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SENDETERMIN Do, 28.6.2012 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Pfusch am Rücken

Nie wieder Rückenschmerzen

Wenn es um Operationen an der Wirbelsäule geht, hört man immer wieder schlimme Geschichten: von missglückten Eingriffen, von Operationen, nach denen alles nur noch schlimmer wurde, von überflüssigen Operationen. Odysso hat eine Klinik besucht, die sich auf Eingriffe an der Wirbelsäule spezialisiert hat. Die SRH-Klinik in Karlsbad-Langensteinbach. Dort arbeitet der renommierte Wirbelsäulen-Chirurg Jürgen Harms. Ein Mediziner, wie man ihn selten trifft. Ein Chirurg, der an seiner eigenen Zunft Kritik übt.

Es wird keine kleine Operation

Mann mit Schutzhandschuhen zeichnet mit Filzstift auf denn Rücken eines liegenden Patienten

Präzise Vorbereitung: Prof. Jürgen Harms zeichnet die Stelle ein, an der er nachher operieren wird.

Der Patient liegt in tiefer Narkose unter grünen Tüchern auf dem Operationstisch. Durch den linken Brustkorb muss ein Zugang zur Wirbelsäule geschaffen werden. In der Wirbelsäulenklinik Karlsbad- Langensteinbach. Der Patient – ein Landwirt aus dem Schwarzwald – hat sich bei einem Sturz einen Rückenwirbel gebrochen. Der muss entfernt werden. Denn die Splitter drohen das Rückenmark zu verletzten. Anstelle des Wirbels wird eine Knochenprothese implantiert und zu den beiden Nachbarwirbeln hin versteift.

Medizinische Ausbildung reicht oft nicht aus

Soweit ist alles vorbereitet, als die Stimme vom „Chef“ aus den Lautsprechern kommt: „Habt ihr ihn schon abgedeckt?“ „Ja“, antworten mehrere Stimmen gleichzeitig. Schwestern, Assistenzärzte. „Dann komme ich jetzt gleich.“ Während der renommierten Chirurg Prof. Jürgen Harms seine Hände und Arme vor der OP gründlich sterilisiert, antwortet er sehr kritisch, auf die Frage, ob er mit der Qualität der deutschen Wirbelsäulenchirurgie zufrieden ist: „Nein. Das hab ich auch 2009 auf der Tagung der DWG – der deutschen Wirbelsäulengesellschaft – klar zum Ausdruck gebracht. Das liegt daran, dass die Ausbildung im Fach Wirbelsäulenchirurgie einfach nicht ausreichend ist.“

Die Wirbelsäule – sagt der Chirurg – ist eine sehr komplexe Struktur. Es operieren aber Neurologen, Orthopäden und Unfallchirurgen mit ganz unterschiedlichem medizinischen Hintergrund und Zielvorstellungen daran herum. Einen einheitlichen Ausbildungsstandard gibt es nicht. So kommt es, dass mehr als die Hälfte der Operationen von Jürgen Harms so genannte Revisionen sind: Reparaturen missglückter Eingriffe seiner Kollegen.

Sinn und Unsinn von Operationen

Medizinisches Modell eines Bandscheibenvorfalls an der Wirbelsäule

Quetschung des Rückenmarks: Bei einem Bandscheibenvorfall tritt der flüssige Kern aus.

Dabei sind viele Eingriffe vollkommen überflüssig. Viele Bandscheibenoperationen etwa. Selbst der Bandscheibenvorfall kann von allein heilen, wenn er genügend Zeit bekommt, erklärt Harms: „Warum kann so etwas ohne Operation heilen? Weil der Kern der Bandscheibe stark wasserhaltig ist und mit der Zeit von alleine dehydriert also schrumpft und dann wird der Nerv nicht mehr gequetscht. Beim Bandscheibenvorfall wird aus meiner Sicht zu viel und zu schnell operiert.“ Einer der Gründe: Die relativ einfache Operation wird sehr gut bezahlt.

Mit zweiter Meinung absichern

Um überflüssigen Operationen vorzubeugen, rät der Experte, vor der Entscheidung eine Zweitmeinung einzuholen. Zum Beispiel im Zweitmeinungsportal im Internet:

Harms hat es selber zusammen mit anderen kritischen Chirurgen ins Leben gerufen. Vor Operationen Zweitmeinungen einzuholen, das empfehlen und bezahlen auch die Krankenkassen. Das etwas teurere Zweitmeinungsportal „Vorsicht Operation“, wo im Schnitt 300 Euro berechnet werden, gehört allerdings nicht zu den Kassenleistungen. Die Techniker Krankenkasse hat untersucht, wie sich das Einholen von Zweitmeinungen auf die Zahl der Wirbelsäulenoperationen auswirkt. Tatsächlich wurden 85 Prozent der geplanten Operationen nicht durchgeführt. Eine Zahl, die illustriert, wie häufig unnötige Operationen an der Wirbelsäule durchgeführt werden.

Röntgenbilder geben Orientierungshilfe

Odysso schaut Jürgen Harms am OP-Tisch über die Schulter. Um den gebrochenen Wirbel aus dem Rückgrat zu entfernen, braucht er Platz. Er setzt das Skalpell fast am Brustbein an und macht einen gut 25 cm langen Schnitt bis an die Körperseite des Patienten. Der Schnitt wird mit martialisch wirkenden Geräten gespreizt, der linke Lungenflügel zur Seite gedrückt. Ein geräumiger Hohlraum öffnet sich. Der Weg zur Wirbelsäule ist frei. Es fließt wenig Blut, weil durchtrennte Gefäße sofort elektrisch verödet werden. Jürgen Harms geht bei Eingriffen wie diesem kein Risiko ein. Bevor er sich wirklich an die Wirbelsäule heranmacht, muss eine Röntgenaufnahme bestätigen, dass er an der richtigen Stelle ist. Lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig kontrollieren. Denn misslungene Eingriffe – weiß Jürgen Harms – gibt es in der Wirbelsäulenchirurgie schon zu Hauf.

Beispiel eines erfolglosen Eingriffs

In seinem großzügigen Büro zeigt er auf dem Monitor seines Computers einen desaströsen Versuch, drei Wirbelkörper zu einem zu versteifen. Kurz nach der OP sah das Röntgenbild noch ganz gut aus. Die Wirbel bilden eine harmonische Reihe, Schrauben und Schienen wirken ordentlich – und am richtigen Platz. Jürgen Harms zeigt das nächste Bild: Es zeigt den Eingriff anderthalb Jahre später. Und kommentiert: „Ich glaube, das sieht auch ein Laie, dass hier viel passiert ist.“ Die Versteifung war halbherzig, Schrauben haben sich gelockert, die Wirbel sind verrutscht, eine gesunde Bandscheibe wurde zerstört.

Über ein Drittel ist Pfusch

Arzt sitzt an PC-Monitor und erläutert die zu sehenden Röntgenbilder

Desaströser Operationsversuch: Prof. Jürgen Harms muss nun die Fehler korrigieren.

Befunde wie diesen sieht Harms zu häufig. Einer der Gründe: In der Wirbelsäulenchirurgie herrscht Wildwuchs. Besonders beklagt Harms, „ ... dass es im Rahmen der Wirbelsäulenchirurgie keinen einheitliche Qualitätsstandards gibt. Sie können heute mit einer Fehlerquote von 30 bis 40 Prozent durchaus sagen, dass Sie ein guter Wirbelsäulenchirurg sind. Wenn Sie eine gleiche Fehlerzahl in der Hüft- oder Kniechirurgie hätten – für die es ja klare Qualitätsstandards gibt – würden sie große Probleme haben, Patienten zu akquirieren.“

Szenen aus der Rücken-Werkstatt

Zurück in die OP: Jetzt muss der gebrochene Wirbel aus dem Rückgrat entfernt werden. Mit Hammer und Meißel. Und mit größter Vorsicht. In nächster Nähe des Rückenmarks. Der Knochen wird nachher mit in die Prothese gegeben und wächst fest ein. Dass es sich bei dieser Chirurgie wirklich um ein Handwerk handelt, zeigt spätestens der Blick auf die Werkbank. Bohrer, Hämmer, Zangen stapeln sich hier wie in einer Werkstatt. Massive Schrauben werden als Anker in die gesunden Rückenwirbel getrieben. Genau oberhalb und unterhalb des entfernten Wirbelkörpers.

Abgedeckter Operationstisch liegendem und in Tüchern gehüllter Patient

Auf Nummer sicher: Vor Abschluss der OP wird nochmals ein Röntgenbild gemacht.

Mit dem Spreizer wird die Operationsstelle so weit auseinandergezogen, dass die Wirbelprothese aus Titan in die entstandene Lücke passt. Das richtige Kaliber wählen. Und dann auf die richtige Länge bringen. Jürgen Harms hat die Prothesen selbst entwickelt. In den Titankorb kommen die Knochensplitter des Patienten. Sie wachsen ein! In einem dreiviertel Jahr wird die Prothese vollständig mit Knochen ausgefüllt und ummantelt sein. Die Wirbelsäule verliert an dieser Stelle ihre Beweglichkeit. Aber der Patient wird schmerzfrei.

Zur Sicherheit nochmal ein Röntgenbild. Um die Lage der Prothese zu überprüfen. Harms freut sich: „Ich bin mit der Stellung des Korbes eigentlich sehr zufrieden. Wir haben eine sehr schöne Aufrichtung erzielt. Es ist absolut stabil. Wir werden jetzt noch für eine zusätzliche Stabilität eine Metallbrücke aufbauen ...“ Und wann kann der Patient wieder aufstehen? „Morgen! Er soll ja. Er mag zwar nicht, aber er muss.“ Harms lächelt.