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SENDETERMIN Do, 9.2.2017 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Pharmanotstand Medikamente gesucht

Die Innovationskraft der Pharmaindustrie lahmt seit zwei Jahrzehnten. Scheininnovationen prägen das Bild. Fortschritte fehlen. Bestes Beispiel: Alzheimer.

Karin Herzner ist auf dem Weg in die Gedächtnissprechstunde an der Mainzer Uniklinik. Die ehemalige kaufmännische Angestellte ist seit kurzen im Vorruhestand. Und sie ist verunsichert. Erst vor kurzem stand sie wieder in ihrem Keller und wusste nicht mehr, was sie eigentlich hatte holen wollen. Ihre Vergesslichkeit macht ihr Angst: „Dann habe ich mal mit dem Hausarzt geredet und hab ihm das geschildert, dass das doch öfters der Fall ist und ob das was mit dem Gedächtnis zu tun hat. Oder ob das beginnende Alzheimer ist oder Demenz.“

Ihre Großmutter habe eine schwere Demenz gehabt und ihre Mutter – schildert die Rentnerin aus Altmünster Sarmsheim – habe es immer „… mit der Angst zu tun bekommen“, wenn sie an sich Zeichen der Vergesslichkeit wahrgenommen hatte.

Ist es Alzheimer?

Dr. Patrick Jung leitet die Gedächtnissprechstunde. Er führt Tests durch, aus denen er erste Hinweise auf den Gesundheitszustand von Karin Herzners Gehirn ableiten kann. Hinweise, ob es sich bei den Problemen um normale Altersvergesslichkeit handelt oder um eine beginnende Demenz. Bei den ersten Aufgaben schneidet die Rentnerin noch gut ab. Doch schon beim ersten Test, der das Kurzzeitgedächtnis auf die Probe stellt, zeigen sich Defizite.

Dr. Jung erklärt die Aufgabe: „Okay, dann werde ich ihnen jetzt fünf Begriffe vorlesen und sie sollten die dann wiederholen, wenn ich die komplett vorgelesen habe, ja?
Gesicht, Samt, Kirche, Tulpe, Rot.“ Karin Herzner startet einen Versuch: „Gesicht, Samt, Kirche, Rot.“

Das Problem: sollte sich der Verdacht auf Alzheimer bestätigen, wären die medizinischen Behandlungsmöglichkeiten sehr beschränkt. Wirklich wirksame Alzheimer-Medikamente gibt es nicht.

Szenenwechsel: Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, kurz IQWiG, ist der deutsche Medizin-TÜV. Ein Bundesinstitut. Prof. Jürgen Windeler, der Leiter des Instituts, kritisiert generell die geringe Innovationskraft der Pharmaindustrie. Echte Fortschritte seien selten geworden. „Ich hab schon das Gefühl, dass die Industrie intensiv forscht und auch viel Geld ausgibt für Forschung. Aber wenn man sich die Ergebnisse anschaut, dann sieht das nicht ganz so überzeugend aus. Wir haben etwa 25 Prozent der Neuzulassungen, bei denen wir einen deutlichen Zusatznutzen gegenüber der bisher verfügbaren Therapie sehen. Was aber auch bedeutet, dass wir bei drei Viertel der Neuzulassungen diesen Zusatznutzen – jedenfalls in der deutlichen Ausprägung – nicht sehen. Und bei etwa 60 Prozent sehen wir überhaupt keinen Zusatznutzen.“

60 Prozent neue Medikamente ohne Zusatznutzen

Zu Alzheimer wurde und wird viel geforscht. Doch auch in Jahrzehnten ist es nicht gelungen, die Krankheit zu besiegen. Die meisten Entwicklungen zielen auf die falsch gefalteten Eiweiße im Gehirn, die sich zu den gefährlichen Plaques zusammenballen und Nervenzellen absterben lassen. Keine Forschungsgruppe hat im Kampf gegen diese zerstörerischen Eiweißablagerungen bisher einen nennenswerten Erfolg erzielt.

Prof. Hans Ullrich Demuth vom Fraunhofer-Institut für Zelltherapie in Halle lässt sich von diesen Misserfolgen nicht abschrecken. Er entwickelte in seiner ersten Firma ein erfolgreiches Medikament gegen Diabetes. Verkaufte die Lizenz für 57 Millionen Dollar und steckte das Geld in die Alzheimer-Forschung. Hans Ullrich Demuth ist ein Biotech-Forscher aus Leidenschaft: „Es macht unheimlich Spaß. Es macht Spaß, alle Facetten, die notwendig sind, um diesen Mechanismus aufzuklären, und den Weg in die Entwicklung zu gehen, zu verstehen. Und auch junge Leute dafür zu begeistern, die dann auch daran mitarbeiten, das ist ja dann kein Werk mehr, das ein Einzelner führt, bzw. dafür verantwortlich ist, sondern es ist eine Kollektivleistung.“

Demuth und seine Mitarbeiter haben ein Eiweißmolekül im Gehirn entdeckt, ein Enzym, das maßgeblich für die Bildung der Plaques verantwortlich ist. Sie entwickelten ein kleines Molekül, das dieses Enzym blockiert. So soll die falsche Faltung der Eiweiße von Anfang an verhindert werden.
Im Tierversuch wurde dieser Therapieansatz schon bestätigt. Die Forscher behandelten Alzheimer-Mäuse mit dem Wirkstoff und konnten den Verlauf der Krankheit extrem verlangsamen oder stoppen. Bei einigen Tieren verbesserte sich die Gedächtnisleistung sogar wieder.

Hans Ullrich Demuth trifft sich regelmäßig zum Gedankenaustausch mit Kollegen der einst von ihm mitgegründeten Firma Probiodrug, die das Medikament entwickelt. Im Gründerzentrum in Halle ist Probiodrug nur eine Etage vom Fraunhoferinstitut entfernt. Obwohl die Firma Probiodrug bei Wagniskapitalgebern und an der Börse schon über 120 Millionen einwerben konnte, wird das Geld nicht reichen, den Wirkstoff bis zur Marktreife weiterzuentwickeln.

Am Ende geht es nicht ohne „Big Pharma“

Hendrik Liebers, Finanzvorstand des Biotech-Unternehmens sagt, das ist normal: „So funktionieren Biotechnologie-Unternehmen. Die ihre Existenzberechtigung dort haben, wo sie in Bereiche vorstoßen, in die die pharmazeutische Großindustrie – aus welchen Gründen auch immer – nicht von Anfang an selber vorstößt.“

Das sei entweder bei frühen, hochriskanten Entwicklungen der Fall oder auch bei seltenen Erkrankungen, die nicht im Fokus von Pharma stehen. In diese Lücke stoße die Biotechnologie vor: „Das haben wir auch gemacht als Probiodrug. Aber irgendwann kommt der Punkt, wo die Zulassungsstudien so groß, so komplex, so umfangreich werden, dass sie ohne das Know-How der pharmazeutischen Großindustrie auch nicht weiterkommen. Ab dem Zeitpunkt geht man sogenannte Partnerschaften ein. Das können sogenannte Lizenzabkommen sein, das können gemeinschaftliche Entwicklungen sein, das kann bis zum Verkauf des Unternehmens gehen.“

Prof. Windeler, der Leiter des deutschen Medizin-TÜVs in Köln, kann sich aber ohne Weiteres vorstellen, Big Pharma durch eine Änderung der Rahmenbedingungen stärker zu wertvollen Eigenentwicklungen zu motivieren: „Man kann natürlich auch überlegen, ob bestimmte Arzneimittel, die nicht besser sind, als das, was wir schon haben, überhaupt dem Gesundheitssystem zugänglich gemacht werden sollen.“ In vielen anderen Ländern sei es so, dass diese Arzneimittel nicht von den Krankenkassen bezahlt würden. „Das wäre ein weiterer Schritt, in die Richtung: nur das, was richtig gut ist, was einen echten Vorteil gegenüber der Standardtherapie bringt, ist das, was das Gesundheitssystem auch finanzieren sollte.“

Nur Medikamente zulassen, die einen Fortschritt bringen

Für Karin Herzner mit den Gedächtnisproblemen hat der Test in der Mainzer Gedächtnissprechstunde leider kein gutes Ergebnis gebracht. Weitere Untersuchungen werden folgen. Aber die Rentnerin hat sich in ihrem Alltag auch schon auf das Problem eingestellt: „Ich schreibe mir schon alles in einem Tagebuch auf, damit ich sehen kann: ah ja, das war da und das war da. Und ich muss auch mit einem Einkaufszettel einkaufen gehen. Damit ich die Dinge, die ich wirklich brauche, dann auch wirklich mit nachhause bringe.“

Wie schnell die Krankheit bei Karin Herzner fortschreiten wird, lässt sich schwer vorhersagen. Vielleicht wird die Rentnerin vom neuen Medikament aus Halle schon profitieren können. Falls es tatsächlich wirkt und in etwa vier Jahren auf den Markt kommt

aus der Sendung vom

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