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SENDETERMIN Do, 19.2.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Selbstversuch Operation Achtsamkeit (Teil 1 + Teil 3)

Hirnforscher und Meditationsgurus behaupten: Wir können unser Hirn neu verdrahten, und lernen, die Welt und uns selbst anders wahrzunehmen. Ein odysso-Reporter wagt den Selbstversuch: Acht Wochen Achtsamkeitstraining.

Sich neu erfinden

Ich wurde gefragt, weil ich ein Skeptiker bin. Nichts mit Esoterik, Meditation und solchen Sachen am Hut. Große Zweifel daran, dass ein Mensch sich wirklich verändern kann. Genau richtig für den Selbstversuch - so meine Redaktion: "Oliver, willst Du einen Achtsamkeitskurs machen?"
Das bedeutet: Acht Wochen lang einen "MBSR"-Kurs mitmachen, heißt "Mindfulness-Based Stress Reduction" - Stressverminderung durch Achtsamkeit. Dazu die Bereitschaft, täglich eine halbe Stunde zu üben. Wozu? Vordergründig, um Druck und Hamsterrad-Symptome in meinem Leben zu reduzieren. Doch im Grunde, sagen Kenner, gehe es darum, ein freierer Mensch zu werden, sich selbst neu zu erfinden. Eine verführerische Utopie. Tatsächlich verzweifle ich manchmal - an mir, den anderen, der Welt - und wenn ich das tatsächlich ändern könnte… Also, ich bin dabei.
Die Schule der Achtsamkeit ist schon fast drei Jahrzehnte alt, entwickelt von dem US-Molekularbiologen Jon Kabat-Zinn. Ein Naturwissenschaftler, kein Esoterik-Guru. Das Trainingsprogramm basiert auf einem Grundgedanken: Dass die Realität nicht so klar und eindeutig ist, wie das Gehirn sie uns vorspiegelt. Dass unsere Werturteile, Gefühle, Grübeleien und Ängste auch keine fixierte, unverrückbare Wirklichkeit sind. Dass wir die Welt ganz anders erleben können, und damit auch uns selbst: Denn unser "Ich" bildet sich aus Vernetzungen der Neuronen im Hirn - durch immer gleiche Denkmuster. Doch die Verdrahtung des Oberstübchens ist flexibel: Jeder Mensch kann prinzipiell sein Gehirn umbauen, sein altes Ich - loslassen.

Wahrnehmen - nicht urteilen

Der Kurs findet in einem Frankfurter Vorort, im Souterrain eines Einfamilienhauses statt: Ein weiter, dezent beleuchteter Raum, Matten, Papierwände, ein Hauch von Zen. Zweieinhalb Stunden Übungen in achtsamer Wahrnehmung stehen mir jeden Dienstag bevor. Christian Stocker, zertifizierter MBSR-Trainer, muss einen bunt gemischten Haufen von zwölf Teilnehmern anleiten: Erzieherin, Handwerker, Marketingmensch, Arzt - alles vertreten. Ich denke, wenn ich mich umschaue, jeder der hier ist, will ein besserer Mensch werden - also nicht im Sinne "toller Körper, toller Typ", sondern um besser mit sich und der Welt umzugehen, das ist das Ziel.

Meditationsgruppe mit Oliver Wittkowski im Schneidersitz

Die Übungsabende sind ein Mix aus Meditationstechniken, Psychologie-Vorträgen, Yoga-Übungen und Erfahrungsaustausch. Wir lernen, kleine Dinge des Alltags zu beobachten, ohne sofort zu urteilen - der schon prominente Achtsamkeitsklassiker ist die Rosine: Betrachten, befühlen, beschnuppern - so als würden wir so ein Ding zum ersten Mal sehen. Eigenartig? Und wie.
Und wir schulen in Sitz-, Liege-, oder Gehmeditationen unsere Wahrnehmung. Meditieren heißt keineswegs: irgendwie vor sich hin dösen, im Gegenteil: Aufmerksam im hier und jetzt sein - den Atem, den Körper spüren. Gedanken bewusst wahrnehmen, aber nicht an ihnen kleben, sie wieder ziehen lassen.

Reaktionsmuster durchbrechen

Ich merke aber mit der Zeit: In der aufmerksamen Fokussierung auf das hier und jetzt wird die Welt für kurze Zeit tatsächlich weniger kompliziert oder erdrückend. Schlimme Erfahrungen der Vergangenheit, Ängste vor zukünftigen Problemen, all das ist - einfach mal weg. So erlebe ich (mitunter, kurz): dass ich eine Wahl habe wie ich die Dinge sehe. Wir alle im Kurs haben unsere Aha-Erlebnisse: Frederik schwärmt von der Übung "dass man so seine Gedanken beobachtet. Dieses Bild, dass man dabei so an der Straße sitzt." Das sei "ziemlich geil, weil man in diesem Moment so einen geistigen Abstand kriegt." Die Fähigkeit zu schulen, sich selbst zu beobachten, soll uns helfen, auf Zumutungen des Alltags weniger reflexhaft zu reagieren, sondern den Freiraum zu erkennen: Wie will ich das sehen? Wie will ich damit umgehen? Eventuell mal anders als sonst?
Ich selbst bin angetan von der Übung, die eigenen Ängste und Unfreundlichkeiten im Innern einmal anders, und zwar "mit Freundlichkeit zu betrachten". Ich kann tatsächlich all das Kleinliche, Armselige und Verdorbene in mir eine Zeit lang ohne Groll, mit Freundlichkeit betrachten. Eine bemerkenswerte Erfahrung. Solche Momente, in denen wir uns selbst überraschen, treiben uns alle dazu, dann doch öfter und immer wieder diese Meditationen zu machen.

Studien belegen Wirksamkeit

Achtsamkeit ist jedenfalls schwer angesagt, in Ratgeberliteratur und Seminarkatalogen: Ein Heilsversprechen - und Geschäftsmodell. Da schlägt der Skeptiker bei mir wieder durch: Ist das doch nur moderner Optimierungswahn? Gehirnwäsche für Besserverdienende? In der Mitte meines achtwöchigen Kurses kommt der Einbruch, ich lasse meine Übungen schleifen. War’s das schon, mit meiner Reise zum neuen Ich? Die acht Wochen durchziehen, auch wenn dein Gehirn dir dauernd signalisiert, dass Du Deine Zeit verplemperst! Das rät erfrischend bodenständig der MBSR-Pionier John Kabat-Zinn. Und ich schöpfe neue Kraft aus dem wachsenden Fundus wissenschaftlicher Studien, die belegen: Achtsamkeitstraining kann aus der Burnout-Spirale befreien, Depressiven neue Wege aufzeigen, sogar das Immunsystem bei Krebs stärken. Also: ich reiße mich zusammen und trainiere wieder regelmäßig.

Portrait Christian Stocker

MBSR-Trainer Christian Stocker

Unser Trainer Christian Stocker betont aber, wir sollen nicht hier wieder eine Leistungsideologie reinbringen. Sondern unser "Selbstmitgefühl" kultivieren, achtsam auch mit sich selbst sein. Der Trainer meint über mich: "Ich erlebe Dich als sehr reflektierten Menschen, gleichzeitig auch ziemlich auch kritisch mit Dir selbst." Er glaubt, dass ich durch das Achtsamkeitstraining "noch ein klein bisschen mehr Freundlichkeit in diese Selbstbeobachtung reinbringen kannst." Doch Christian Stocker sagt auch: Achtsamkeit heißt nicht, Schmerz und Leid zu leugnen, oder sich alles nett und schön zu reden. Es gilt vielmehr, eine gute Balance zu finden, sich einen klaren Blick auf mögliche Spielräume und Alternativen anzueignen.

Früchte der Achtsamkeit

Gegen Ende des Kurses beginnt all das das Früchte zu tragen: Kursteilnehmerin Anja meint, dass sie es immer besser schafft "diese Negativbewertungen, die wir Europäer immer so drauf haben" öfter mal "positiv umzuwerten" oder auch - gar nicht zu bewerten. Susanne, die in Konfliktsituationen bisher immer sehr impulsiv reagierte, fällt auf, dass sie sich nun " einen Moment Zeit nimmt und überlegt: Was passiert hier eigentlich gerade." Auch Heike meint, dass sie nun öfter mal diesen inneren "Autopiloten wahrzunehmen und abschalten" kann.
Zugegeben: Solche Erfahrungen mache ich auch: Dass ich manchmal überrascht bin, wie ich im Alltag reagiere. Früher hätte ich mich da aufgeregt, oder mich selbst verrückt gemacht, denke ich. Wie tragfähig das alles ist - ich weiß es noch nicht. Aber den Weg finde ich faszinierend: Ob am Ende dieser kleinen Einsichten wirklich ein neuverdrahteten Gehirn, ein neues "Ich" stehen könnte? Ich will jedenfalls - soweit es mir möglich ist - offen und achtsam bleiben. Mal sehen, was noch so passieren kann.