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SENDETERMIN Do, 12.11.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Depression Neue Wege im Kampf gegen Depressionen

Was geschieht, wenn ein Mensch depressiv wird? Trotz jahrelanger Forschung und Millionen Betroffener: Erst jetzt sind die Experten den Ursachen auf der Spur.

Welche Rolle spielt Stress?

Am Münchener Max-Planck-Institut für Psychiatrie suchen Forscher nach den Ursachen der Krankheit. Sie nehmen alles unter die Lupe: die Hirnströme und die Gene, das Blut und den Schlaf. Florian Holsboer war über 20 Jahre lang Direktor des Instituts. Sein ganzes Berufsleben hat er der Erforschung der Depression gewidmet. Nach seiner Erfahrung macht die jahrhundertealte Unterscheidung zwischen Körper und Seele keinen Sinn mehr: "Wir sehen die Veränderung beispielsweise auch bei der Schweißneigung, beim Appetit, bei der Verdauung und all diesen Dingen. Es ist eine Erkrankung, die den ganzen Körper erfasst." Bei der Suche nach den Ursachen, haben die Forscher einen Hauptverdächtigen im Blick: Stress. Um mehr über den Zusammenhang von Stress und Depression zu erfahren, untersuchen sie die Stresshormone im Blut. Gesunde Probanden und Patienten, die bereits einmal eine Depression hatten, müssen sich einem Stresstest stellen. Die Forscher simulieren eine Prüfungssituation. Bei Jedem schießen jetzt die Stresshormone in die Höhe, eine völlig normale Reaktion.

Die Suche nach neuen Medikamenten

Entscheidend für die Forscher ist jedoch, was nach dem Test passiert: in der Erholungsphase. Alle 10 Minuten nimmt die Laborantin Blut ab, um den Gehalt an Stresshormonen zu untersuchen. Während des Tests schießt das Stresshormon Cortisol in die Höhe - und zwar bei allen Probanden. Bei gesunden Personen sinkt die Konzentration der Hormone nach dem Test schnell wieder auf normale Werte ab. Bei Patienten, die bereits einmal eine Depression hatten, ist das Stressniveau deutlich höher - vor allem aber bleibt es auch lange nach dem Stress-Test erhöht. "Wir haben herausgefunden, dass ein ganz bestimmtes Eiweißmolekül im Gehirn dafür verantwortlich ist, dass diese Stresshormonachse nicht mehr richtig reguliert ist", erklärt Florian Holsboer. "Das führt dazu, dass wir schlechter schlafen, dass wir ängstlicher sind, und es ist auch daran schuld, dass unser vegetatives Nervensystem in der Depression verändert ist." In den Blutproben suchen die Forscher nach den Genen, die dafür verantwortlich sind. Um die Depression zu heilen, wollen sie Medikamente entwickeln, die direkt das Stress-System beeinflussen. Denn solche Mittel gibt es derzeit noch nicht.

"Antidepressiva wirken bei zu wenigen und haben zu viele Nebenwirkungen"

Florian Holsboer im Labor.

Prof. Holsboer im Labor am Max-Planck-Institut

In Kliniken und Arztpraxen wird heute eine Vielzahl an Antidepressiva verordnet. Doch die Vielfalt täuscht, denn die meisten Tabletten wirken nach demselben Prinzip. Sie beeinflussen bestimmte Botenstoffe im Gehirn. Manchen Patienten hilft das, bei anderen versagen die Medikamente komplett. "Sie wirken bei zu wenigen, und sie haben zu viele Nebenwirkungen", so die Erfahrung von Professor Holsboer. "Wir geben das so, wie ein Breitbandantibiotikum, wenn wir nicht wissen, was der Erreger ist. Und ähnlich machen wir das auch mit den Antidepressiva. Das kann so nicht weiter gehen." Die Forscher am Münchener Max-Planck-Institut möchten Medikamente entwickeln, die auf die unterschiedlichen Ursachen der Depression zugeschnitten sind - und konzentrieren sich dabei auf die Stressbewältigung.

Mäuse im Verhaltenstest

Die Wissenschaftler haben eine Wirkstoff entwickelt, der die Stresshormone reguliert und testen ihn im Tierversuch. Mäuse sind soziale Wesen, wie wir Menschen. Im fremden Käfig wird die schwarze Maus attackiert. Nach ihrer Niederlage muss sie den Rivalen einen ganzen Tag im Nachbarkäfig ertragen. Wochenlang geht das so. Die Mäuse entwickeln dabei so etwas wie eine Depression. Sie essen weniger, ihr Schlaf-Rhythmus verändert sich. Florian Holsboer: "Sie haben mehr Angst und viele andere Symptome, die man auf die Depression des Menschen übertragen kann." Mit diesen Mäusen führen die Forscher Verhaltenstests durch. Die Tiere werden in ein Gangsystem gesetzt - und suchen sofort Schutz in den geschlossenen Gängen. Die Maus wagt sich nicht auf die offenen Arme des Versuchsgeräts. Sie zeigt ein ängstliches und zurückgezogenes Verhalten - genau wie depressive Menschen.

Der lange Weg vom Tierversuch zum Medikament

Können Medikamente daran etwas ändern? Die Forscher haben den neuen Wirkstoff in eine Maustablette gepresst. Das Mittel bringt die Stresshormone wieder ins Lot. Die so behandelte Maus absolviert denselben Verhaltenstest. Das überraschende Ergebnis: Die Maus ist jetzt neugieriger und agiler. Das depressive Verhalten? Fast vollständig verschwunden. Offenbar wirkt die Behandlung – der erste Schritt auf dem Weg zu einem neuen Medikament. Für die nächsten Schritte brauchen die Forscher die Unterstützung der Pharmaindustrie. In der Vergangenheit war die nicht sonderlich interessiert, so die Erfahrung von Florian Holsboer. "Vielleicht wollte sie das bestehende Geschäftsmodell nicht gefährden", vermutet der Wissenschaftler. Mittlerweile ist der Patentschutz für viele Antidepressiva ausgelaufen, die Bereitschaft der Pharmaindustrie sich auf Neues einzulassen, könnte also wachsen. Doch bevor es so weit ist, werden in jedem Fall Jahre vergehen. Noch ist nicht klar, ob sich die Ergebnisse auf dem Tierversuch tatsächlich auf Menschen übertragen lassen.

aus der Sendung vom

Do, 12.11.2015 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.