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SENDETERMIN Do, 19.2.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Selbstversuch Operation Achtsamkeit (Teil 2)

Belege für Effekte von Achtsamkeitstraining häufen sich. Auch in Mannheim läuft eine Studie zur Wirkung von Achtsamkeit bei Depression. Im Zentrum steht unser "Ruhenetzwerk", Hirnstrukturen, die aktiv sind, wenn wir nichts tun.

Aus Grübelschleifen ausbrechen

Am Zentralinstitut für seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim steht die Achtsamkeit im Fokus von Therapeuten und Neurowissenschaftlern: Prof. Christine Kühner und Prof. Peter Kirsch untersuchen, wie Hirnaktivität und Achtsamkeitsschulung zusammenhängen - mit handfesten Zielen für die Behandlung von Depression. Denn diese Patienten sind oft in einer Art Dauer-Grüblerei gefangen, und überhaupt nicht mehr im Hier und Jetzt verankert. Christine Kühner sieht im Achtsamkeitstraining "ein mentales Training, um Aufmerksamkeitsprozesse wieder zu fördern." Es gehe darum, den Patienten was an die Hand zu geben, "mit dem sie aus grüblerischen Schleifen ausbrechen können".
Ich treffe dort auch einen jungen Mann, der an dieser Studie teilnahm. Eike M. hatte schon etliche depressive Phasen, ging oft gar nicht mehr aus dem Haus. Der vierwöchige Achtsamkeitskurs am ZI Mannheim im Rahmen der Studie hat bei ihm viel bewirkt. Früher sei er oft in einen "tranceähnlichen Zustand" geraten, war völlig abwesend. Aber inzwischen kann er, wenn er abdriftet ab, "wieder ohne fremde Hilfe zurück finden", wieder zu sich kommen. Ein Riesenfortschritt, sagt er. Inzwischen macht er seine Ausbildung weiter und meditiert regelmäßig.

Fokussiert auf Negatives

Die Forscher am Mannheimer ZI interessiert, wie negative Emotionen sich selbst verstärken. Unser Gehirn ist schon evolutionsgeschichtlich auf Negatives und Bedrohliches fokussiert: Einst war das absolut überlebenswichtig für unsere Vorfahren - Achtung: giftige Pflanze, Raubtier, Feind! Heute geht es im Alltag nicht mehr dauernd ums nackte Überleben: Doch unsere alten Gehirnstrukturen wittern immer noch, auch bei eigentlich harmlosen Stresssituationen, schnell tödliche Gefahr. Insofern ist das Problem der mentalen Negativspirale nicht auf depressive Menschen beschränkt.
Ich darf den Versuchsparcours selbst probeweise durchlaufen. Zuerst kommt der Hirn-Scan mit Videobrille und Kopfhörern. Peter Kirsch und sein Team erzeugen anfangs über unspezifische Landschaftsbilder eine möglichst neutrale Stimmung bei mir. Aufnahmen meines "Ruhenetzwerkes" entstehen: Das sind jene Hirnregionen, die aktiv sind, wenn ich nichts Konkretes mache und denke: Das Gehirn produziert auch dann einen Strom von Assoziationen.
Nur rund 20 Prozent unseres Erlebens basiert auf konkreten Gedächtnisinhalten und äußerer Wahrnehmung. 80 Prozent simuliert unser Gehirn nur: Versionen vergangener oder zukünftiger Ereignisse laufen wie kurze Filme ständig in unserem Kopf ab. Sie ermöglichen uns, zu handeln, aber sie halten uns auch in bestimmten Vorstellungen gefangen.

Monitor mit Aufnahmen von Gehirnmessungen

Aktivierung des Ruhenetzwerks

Nun versetzen mich die Forscher mit in eine traurige Stimmung: Ich soll mich an schlimme Lebensereignisse erinnern, höre traurige Musik dazu. Hirnbereiche, die Erfahrungen und Gefühle verarbeiten, werden aktiviert; Bezüge zu Verlusten und Ängsten überlagern sich. Eine Negativspirale kommt in Gang. Ich gebe über Multiple-Choice-Drucktasten noch während der MRT-Session an, was ich fühle.
Prof. Peter Kirsch gibt mir dann Einblicke in mein Oberstübchen: In trauriger Stimmung wurde das Ruhenetzwerk bei mir aktiver. Das ist normal - allerdings, bei depressiven Menschen ist die verstärkte Aktivität viel öfter und länger zu beobachten, auch ohne Stimulierung. Dieser Check des Ruhenetzwerkes lässt Prognosen zu ob Patienten wahrscheinlich depressiv werden, oder rückfallgefährdet sind.

Stressreaktionen durch Grübelei

Außerdem wurden die Studienteilnehmer mit einem Spezial-Smartphone ausgestattet und ins Alltagsleben entlassen: Sie bekamen darüber drei Tage an zufälligen Zeitpunkten lang Fragen zu ihrer Stimmung gestellt: Ob sie gerade grübelten, oder an etwas bestimmtes gedacht haben.
Manchmal mussten sie dabei noch Speichelproben eintüten. Ein Test ihres Cortisolspiegels, der zeigt wie gestresst sie sind. Die Cortisolmessung in Verbindung mit Grübeleien soll in der Studie belegen, in welchem Maße Menschen bei Dauergrübeln auch körperlichem Stress ausgesetzt sind.
Für unser Gehirn ist es nämlich egal, ob wir Stress und Leiden tatsächlich erleben, oder uns nur in Gedanken quälen. Ziel jedes Achtsamkeitstrainings ist es, aus dieser Negativspirale wieder herauszukommen: Lernen, den inneren Film zu durchbrechen, Gedanken und Befürchtungen wieder loszulassen. Die Aufmerksamkeit bewusst zu fokussieren.

Studienteilnehmer profitieren

Nach den Trainingswochen wurden die Teilnehmer wieder durchgecheckt: Ihr Ruhenetzwerk - also die Tagträumer-Zentrale - war bei vielen nun weniger aktiv. Auch die Ausschüttung des Stresshormons Cortisol nahm ab, beziehungsweise näherte sich dem natürlichen Tagesrhythmus an. Am Ende der Studie werden von rund siebzig Teilnehmer Messungen vor und nach dem Achtsamkeitskurs vorliegen. Noch gibt es keine statistischen Auswertungen, aber sie sehe, so Prof. Kühner, dass die Teilnehmer von den Übungen profitieren. Ihre Rückmeldungen seien "sehr positiv", viele würden "sich überlegen, wie sie das weiterhin praktizieren können in ihrem Alltag."
Ich frage den Neurowissenschaftler Prof. Kirsch, ob ich, wenn ich nun jahrelang meditieren würde, meine Grübelneigung besser beherrschen könnte, also ein weniger aktives Ruhe- bzw. Tagträumer-Netzwerk in meinem Gehirn heranzüchten könnte. Prof. Kirsch ist da optimistisch. Er glaubt, das geht schneller, "dass die Plastizität des Gehirns so stark ist, dass man auch mit einer kurzen Intervention hier schon zu Veränderungen kommen kann." Die Forscher erwarten bei der Auswertung ihrer Studie weitere Belege für die therapeutische Wirkung von Achtsamkeit.

aus der Sendung vom

Do, 19.2.2015 | 22:00 Uhr

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