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SENDETERMIN Do, 20.11.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Südwesten Notfallversorgung auf dem Land

Wegen knapper Kassen wurde im Pfälzer Wald und im Rems-Murr Kreis die Notfallversorgung herunter gefahren. Doch die Bürger wollten das nicht widerspruchslos hinnehmen und haben Druck gemacht. Ob sie Erfolg haben?!

Ein Notarzt zieht am 02.04.2014 in Heidelberg (Baden-Württemberg) am Universitätsklinikum eine Krankenliege aus einem Rettungswagen

Pauschallösungen gibt es nicht

Kostendruck, Ärztemangel, Landflucht und eine immer älter werdende Bevölkerung markieren den medizinischen Notstand auf dem Land. Auch wenn die Ursachen fast überall die gleichen sind - allgemeingültige Lösungskonzepte gibt es nicht. Jede Kommune muss selbst in der Auseinandersetzung mit allen Betroffenen ein individuelles Optimum mit den bestehenden Mitteln ausloten. Dabei spielen Kreativität und das Engagement der Bevölkerung eine große Rolle.

Ein typisches Beispiel

Backnang, eine schwäbische Kleinstadt im Rems-Murr-Kreis mit 35.000 Einwohnern. Bis Ende Juli 2014 gab es hier ein eigenes Krankenhaus, das bei den Bewohnern der Region sehr beliebt war. Außerdem wurde die Notambulanz vom Rettungsdienst der Backnanger DRK-Station angefahren. Seit dem Sommer ist das Krankenhaus geschlossen. Eine weitere Klinik im Kreis - in Waiblingen - wurde bereits 2012 dicht gemacht. Die Leitung der Rems-Murr-Kliniken hatte sich für eine Zentralisierung zu Gunsten eines Ausbaus der Klinik in Winnenden entschieden. Natürlich brachten die Klinikschließungen eine Menge Unannehmlichkeiten und längere Wege für die Bevölkerung mit sich. Angst haben die Menschen aber vor allem vor Notfällen. Denn der DRK-Rettungsdienst mit Notarzt bleibt zwar in Backnang erhalten, wodurch die Rettungssanitäter nach wie vor schnell am Unfallort sind und den Patienten vor dem weiteren Transport stabilisieren können. Aber was ist bei einem Herzinfarkt, Schlaganfall oder bei inneren Verletzungen nach einem Unfall? In solchen Fällen kann dem Patienten nur in einer Klinik adäquat geholfen werden, das heißt jede Minute zählt - auch die Zeit vom Unfallort bis zur Klinik.

Wenn der Notfall im Stau steht

Die zusätzliche Strecke von Backnang nach Winnenden dauert ungefähr 20 Minuten. Das allerdings nur, wenn die verbindende Bundesstraße frei ist. Man hatte deshalb den Ausbau der B14 bis zur Schließung der Klinik versprochen. Fakt ist aber, dass sich die Bundesstraße nach wie vor direkt hinter Winnenden verengt. Auf der Strecke nach Backnang kommt es deshalb durch die fehlende zweite Autospur und die Ampelkreuzung in Waldrems ständig zu Staus.

Davon betroffen sind auch die Rettungsteams. Vor allem, weil sich im Rems-Murr-Kreis die Rettungseinsätze in den letzten elf Jahren von 18.285 auf 36.019 pro Jahr verdoppelt haben (Quelle: DRK-Pressestelle Stuttgart). Gründe dafür sind zum einen der demographische Umbau der Gesellschaft, aber auch, weil der Rettungswagen immer häufiger wegen Lappalien ausrücken muss.

Bauzaun mit Schildern

Kein Krankenhaus mehr in Backnang

Konzept Notfallpraxis

Dennoch - das Engagement der Bevölkerung und des Bürgermeisters für den Erhalt des Krankenhauses war nicht ganz umsonst. Zumindest die Notfallpraxis konnte in Backnang gehalten werden. Lange sollte sie zusammen mit dem Krankenhaus geschlossen werden.

Über 90 Ärzte aus der Region teilen sich hier die Dienste an den Wochenenden, an Feiertagen und nachts, wenn die Praxen geschlossen sind. Das Versorgungsnetz der Notfallpraxen zieht sich über ganz Baden-Württemberg und soll dafür sorgen, dass jeder innerhalb von 20 bis 30 Minuten einen ärztlichen Notdienst erreichen kann.

Dennoch müssen die Ärzte der Backnanger Notfallpraxis in der Regel alle Patienten bei Verdacht auf akute, innere Erkrankungen oder Knochenbrüche weiter nach Winnenden schicken, weil weder Röntgen noch ein medizinisches Labor in der Notfallpraxis vorhanden sind. In den allermeisten Fällen kann den Patienten aber weitergeholfen oder zumindest die Zeit, bis die Fachärzte am nächsten Tag wieder geöffnet haben, überbrückt werden. Außer dieser stationären Einrichtung gibt es sogar einen mobilen Dienst, der jede Nacht für dringende Hausbesuche bereit steht.

Die ersten fünf Minuten sind entscheidend

Allerdings darf die Versorgung mit Notfallpraxis und Rettungsdienst nicht darüber hinwegtäuschen, dass bei lebensbedrohlichen Notfällen wie zum Beispiel einem Herzinfarkt, die Patienten meist nur durch eine Soforthilfe innerhalb der ersten fünf Minuten gerettet werden können. Das kann auf dem Land in der Regel kein Rettungsdienst leisten. Die häufig genannte Mindestzeit, bis zu der ein Rettungsdienst eintreffen muss, liegt zwar in Baden Württemberg bei nur 15 Minuten, aber dieser Wert stelle eher eine organisatorische Planungsgröße dar, die helfe, die vorhandenen Mittel effizient über das Land zu verteilen. So Udo Bangerter, Pressesprecher des DRK in Stuttgart.

Das heißt im Ernstfall kommt es darauf an, dass jemand aus der unmittelbaren Nachbarschaft helfen kann. Gerade auf dem Land mit den entsprechend langen Anfahrtswegen des Notarztes sind deshalb Erste-Hilfe-Kurse für die Bevölkerung eine durchaus realistische Möglichkeit, um die Notfallversorgung zu verbessern. Eine möglichst große Anzahl von geschulten Ersthelfern kann die Lücke in der Rettungskette bis zum Eintreffen des Notarztes schließen.

Das Deutsche Rote Kreuz, die Johanniter und Malteser bieten ein umfangreiches Angebot an Kursen an, zu denen sie gerne Auskunft geben.