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SENDETERMIN Do, 11.1.2018 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Pflanzenzucht Neue Pflanzen aus dem CRISPR-Labor

Mit der Genschere sollen Pflanzen mit neuen Eigenschaften entstehen: widerstandsfähig gegen Krankheiten oder Trockenheit. Doch wem nutzt die Technik – nur den großen Konzerne oder auch mittelständischen Pflanzenzüchtern?

In den USA stehen die ersten CRISPR-Pflanzen auf dem Feld

Wer konkrete Anwendungen der Genschere CRISPR-Cas 9 sucht, muss in die USA reisen. In Johnston, einem kleinen Ort im mittleren Westen der USA, hat der weltgrößte Agrarkonzern DuPont Pioneer seinen Hauptsitz. Bei der Entwicklung von neuen Sorten setzt der Konzern auf CRISPR. Seit die Genschere CRISPR 2012 entdeckt wurde, kommt Pioneer in der Pflanzenzüchtung schneller und günstiger voran. Der Konzern verspricht sich ein großes Geschäft. Die ersten CRISPR-Pflanzen stehen in Iowa bereits auf dem Feld: ein Freisetzungsversuch, der in Deutschland derzeit undenkbar wäre. Es handelt sich um Mais mit einer besonderen Stärkezusammensetzung, sogenannten Wachsmais. Eine Revolution ist das noch nicht, denn Wachsmais gab es auch schon vor CRISPR. „Mit Hilfe von CRISPR ist es möglich, die nötigen genetischen Veränderungen in unseren besten Sorten vorzunehmen“, sagt Neal Gutterson, Forschungsdirektor des Konzerns. „Der Ertrag wird deshalb besser sein als bei traditionellen Wachsmais.“ Wachsmais wird in Lebensmitteln genutzt, vor allem aber kommt er bei industriellen Anwendungen zum Einsatz. Der Wachsmais von Pioneer wird wohl das erste kommerzielle Produkt sein, das auf den Markt kommt. Forschungsdirektor Gutterson ist begeistert, bei anderen dagegen weckt der CRISPR-Mais alte Befürchtungen, denn wieder sind es die großen Konzerne, die die Entwicklung der Gentechnik voran treiben.

Das Misstrauen gegenüber „Genfood“ ist groß

Die Gentechnik hat in der Vergangenheit die Industrialisierung der Landwirtschaft weiter voran getrieben. Monokulturen und der Einsatz von Pestiziden nahmen zu, die Artenvielfalt ging zurück. Wird CRISPR die Entwicklung weiter beschleunigen? Oder kann die Technik sogar eine umweltfreundlichere Landwirtschaft ermöglichen? Felix Prinz zu Löwenstein ist Agrarwissenschaftler und Vorsitzender des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Er lehnt die neuen Züchtungsmethoden genauso ab wie die konventionelle Gentechnik und warnt vor den Risiken: „Auch bei den CRISPR-Pflanzen handelt sich sich um vermehrungsfähige Organismen, die wir in die freie Natur ausbringen“, sagt er, „und von dort können wir sie nicht zurück holen.“ Ein überzeugendes Argument. Es hat dazu geführt, dass gentechnisch veränderte Pflanzen nur nach einer strengen Sicherheitsprüfung angebaut werden dürfen. Aber macht die klassische Pflanzenzucht nicht genau dasselbe? Teosinte heißt der Urmais, der noch heute in Mexiko und einigen Nachbarländern vorkommt. Die Körner sind winzig, der Unterschied zu modernen Maissorten enorm. Durch Zucht und Auslese hat sich der Mais im Laufe von Jahrtausenden entscheidend gewandelt. Ganz ohne Gentechnik hat sich das Erbgut der Pflanze verändert.

Ist CRISPR Gentechnik?

Ist Gentechnik also nichts anderes als eine Form der Züchtung? Nicht ganz! Denn zumindest bei der alten, bei der klassischen Gentechnik geht der Mensch noch einen Schritt weiter. Um Mais oder andere Pflanzen gentechnisch zu verändern, nutzen die Forscher in der Regel Bakterien. Darin befinden sich die gewünschten Gene. Das fremde Gen – zum Beispiel die Bauanleitung für ein Insektengift – wird in das Erbmaterial der Maispflanze eingebaut. Eine solche Pflanze heißt transgen, denn sie enthält Erbgut von artfremden Organismen. Mit CRISPR ist das nicht nötig, denn die Genschere kann das Genom der Pflanze verändern, ohne artfremde DNA zuzuführen. Zum Beispiel könnte eine Krankheitsresistenz aus traditionellen Maispflanzen in moderne Sorten übertragen werden. Wenn es sich dabei nur um eine geringfügige Veränderung handelt, lässt sich das Ergebnis nicht von einer natürlichen Mutation unterscheiden. Und Gentechnik, die man nicht erkennen kann, ist keine Gentechnik – so entschieden es zumindest die US-Behörden beim Wachsmais von Pioneer. “Er wird behandelt wie eine konventionell gezüchtete Pflanze”, freut sich Forschungsdirektor Neal Gutterson. Der CRISPR-Mais wird demnächst auf den Markt kommen: zunächst in den USA, doch irgendwann auch in Europa. Die EU allerdings hat noch nicht entschieden, wie sie die neuen CRISPR-Pflanzen einstufen will: als Gentechnik oder als konventionelle Züchtung. Darüber wird derzeit erbittert gestritten.

CRISPR – eine Chance für deutsche Pflanzenzüchter?

In Deutschland steht derzeit keine einzige gentechnisch veränderte Pflanze auf den Feldern. Wird sich das durch CRISPR ändern? Derzeit weiß das niemand – und für die europäischen Züchter ist diese unklare Situation ein großes Problem. In der Nähe von Lüneburg züchtet Heinrich Böhm Kartoffeln. Kein Agrarmulti, sondern ein mittelständischer deutscher Betrieb. Auch Böhm würde neue Techniken wie CRISPR gerne einsetzen, denn Schädlinge und Pflanzenkrankheiten sind für ihn ein Riesenproblem, vor allem die Kraut- und Knollenfäule Phytophtora. In seinen Gewächshäusern werden die Kartoffelpflanzen noch von Hand bestäubt. Böhm will eine Sorte züchten, die widerstandsfähig gegen die Kartoffelfäule ist. Doch auf konventionellem Weg kommt er kaum voran. „Mit CRISPR könnten wir wesentlich schneller und gezielter Resistenzgene aus Wildkartoffeln in moderne Sorten übertragen “, sagt er. Zugleich würde eine solche Pflanze mit weniger Pestiziden auskommen. Ein modernes Labor hat er bereits. Doch gearbeitet wird hier noch nicht. Heinrich Böhm will erst wissen, wie EU und Bundesregierung die neue CRISPR-Technik einstufen: als konventionelle Züchtung oder als Gentechnik? „Wenn das mit den herkömmlichen Gentechnik-Regeln vergleichbar ist, dann können wir uns das nicht leisten. Dann sind wir aus dem Rennen“, so Böhm. Eine Zulassung nach Gentechnikrecht dauert Jahre, ist teuer und aufwändig. Deshalb können es sich derzeit nur die großen Konzerne leisten, neue gentechnisch veränderte Sorten auf den Markt zu bringen. Bei CRISPR droht dieselbe Entwicklung.