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SENDETERMIN Do, 3.11.2016 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Landwirtschaft 4.0 – Precision Farming Der digitale Bauernhof

Die Digitalisierung macht auch vor der Landwirtschaft nicht Halt. Moderne Bauern kontrollieren Stall und Acker mit Computer und Smartphone für mehr Produktivität und Effektivität.

Kuhstall 4.0 – Automatische Melkroboter

In jedem fünften Betrieb wird bereits die 4.0 Technik eingesetzt. So auch bei Hans-Jürgen Sehn’s hypermodernem Bauernhof. Der Milchviehwirt hat vor kurzem seinen Hof digital aufgerüstet. Wo früher harte, körperliche Arbeit üblich war, wird heute Hightech eingesetzt.

In seinem mittelgroßen Milchviehbetrieb gibt es für 140 Kühe drei automatische Melkroboter, namens „Astronaut“. Angelockt vom Kraftfutter, das der Roboter serviert, gehen die Kühe allein in den Melkstand. Beim Melkroboter stimulieren und säubern Bürsten das Euter. Danach bestimmen Kamera und Laser die genauen Positionen der Zitzen. Ohne jegliche menschliche Hilfe docken die Melkbecher des Roboterarms an die Zitzen an, die Milch fließt. Solche automatische Melksysteme werden auch in Biobauernhöfen eingesetzt. Der Melkroboter ist 24 Stunden in Betrieb. Die Bauern benötigen dank ihnen weniger Arbeitskräfte, die Personalkosten sinken, und sie sind so zeitlich flexibler. Die Kuh kann für sich entscheiden, wann sie den Melkvorgang selbstständig einleiten möchte. Konventionell werden die Kühe zweimal am Tag gemolken, hier werden sie nun dreimal am Tag gemolken. Als Motivation gibt es für die Kuh im Melkstand eine Kraftfuttergabe, während der Automat sie melkt. Hans-Jürgen Sehn ist von den automatischen Melkrobotern positiv überzeugt, so hätten die Kühe keinen Druck mehr auf dem Euter, und die Tiere fühlten sich wohler.

Für den Bauern bringt der Einsatz solcher automatischer Melksysteme eine höhere Milchmenge von durchschnittlich zehn Prozent. Der Melkroboter erkennt individuell jede Kuh an ihrem integrierten Funkchips im Halsband. Sensoren des Melkroboters erfassen umfangreiche Daten wie Kuhgewicht und Milchmenge. Am PC kann auch der Eiweiß- und Fettgehalt der Milch jedes Tieres sowie die Häufigkeit der Melkungen und die genauen Melkzeiten kontrolliert werden. Hans-Jürgen Sehn und Sohn Marco Sehn können so sehen, ob mit ihrer Herde alles in Ordnung ist.

Beruf des Bauern – heute ein Hightech-Job mit wachsender Datenflut

Eine regelmäßige Auswertung der Daten, die der Roboter liefert, ist für ein gutes Management unverzichtbar. Doch wie tiergerecht sind Melkroboter?
Wie sich automatische Melksysteme und im Speziellen das Melken mit einem Roboter auf die Stresssituation der Milchkühe absolut und im Vergleich zu konventionellen Haltungsverfahren auswirkt, ist wissenschaftlich noch nicht ausreichend erforscht.

Das Fazit aller bisherigen Studien zum Tierwohl beim Melken mit automatischen Melksystemen (AMS) lautet: Grundsätzlich sind die Roboter tiergerecht.
Allerdings müssen die Anlagen bestimmte Auflagen erfüllen, damit die Anpassungsfähigkeit der Tiere nicht überfordert wird. Jedoch sind generell nicht nur die technischen Aspekte für das Tierwohl entscheidend, sondern vor allem auch die Qualität des Managements und der Tierbetreuung.

Auch zum Füttern ist ständig ein Automat im Einsatz. Er befüllt sich selbst, mischt das frische Futter und legt es dann den Kühen gleichmäßig vor.
Solche häufigere und kleinere Mahlzeiten sollen einen gesünderen Säuregehalt des Pansens bewirken. Hightech am Futtertrog.

Selbst das Entmisten erledigt ein automatischer Schieber mehrfach am Tag. Dieser soll Klauenkrankheiten verhindern. Bei einer Störung des Melkroboters oder des automatischen Fütterungssystems, erhält der Bauer sofort einen Anruf der (Anbieter)Firma.

Big Brother im Kuhstall – permanente Tierüberwachung

Die Tiere im Stall werden permanent überwacht. Vom Computerchip der Kuh wandern die Daten auf das Smartphone des Bauern. Eine App zeigt ihm auch auffällige Vitaldaten – zum Beispiel, ob eine Kuh bald kalbt. Ein weiterer integrierter Halsbandsensor misst auch die Wiederkau-Aktivität der Rinder. 450 Minuten am Tag sind normal. Kaut eine Kuh weniger, ist sie krank!

Außerdem wird für jede Kuh ein Bewegungsprofil aufgezeichnet. Bewegt sich ein Tier überdurchschnittlich viel, weist das auf eine bevorstehende Brunst hin, so wird der optimale Besamungszeitpunkt von Kühen analysiert.

Steht so viel Technik einer guten Beziehung zwischen Tier und Mensch nicht im Wege? Hans-Jürgen Sehn ist überzeugt, dass es nicht zu einer Entfremdung zwischen Mensch und Tier kommt. Er bewege sich ja immer noch ständig bei täglichen Kontrollgängen im Bestand, um unter anderem zu schauen, ob alle Tiere zum Roboter gegangen sind, oder ob noch welche beigetrieben werden müssen. Die technischen Daten unterstützen den Bauern bei seinen Entscheidungen und erleichtern so seinen Alltag.

Enorme Investitionskosten für die Wirtschaftlichkeit

Der erste Melkroboter kostet 170.000 Euro und jeder weitere 120.000 Euro. Hans-Jürgen Sehn‘s Stall ist für 200 Tiere konzipiert. Damit dieser sich vernünftig amortisiert, muss er sich noch weitere Kühe anschaffen,damit möglichst viel Milch aus dem Stall herausgeht. Also zählt am Ende vor allem die Wirtschaftlichkeit. 4.0 führt zu immer größeren Betrieben, kleinere Betriebe sowie Arbeitsplätze fallen weg.

Ein Teufelskreis der Technologie: Die Produktion steigt, die Preise für tierische Produkte sinken, aber auch auf Kosten der Tiere. Denn die Tierzahlen nehmen in den Betrieben zu und werden durch die industrielle Entwicklung erleichtert. Dabei ist längst klar: Massentierhaltung ist für Tiere schädlich. Denn heute muss in Deutschland jede dritte Milchkuh wegen Krankheit frühzeitig zum Schlachthof, hauptsächlich verursacht durch Milchhochleistungen, nicht artgerechte Haltungsbedingungen und einem fehlerhaften Management. Gerade Wiederkäuer haben besondere Bedürfnisse, die in stetig wachsenden Milchviehbetrieben kaum befriedigt werden. Die Welttierschutzgesellschaft fordert ebenso wie der Deutsche Tierschutzbund eine gesetzliche Haltungsverordnung für Milchkühe, die tiergerechte Mindeststandards vorschreibt, unter anderem eine Weide-/Laufstallhaltung, eine Obergrenze des Kraftfutteranteils sowie artgerechtes Futter. Milchkühe vollbringen Hochleistungen und brauchen eine stressarme Umgebung und Umgang. Laut dem Deutschen Tierschutzbund findet auch eine Entfremdung unter den Tieren statt. Denn ab einer Gruppengröße von etwa 130 Tieren nimmt der soziale Stress deutlich zu.

Innovative Technik auch im Ackerbau per Satellit und Sensor – Teilflächenspezifische Bewirtschaftung

In der Eifel bewirtschaften Hermann Kesseler und sein Bruder Edwin Kesseler über 400 Hektar Land. Sie besitzen Traktoren mit GPS-Ortung, die bis zu zwei Zentimeter genau mit Satelliten-Unterstützung über die Felder steuern und Spuren ziehen. Ein satellitengestütztes, automatisches Lenksystem nimmt ihm die Navigation ab – auch wenn hinter dem Traktor noch ein Landwirt sitzt. Über den Bordcomputer erhält der Landwirt in Echtzeit stets die neuesten Informationen. Das dient der Fahrerentlastung und der Betriebsmitteleinsparung wie zum Beispiel von Diesel und Saatgut. Mit Hilfe von Big Data wird aber auch schon vollautomatisch gedüngt. Am Traktordach erfassen Stickstoffsensoren über Lichtwellen die Blattfärbung der Pflanzen. Anhand des Chlorophyll-Gehalts geben sie dann eine Düngeempfehlung. Dann regelt der Bordcomputer den Düngestreuer, ob dieser die auszubringende Menge Stickstoff erhöhen oder reduzieren soll.

Intelligente Technik: Nährstoffangaben orientieren sich am Bedarf. Diese Sensortechnik macht die Ernteerträge noch effizienter. Hermann Kesseler ist begeistert, denn es spart Dünger ein, eine Überdüngung wird vermieden. Und das schone die Umwelt und erspare dann unnötige Nitrateinträge ins Grundwasser. Auch bei der Schädlings- und Unkrautbekämpfung wird ähnlich verfahren.

Die Spritze erkennt, wo sie schon einmal gefahren ist, so werden Überlappungen vermieden. Und es kommt zu weniger Einsatz von Pestiziden. Allerdings sind diese Hightechmaschinen sehr groß, und man benötigt für ihren Einsatz große Ackerflächen. Das fördert wiederum Monokulturen und einen hohen Flächenverbrauch. Das Artensterben in der Agrarlandschaft ist so durch diese lebensfeindlichen Produktionsstätten weiter vorprogrammiert.

Selbst heute noch steht der Landwirtschaft 4.0 begrenzend die Machbarkeit entgegen. Denn längst haben nicht alle Höfe den Zugang zu leistungsfähigem Internet und damit der Grundvoraussetzung zum Eintritt in die 4.0-Welt. Generell nutzt die digitale Vernetzung vor allem größeren Betrieben.

Keine Frage: mit der Landwirtschaft 4.0 verändert sich die Rolle des Landwirtes zum Datenmanager. Teils faszinierende Technik übernimmt die Regie, doch die Verantwortung für Hof und Umwelt muss immer in der Hand des Menschen bleiben.

aus der Sendung vom

Do, 3.11.2016 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.