Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 9.7.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

PCB-Grenzwerte Kapitulation vor der Hintergrundbelastung

Unser täglich Gift

Aus Tierversuchen weiß man, dass viele Umweltgifte die Köperzellen schädigen und krebserregend sind. Aber lässt sich diese Erkenntnis 1:1 auf den Menschen übertragen?

Wo setzt man Grenzwerte an? Wie werden sie errechnet? Und an wem orientiert man sich? An Erwachsenen? Kindern? Ungeborenen im Mutterleib? Toxikologie ist ein schwieriges Geschäft. Gerade, wenn es sich um Gifte handelt, die nicht akut toxisch wirken, sondern ihre Schädlichkeit erst nach jahrelangem Kontakt zeigen.

Es wird niemanden wirklich überraschen: Grenzwerte für Gifte werden in Tierversuchen ermittelt. Gruppen von Tieren werden dem Gift in immer niedrigeren Dosen ausgesetzt. Typischerweise sinkt die Dosis von einer Gruppe zur nächsten um den Faktor zehn. Die höchste Dosis, die nach zwei Jahren keine Schädigung bei den Tieren hervorruft, wird in der Regel noch einmal um den Faktor zehn reduziert, um eventuelle Unterschiede in der Empfindlichkeit zwischen den Versuchstieren und Menschen zu berücksichtigen. Dieser Wert wird noch einmal um den Faktor zehn reduziert, weil man davon ausgeht, dass auch innerhalb der Spezies Mensch die Empfindlichkeit variiert. So liegt der Grenzwert für Nahrungsmittel beim Menschen um den Faktor hundert unter dem Wert, der bei Tieren im Zweijahresversuch unschädlich war.

Das übliche Verfahren war nicht praktikabel

Doch ausgerechnet für das Umweltgift PCB ließ sich das nicht machen, erklärt Dr. Rainer Malisch vom Europäischen Referenzlabor für Dioxine und dioxinähnliche PCBs. "Die PCBe haben besonders kritische Effekte auf die Nachkommenschaft, sie sind fruchtschädigend. Wenn man die übliche Prozedur zur Ableitung von Grenzwerten für Lebensmittel überträgt, hätte das dazu geführt, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung oberhalb dessen liegt, was man gerne haben möchte. Auch die Hälfte der Lebensmittel hätte verworfen werden müssen. Das war natürlich ein Weg, den man so nicht beschreiten konnte."

Viele fetthaltige Lebensmittel wären verboten worden. Europa wäre nach dieser typischen Methode der Grenzwertfindung zu einer Art PCB-Notstandsgebiet geworden. So wurde der Grenzwert nicht medizinisch sondern nach Machbarkeit gesetzt, erläutert Dr. Malisch: "Man hat die übliche Hintergrundbelastung bei Lebensmitteln und Futtermitteln festgestellt und hat dann die Grenzwerte so festgelegt, dass die übliche Hintergrundbelastung gerade eben noch verkehrsfähig ist, aber erhöhte Gehalte Lebensmittel- oder Futterrechtlich eindeutig zu beanstanden sind."

Nachvollziehbar. Aber letztlich eine Kapitulation vor der Giftfracht. Das könnte gefährlich sein. Vor allem für Kinder. Sie sind besonders gefährdet. Weil ein sich entwickelnder Körper viel sensibler auf Belastung mit Giften reagiert als ein erwachsener. Kann es sein, dass wir die Wirkung von ständig anwesenden Umweltgiften auf Kinder bisher unterschätzt haben?

Gefahr für Gehirne von Kindern

Der Harvard-Professor Philippe Grandjean ist ganz entschieden dieser Auffassung. Er hat Kinder untersucht, die besonders mit den Umweltgiften belastet sind. Er untersuchte die Hirnaktivitäten der Kinder mit Computertomografie und fand auffällige Veränderungen: "Wir haben ein großes Problem in Europa, in Deutschland und in anderen Ländern. Jedes Jahr verlieren wir tausende und tausende IQ-Punkte in der EU. Wir müssen alle Chemikalien auf mögliche Gehirnschädigungen testen. Dass wir herausfinden, wie wir sie kontrollieren, was wir machen müssen, um die Gehirne der Zukunft zu schützen."

Grandjean hält es für möglich, dass Lernstörungen, die Aufmerksamkeitsstörung ADHS und sogar Autismus durch die belastenden Stoffe befördert werden können. Viele der gefährlichen Stoffe sind bereits bekannt: Lösungsmittel, Pestizide, Blei, Quecksilber, PCB und Weichmacher. Zu lange gelangte zu viel von diesen Stoffen in die Umwelt.
Auch in Deutschland vermuten Forscher eine Gefährdung von Kindern durch diese Chemikalien. Wie Dr. Irina Lehmann, Abteilungsleiterin am Helmholtz Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Sie begleitet Frauen und deren Kinder seit Jahren wissenschaftlich. Sie untersucht die Belastung mit Umweltgiften im Blut und hat dabei entdeckt, dass Frauen, die in der Schwangerschaft mit Farben und Lacken hantierten, anfälligere Kinder haben: "Die bekommen etwa zweimal häufiger Allergien als ihre nicht belasteten Altersgenossen. Und der Risikofaktor ist immerhin genauso hoch wie es das Rauchen ist."

Grenzwerte weiter absenken

Die gute Nachricht: Bei Stoffen, die verboten wurden, sinkt die Hintergrundbelastung allmählich. So ist bei den PCBs, die seit Mitte der 1980er Jahre nicht mehr angewendet werden, der Wert um drei Viertel zurückgegangen. Das hat auch Konsequenzen für die Grenzwerte, sagt Dr. Malisch vom Europäischen Referenzlabor für Dioxine und dioxinähnliche PCBe in Freiburg: "Es sind Maßnahmen ergriffen worden, die Quellen zu erkennen und zu vermeiden. Sodass man sieht: die Hintergrundbelastung sinkt allmählich. Deshalb können Grenzwerte abgesenkt werden. Das haben wir schon in der Vergangenheit gemacht und das wird auch in Zukunft weiter erfolgen."
Und das ist gut so. Denn es gilt das Vorsorgeprinzip. Und das heißt: je niedriger die Grenzwerte, desto besser.

aus der Sendung vom

Do, 9.7.2015 | 22:00 Uhr

SWR Fernsehen

Das neue Odysso-Logo von 2019

Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.