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SENDETERMIN Do, 16.1.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Medikamente Neue Mittel oft teuer und nutzlos

Neue Arzneimittel kosten in der Regel mehr als bewährte alte Präparate. Ihr Nutzen ist außerdem unzureichend erforscht. Dennoch sorge das Marketing der Pharmafirmen dafür, dass Ärzte diese Mittel besonders oft verschreiben, kritisieren Experten.

Christiane Joswig ist Stammkundin in der Apotheke, schon seit den 1990er Jahren. Seit 20 Jahren nimmt sie Tabletten gegen Schilddrüsenprobleme, Diabetes und Bluthochdruck - und ist damit eine typische Diabetes-Patientin. Denn wie viele Diabetiker leidet sie an mehr als einer Erkrankung. Vier bis fünf Sorten von Tabletten täglich einzunehmen, daran hat sie sich gewöhnt.

Allein gegen Diabetes waren es über die Jahre neun verschiedene Mittel, bis sie schließlich eins findet, das sie gut verträgt. Seitdem spürt Joswig kaum mehr Nebenwirkungen, und auch ihre Blutzuckerwerte sind recht stabil. Die Diabetikerin ist damit zufrieden, doch ihrer Ärztin reicht das nicht. Irgendwann drängte die Medizinerin, "dass ich ein neues Medikament ausprobiere, was in Deutschland noch ganz frisch auf dem Markt war", berichtet Joswig. Der neue Wirkstoff Exenatide würde ihre Zuckerwerte stark verbessern, verspricht die Ärztin. Doch Christiane Joswig traut dem nicht, schließlich geht es ihr gut.

Viele Ärzte vertrauen der Pharmawerbung

Professor Wolf-Dieter Ludwig, Chef der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und Krebsmediziner, beobachtet seit Jahren: Ärzte, die ihre Patienten auf neue Medikamente umstellen, obwohl deren Nutzen oft fragwürdig ist. Ludwig: "Jedes Jahr werden in Deutschland etwa 30 bis 40 neue Wirkstoffe zugelassen, etwa 80 Prozent dieser neuen Wirkstoffe stellen keinen therapeutischen Fortschritt dar." Diese Präparate seien nicht besser als die Medikamente, die sich bereits auf dem Markt befinden. "Das Problem ist, dass diese neuen Arzneimittel, die einen geringen Nutzen haben, sehr stark beworben werden, und die Ärzte glauben viel zu häufig diesen Versprechungen anstatt sich kritisch die Studien anzusehen und zu überlegen ob diese neuen Arzneimittel wirklich besser sind als die bereits verfügbaren."

Auch der Pharmakologe und Arzt Wolfgang-Becker-Brüser kritisiert die unzureichenden Ergebnisse zum Nutzen der Medikamente. Der Herausgeber von Deutschlands größter unabhängiger Fachzeitschrift für Arzneimittel beschäftigt sich seit rund 35 Jahren mit Medikamentenstudien. In seinen Augen dürften viele neuere Antidiabetika gar nicht zugelassen sein: "Arzneimittel gegen Diabetes werden üblicherweise zugelassen, weil sie den Blutzucker senken, das sagt aber über den Nutzen, den der Mensch von dem Arzneimittel hat überhaupt nichts aus", bemängelt der Experte. "Man will weniger Schlaganfälle, weniger Herzinfarkte, die Nerven und die Augen sollen nicht so geschädigt werden, wie es bei Diabetikern langfristig häufig der Fall ist, und das ist für die neueren Stoffe eben nicht belegt."

Diabetes: Exenatide hat gefährliche Nebenwirkungen

Die Patienten ahnen davon meist nichts. Christiane Joswig allerdings informierte sich in ihrer Apotheke und erfuhr dort, dass das neue Mittel umstritten ist. Nicht nur wegen des Nutzens, sondern wegen gefährlicher Nebenwirkungen. Trotzdem habe ihre Ärztin sie weiter zur Umstellung gedrängt, erzählt Joswig. Sie recherchierte schließlich im Internet und las dort, dass durch Exenatide Bauchspeicheldrüsenentzündungen und Krebs entstehen können. Und sogar Todesfälle unter diesem Medikament passiert sind.

Arzneimittelexperte Becker-Brüser kennt die entsprechenden Studien. Der neue Wirkstoff Exenatide sei nur einer von vielen neuen Antidiabetika mit schweren Nebenwirkungen, sagt er. Ein anderes Beispiel: Rosiglitazon. Während dieser Wirkstoff aufgrund negativer Forschungsergebnisse inzwischen nicht mehr verschrieben wird, sind die Untersuchungen zu Exenatide noch nicht abgeschlossen. Aber Becker-Brüser befürchtet, dass hier nur mit ähnlichen Konsequenzen Schaden für die Patienten vermieden werden kann: "Wenn man bedenkt, dass der langfristige Nutzen noch gar nicht geklärt ist, dann wiegt es um so schwerer, dass bedrohliche unerwünschte Wirkungen auftreten können. Rosiglitazon beispielsweise senkte den Blutzucker, es wurde trotzdem vom Markt genommen, weil es die Menschen schädigte, und zwar hat es mehr Herzinfarkte ausgelöst, mehr Herzinsuffizienz."

Langfristige Untersuchungen zum Nutzen neuer Medikamente fehlen

Natürlich kann es bei neuen Mitteln noch keine Langzeiterfahrungen geben. Aber auch wenn ein Wirkstoff schon etabliert ist, gibt es viel zu selten aussagenkräftige Nutzen-Risiko-Bewertungen. Das kritisiert auch der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Ludwig: "Wir bräuchten eigentlich nach der Zulassung bei vielen dieser neuen Medikamente langfristige Untersuchungen. Pharmazeutische Unternehmen führen diese Studien nicht durch, zum einen weil sie viel Geld kosten und zum anderen weil sie natürlich an den Ergebnissen, die möglicherweise negativ sind für ihre Wirkstoffe, nicht interessiert sind."

Obwohl es oft nur wenige Erkenntnisse zu Nutzen und Risiken gibt, werden neue Medikamente offensiv beworben, bemängeln die Experten Ludwig und Becker-Brüser. Genau davon, sagt Pharmakologe Becker-Brüser, lassen sich viele Ärzte offenbar beeinflussen: "Die großen Firmen der pharmazeutischen Industrie geben doppelt so viel Geld aus für das Marketing wie für Forschung." Das Marketing schlage sich im Preis nieder. "Die neueren Antidiabetika sind um ein Vielfaches teurer als die bewährten älteren Mittel."

Patienten sollten kritisch nachfragen

Christiane Joswig wechselte schließlich notgedrungen die Ärztin und blieb bei ihren bewährten Medikamenten. So kritisch reagieren aber nur wenige Patienten. Dabei empfehlen Experten in jedem Fall nachzuhaken. "Sie sollten den Arzt fragen, wie viele Studien wurden durchgeführt, und gibt es gute Beweise, dass dieser neue Wirkstoff wirklich besser ist als die bereits zugelassenen Arzneimittel", sagt Ludwig.

Da die meisten neuen Präparate zu Nutzen und Sicherheit noch nicht abschließend untersucht sind, bekommen neu zugelassene Mittel ab Herbst 2013 als Erkennungssymbol ein auf dem Kopf stehendes schwarzes Dreieck im Beipackzettel. Denn neu ist eben nicht immer automatisch gleich wirksamer und sicherer. Christiane Joswig hat ihre Strategie gegen den Diabetes gefunden. Statt sich nur auf Medikamente zu verlassen, macht sie regelmäßig Sport. Wie Studien klar belegen, senkt das die Sterblichkeit von Diabetikern um etwa 38 Prozent, je nach Begleiterkrankungen sogar um bis 50 Prozent.

aus der Sendung vom

Do, 16.1.2014 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.