrum Bethanien in Stuttgart. Hier wurde ein Projekt zu „Palliativ Care“ gestartet mit dem Ziel, den Bewohnern ein würdevolles Sterben zu ermöglichen. Ins Leben gerufen hat dieses Projekt der Palliativmediziner Dietmar Beck zusammen mit dem Leiter des Pflegezentrums. Sie sammelten knapp eine Million Euro für die notwendigen Schulungen des Pflegepersonals. Doch das ist in Deutschland die absolute Ausnahme.

Zunächst mussten alle Pflegekräfte erst mal lernen über den Tod zu sprechen. „Tod ist nach wie vor ein Tabu-Thema. Auch im Pflegeheim“, sagt Projektkoordinatorin Schwester Margarete Föll. „Das Gespräch mit den Sterbenden und auch den Angehörigen ist eine Herausforderung. Das ist ein Thema, dass man nicht so leicht anspricht wie: Hurra – ich hab ein neues Kind auf die Welt gebracht.“

Das Projekt ist ein voller Erfolg – Weitere Finanzierung bleibt aus

Gespräche und einfach DA-sein ist wichtig, aber auch die Fachkompetenz des Personals. Daher stand außerdem die medizinische Schulung für Pfleger und Pflegerinnen im Vordergrund. Initiator und Palliativmediziner Dietmar Beck meint, sie müssten wissen, wie Medikamente wirken, damit sie nicht ständig den Notarzt herbeirufen.

„Sie müssen wissen, wie die Medikamente sich über- oder unterdosiert darstellen. Das sind schon Angelegenheiten, die weit über die übliche Qualifikation des Altenpflegers hinaus gehen“, so Beck.

Früher wurden auch hier Sterbende in Krankenhaus überwiesen. Zudem gab es häufig Probleme mit Angehörigen und Ärzten. Durch das Projekt „Palliativ Care“ hat sich das geändert: „Die Kommunikation zwischen Bewohnern, Patienten und Mitarbeitern war gelungener als vorher. Die Kommunikation auch mit Hausärzten hat viel besser geklappt. Und letztendlich das Ausschlaggebende: Es wurden so gut wie keine Patienten mehr in der Sterbesituation ins Krankenhaus notfallmäßig eingewiesen“, sagt Beck.

Ein voller Erfolg. Deshalb wird das Projekt im Pflegezentrum Bethanien auch fortgeführt – aber nur durch Quer-Subventionen. Öffentliche Gelder gibt es nicht.
Ein trauriges Signal, denn so bleibt qualifizierte Sterbebegleitung in Heimen die Ausnahme. Und nicht nur da. Dabei kann die Palliativmedizin so viel für die Menschen in ihrer letzten Stunde tun.

Buch

Matthias Thöns

Patient ohne Verfügung

Verlag:
Piper
Genre:
Sachbuch
Länge:
320 Seiten
Preis:
17,99 Euro
Bestellnummer:
ISBN 978-3492057769
aus der Sendung vom

Do, 5.10.2017 | 22:00 Uhr

SWR Fernsehen

Das neue Odysso-Logo von 2019

Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.