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SENDETERMIN Do, 23.10.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Gesundheit Pausenloses Sitzen – wie ungesund ist es?

Macht pausenloses Sitzen auch einen gesunden Körper auf Dauer krank? Das wollen Forscher an der Kölner Sporthochschule am Zentrum für Gesundheit und Bewegung herausfinden.

Eine Frau sitzt am Schreibtisch und hält sich ihren Rücken

Still sitzen für die Wissenschaft

Am Morgen des Versuchstages wird bei den Testpersonen der Blutzuckerwert in nüchternem Zustand gemessen. Der Blutzuckerwert gibt Auskunft darüber, wie gut der Körper zum Beispiel durch Essen aufgenommene Energie verwertet. Sportwissenschaftlerin Natascha Kanke misst bei beiden einen normalen Startwert von 102 mg/dl. Außerdem werden die Probanden gewogen und mit einem Aktivitätsmessgerät ausgestattet. Dieses wird jede noch so kleine Bewegung festhalten - aufstehen, hinsetzen, zurücklehnen, seitlich beugen und vorbeugen.

Am Messtag soll der Aktigraph allerdings möglichst wenig zu tun bekommen. Denn nach dem Frühstück geht es für die beiden an den Schreibtisch mit der Devise: Still sitzen und arbeiten. Große Bewegungen sind nicht erlaubt, Aufstehen ist - außer zur Toilette - verboten. Unterbrochen wird der Sitzmarathon, der erst am Nachmittag endet, nur vom Mittagessen und von insgesamt fünf Blutzuckermessungen.
Die Auswertung der Daten bestätigt die Befürchtungen der Forscher: Artur entwickelt durch das lange, ununterbrochene Sitzen im Maximum Werte von 150 mg/dl, Nadja bleibt nur wenig darunter. Fest steht: Sowohl Nadjas als auch Arturs Körper haben das Essen nicht ausreichend verarbeitet. Bereits nach einem Tag ohne Bewegung messen die Forscher Werte, die nach ihrer Kenntnis das Risiko für Diabetes mellitus erhöhen. Ist der Blutzuckerspiegel dauerhaft hoch, ist Diabetes in den meisten Fällen die Folge.

Von der Kirchenbank zur Schulbank

Unsere Vorliebe für das Sitzen hat kulturgeschichtliche Wurzeln. Die ersten Menschen waren Nomaden und Wanderer, dann wurden sie sesshaft. Sitzen war in den alten Hochkulturen jedoch das Privileg der Herrscher, ob weltlich oder religiös: Wer sitzt, erreicht einen Zustand der inneren und äußeren Ruhe. Das setzt sich von der Kirchenbank bis hin zur Schulbank fort. Sitzen ist uns nicht angeboren, sondern anerzogen. Den Bewegungsdrang kontrollieren, um sich besser konzentrieren zu können, ist nur so lange gut, wie es nicht zu viel wird: Studien wie die "Fit fürs Leben"-Studie der Kölner Sporthochschule bestätigen, dass sich Kinder zu wenig bewegen, vor allem in ihrer Freizeit.

Kinder sitzen am Spieltisch

Sitzen ist eine anerzogene Körperhaltung

Schon Vorschulkinder sitzen zu viel, zum Beispiel vor dem Fernseher. Die heranwachsenden Jugendlichen, sogenannte Digital Natives, verbringen durchschnittlich sechs Stunden am Tag sitzend: in der Schule, vor dem Computerbildschirm, der Spielekonsole oder dem Fernseher (Studien der DSHS zum Projekt "Bewegung ins Berufskolleg" und "Sitting time in Germany" von Birgit Wallmann-Sperlich et. al., 2013.) Bei Erwachsenen wurde eine durchschnittliche tägliche Sitzzeit von fünf Stunden gemessen.

Mangelnde Bewegung belastet den Körper und schraubt seinen Stoffwechsel zurück. Weltweite wissenschaftliche Langzeituntersuchungen verknüpfen langes, dauerhaftes Sitzen sogar mit Volkskrankheiten wie Diabetes, Herzinfarkt, Herz-Kreislauf-Problemen und sogar Krebs. Jede Stunde als Computer-, Auto- oder Couch-Potato steigert dabei das Krankheits- und Sterberisiko. Das beschreiben ein schwedisches Forscherteam um Elin Ekblom-Bak vom Stockholmer Karolinska-Institut sowie der australische Professor David W. Dunstan vom Baker IDI Heart and Diabetes Institute Melbourne in einer Langzeitstudie.

Die Suche nach der Minimalaktivität

Wie viel Bewegung muss sein, damit der Körper trotz Büroalltag, trotz Computer und Auto gesund bleibt? Die schwedische Forscherin Elin Ekblom-Bak fand mit ihrem Team heraus: auch sportliche Betätigung am Abend nach einem langen Sitztag hilft nichts dagegen, wenn man am Tag dauerhaft gesessen hat. Das deckt sich mit den Forschungen von Professor Ingo Froböse.

"Ich forsche seit vielen Jahren und gerade in den letzten 10, 15 Jahren ist in mir ein Traum gewachsen, den Menschen doch endlich mal sagen zu können, wie wenig müssen sie sich mindestens bewegen?", sagt der Leiter des "Zentrums für Gesundheit durch Bewegung und Sport" an der Deutschen Sporthochschule Köln. Diese Minimalaktivität ist bislang noch nicht wirklich bekannt. Tests wie der mit Nadja und Artur sind Teil der aktuellen Forschungen. Ein zweiter Versuchstag scheint zunächst identisch: pieksen, frühstücken, sitzen. Selbst das Mittagessen ist dasselbe, damit die Werte nicht verfälscht werden. Doch eine entscheidende Änderung ist hinzugekommen: Jede Stunde wird das Dauersitzen unterbrochen vom Treppensteigen. In der Kölner Sporthochschule sind das fünf Stockwerke. Da kommen die beiden Probanden schon ein wenig außer Atem. Nach jedem Treppengang wird der Blutzuckerwert gemessen.

Die Auswertung am Ende macht Mut: Am inaktiven Tag war der Blutzuckerspiegel bei beiden gerade nach dem ersten langen Sitzen stark angestiegen. Durch das Treppe laufen sind die Werte am zweiten Testtag bis zu einem Drittel niedriger. Ein Erfolg. Treppe gehen ist unaufwändig, raubt nicht viel Zeit und aktiviert Körper und Geist. Ingo Froböse ist begeistert: "Die Minimalaktivität, glaube ich, liegt im Geheimnis des Treppegehens!" ist sein Resumée.