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SENDETERMIN Do, 7.2.2019 | 21:00 Uhr | SWR Fernsehen

Schrecken der Nacht Praktische Hilfe gegen Albträume

Gegen Albträume gibt es Therapien. Und auch mit anderen Methoden lassen sich die nächtlichen Horrortrips entschärfen.

„Ich werde verfolgt und ich erlebe Todesangst und kann mich nicht allein retten. Ich will flüchten, komme nicht von der Stelle, ich will schreien, es kommt nichts heraus.“

Solche Horrortrips erlebt Veronika S. häufig. Die österreichische Journalistin hatte schon in Ihrer Kindheit häufig Albträume. Und seitdem sie als Berichterstatterin im Bosnien-Krieg schreckliche Situationen sah und erlebte, wurde es noch schlimmer. Irgendwann suchte sie Hilfe – bei der Traumforscherin und Psychologin Brigitte Holzinger in Wien.

Häufige Albträume können sich zur psychischen Störung entwickeln. Ein Symptom: die Angst vor dem Schlaf, aus Angst vor dem Traum. Geschieht das mehrmals pro Woche spricht man von der „Albtraum-Störung“. Und das fördert andere Erkrankungen, so Brigitte Holzinger: „Denn der Schlaf hilft uns dabei, das Immunsystem wieder herzustellen, das Gedächtnis zu konsolidieren, Emotionen einzuordnen. Und das findet dann alles nicht statt.“

Albträume

Manche Betroffene haben schon seit früher Kindheit regelmäßig Albträume

Klarträumen gegen Ohnmachtsgefühl

Albträume wirken so intensiv, weil Träumende meist nicht merken, dass das Geschehen nicht real ist. Deshalb ist ein Ansatz der Therapie: Patienten anzuleiten, „luzide“, also klar zu träumen: Sie sollen im Traum erkennen, dass sie gerade träumen. Denn: Das Wissen, dass wir träumen, befreit uns vom Gefühl der Ohnmacht. Wir können uns dann quasi neben oder über die Filmclips stellen, die wir im Schlaf produzieren.

Veronika S. schrieb fortan Traumtagebücher. Und nahm an Traum-Gesprächsrunden teil. Ziel dieser „Traumarbeit“ ist nicht, den Albtraum rational zu deuten, sondern sich ihm sinnlich zu nähern; denn, so Brigitte Holzinger „der Traum wirkt schon im Bild. Träume sind Gefühle in bewegten Bildern dargestellt.“ Wer sich so auf seine innere Bilderwelt einlässt, erlebt wahrscheinlich irgendwann Klarträume – und könnte dann im Schlaf in seinen Traum eingreifen.

Das Traumdrehbuch umschreiben

Einen etwas anderen Weg, Albtraum-Störungen zu begegnen, gehen die Traumforscher an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, am Institut für experimentelle Psychologie. Ihr Archiv ist voller verschrifteter Albträume ihrer Patienten: Sex, Gewalt und Tod, alles dabei. Für die Träumenden ist das oft sehr belastend, sagt Prof. Reinhard Pietrowsky: „Diese Träume sind so persönlich, und eben auch intim.“ Die Patienten denken häufig: „Oh Gott, das muss doch schrecklich sein, wenn ich sowas träume, dann ist irgendwas bei mir nicht in Ordnung.“

Auch hier vermeiden die Ärzte, die Träume zu analysieren. Ihre Patienten sollen ihre Albträume umschreiben – und zwar bei vollem Bewusstsein. Die Therapiesitzung ist wie ein Brainstorming für ein Drehbuch. Ein Beispiel, mit einem echten Albtraum aus dem Archiv: Der Patient erzählt der Therapeutin Dr. Annika Gieselmann, seinen Traum: Er ist in einem riesigen Auto unterwegs, mit einem Steuerrad, so groß wie auf einem Schiff. Der Patient am Steuer kann deshalb kaum etwas sehen. Plötzlich kreuzt ein kleines Kind auf einem Fahrrad die Straße. Der Patient hat keine Zeit, zu reagieren – er überfährt das Kind. Die Polizei beobachtet das Geschehen und nähert sich langsam. Dann wacht der Patient schweißgebadet auf.

Das Traumende bewusst umgestalten - das kann man trainieren

Das Traumende bewusst umgestalten - das kann man trainieren

Vom Horrortrip zum Happy End

Die Therapeutin sucht nun mit dem Patienten ein positiveres Ende für das Traumdrama: Was könnte anders, besser laufen? „Was wäre denn ein Auto, in dem sie sich sicherer fühlen würden?“, eröffnet die Therapeutin das Brainstorming. Dem Patienten fällt das sehr übersichtliche Auto seiner Eltern ein, mit dem er immer gern gefahren ist. Ein erster Schritt. Nun kommen Fragen, wie man den Unfall vermeiden könnte. So geht es hin und her.

Am Ende einigt man sich auf das Szenario, dass der Patient – im übersichtlichen Auto seiner Eltern – das Kind, das vor ihm auf der Straße mit dem Rad stürzt, rechtzeitig sieht. Die Polizei kommt nun und kümmert sich um das Kind – Happy End! Klingt einfach und banal, einen irrealen Traum einfach abzuändern. Doch Annika Gieselmann macht häufig die Erfahrung: „Das ist manchmal gar nicht so einfach, die Leute zum rumspinnen zu kriegen.“ Man sitze doch selbst sehr in seinen eigenen Träumen fest, „so dass man gar nicht auf die Idee kommt, dass die vielleicht auch irgendwie anders verlaufen könnten.“

Der Patient jedenfalls muss sich an sein neues Traumende nun dreimal täglich ganz bewusst und detailliert erinnern. Die Erfahrung der Düsseldorfer Psychologen ist, dass die Therapie nach wenigen Sitzungen den meisten Patienten hilft. Sie träumen das neue Ende zwar meist nicht genau so, aber der Albtraum verschwindet oder wird weniger bedrückend.

Albtraum-Szene

Eine Strategie zur Überwindung von Albträumen kann sein: Das Klarträumen trainieren. Wenn man im Traum bemerkt, dass es nur ein Traum ist, kann man das Traumgeschehen beeinflussen.

Erfolgserlebnis Klartraum

Zurück nach Wien. Die Psychologin Brigitte Holzinger setzt auf das Klarträumen, also die kreative „Traumarbeit“ im Schlaf selbst: Im Traum soll der Träumer sich seiner Situation bewusst werden und den Albtraum möglichst in eigener Regie fortführen und bewältigen. Veronika S. schaffte das irgendwann tatsächlich.

Da war dieser Albtraum, wie ein Action-Film. Im Traum sprang sie aus einem Helikopter und landete auf einem Flugzeugträger: „Und bin zu stark gerollt, zu stark an den Rand dieses Flugzeugträgers, und da unten war wahnsinniges Wasser…“ Und als sie da im Traum am Abgrund hing, dem Tode geweiht, da wusste sie plötzlich: „Hoppla, das ist ja ein Traum. Und ich konnte mich auf die andere Seite rollen, zurück zum Hubschrauber. Und das war fantastisch! Ich muss da jetzt nicht hinunterstürzen!“

Nicht jeder schafft den Weg zum Klarträumen, aber wenn es gelingt, ist es ein großes Erfolgserlebnis. Brigitte Holzinger meint, das sei gar nicht so schwer, wir seien luzides Träumen nur einfach nicht gewohnt: „Wir sind nicht so erzogen worden, dass man im Traum erkennt, dass man träumt. Und dass man dann eine Entscheidung treffen kann. Wären wir das, könnten wir das wahrscheinlich alle.“

Ob im Schlaf oder Wachzustand: Es ist also möglich, in die Traumwelten, die uns in der ungeschützten Situation des Schlafes heimsuchen, aktiv einzugreifen: Die Stopp-Taste zu drücken, das Ruder herumzureißen, den Horrortrip zum Happy End umzudichten. Niemand ist seinen Albträumen machtlos ausgeliefert.

Lesetipps

  • Brigitte Holzinger: Der luzide Traum. Theorie und Praxis; facultas Universitätsverlag Wien, 3. Aufl., 2014
  • Reinhard Pietrowsky: Albträume. Fortschritte der Psychotherapie, Bd.46, Hogrefe Verlag, Göttingen 2011, ISBN: 9783801723156