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SENDETERMIN Do, 12.3.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Neue Ideen Cradle to Cradle - von der Wiege bis zur Wiege

Die meisten Produkte landen irgendwann auf dem Müll. Aber das müsste nicht sein. Ein neues Konzept für Produktion und Entsorgung von Gütern müsse her, fordert Prof. Michael Braungart.

Mülleimer

Verrotten und wiederbenutzen

Alles, was wir wegschmeißen, teilt Prof. Michael Braungart in zwei Gruppen ein. Dinge, die verrotten und zu Kompost werden. Auch Produkte wie Schuhe lassen sich in der Welt von Prof. Michael Braungart kompostieren und werden somit zur Wiege für neues Leben. Das nennt er den biologischen Kreislauf. Die Stoffe, die nicht verrotten, sollen nicht wie heute oft üblich in Müllverbrennungsanlagen landen und so für immer verloren gehen, sondern wieder zu 100 Prozent zu neuen Produkten werden. Das ist für den Chemiker der technische Kreislauf, der seiner Meinung nach unendlich sein kann. Heute stecken beispielsweise Kunststoffe in einem Staubsauger, morgen in Spielzeug, übermorgen in einer Kaffeemaschine. Im Moment machen das die vielen verschiedenen Player, die das Recycling beeinflussen, unmöglich: Die unterschiedlichen Kunststoffe, die die Hersteller verwenden, sind da nur ein Problem. "Wir brauchen alles noch einmal neu und anders", sagt Prof. Michael Braungart. "Es geht darum, es noch einmal so zu machen, dass es den Lebewesen nutzt. Und das ist etwas ganz anderes als ein wenig Müllvermeidung. Wie wäre es, wenn wir alles noch einmal neu erfinden?"

Der Kunde kauft keine Produkte, sondern Dienstleistungen

Cradle-to-Cradle fängt bei der Entsorgung an. In der Welt von Prof. Michael Braungart gibt jeder Kunde jedes Produkt nach Gebrauch zurück - wie heute schon Flaschen und Dosen. Denn dem Kunden gehören die Produkte gar nicht, sondern die Dienstleistungen dahinter. Bei einer Kaffeemaschine das Kaffeekochen, bei einer Glühbirne das Licht spenden, bei Bauklötzen das Spielen, bei einem Handfeger das Sauber machen. Damit der Kunde die Produkte tatsächlich zurückgibt, zahlt er zunächst einen Pfand und bekommt ihn bei Rückgabe zurück. Die Folge: Hersteller aller möglichen Produkte könnten teure, hochwertige Materialien verwenden. Denn sie bekommen sie ja definitiv zurück! Am besten tun sie sich zusammen und verwenden alle die gleichen Stoffe und bedienen sich aus einem gemeinsamen Materialpool.
Einige Produkte sind heute schon "Cradle-to-Cradle"-zertifiziert. Oft sind es Produkte wie Möbel, die dann die Herstellerfirma tatsächlich zurücknimmt. Das sind aber meist keine großen Ketten, sondern kleine oder mittelständische Betriebe. Aber kann die Vision von Prof. Michael Braungart auch bei Massenware funktionieren, oder ist das ein Wunschtraum?
An der Universität Hohenheim lehrt Prof. Martin Kreeb, er leitet die Forschungsgruppe Nachhaltigkeit. Er erklärt uns, dass die Idee von Prof. Michael Braungart eigentlich gar nicht so neu ist. Die Natur macht es uns schließlich vor: Auch hier fließen alle Stoffe immer wieder in den Kreislauf zurück und werden wieder verwertet - das nennt man geschlossene Kreisläufe. "Deshalb denke ich: Auch in der modernen chemischen Industrie kann man durchaus diese Kreisläufe so gestalten", so Prof. Martin Kreeb. Stoffe und Energie müssen also nicht verloren gehen.

Cradle-to-Cradle bei Massenware

Beim Elektronikkonzern Philips in den Niederlanden hat man sich schon mehrfach an Cradle-to-Cradle-Prinzipien versucht. Fernseher oder Staubsauger beispielsweise, die ganz einfach in ihre Einzelteile zu zerlegen sind - leider nur Prototypen, nicht für den Markt gemacht.

Kaffeekannendeckel aus recycelten CDs

Kaffeekannendeckel: Zur Hälfte aus recycelten CDs und DVDs

Das neueste Produkt: Eine weiße Kaffeemaschine, die allerdings tatsächlich auf dem Markt ist. Ihr Kunststoff ist zwar nicht komplett recycelt, aber immerhin zu mehr als der Hälfte. Alte CDs und DVDs stecken im Deckel, Elektrogeräte und Verpackungen im Korpus. Dass recyceltes Plastik alle Qualitätskriterien erfüllen kann, das hatten die Entwickler nicht erwartet. Bis die Qualität stimmte, hat die Entwicklungsabteilung von Philips immer wieder Proben von Recyclingfirmen getestet, denn Philips recycelt die Kunststoffe nicht selber. Recyclingfirmen und Hersteller müssen hier zusammenarbeiten und sich austauschen. Eine grundsätzliche Herausforderung beim Thema Recycling - der eine probiert nur, etwas zu verbessern, wenn die anderen Partner der Kette mitziehen.
Prof. Michael Braungarts Prinzipien wurden allerdings bei der Kaffeemaschine lange nicht komplett umgesetzt. Die Materialien kamen nicht aus einem Material-Gemeinschaftstopf zusammen mit mehreren Herstellern. Die Maschine lässt sich nicht einfach auseinander bauen, ist also nicht fürs Recycling designed worden. Und der Kunde hat auch keinen Pfand gezahlt, damit das Gerät später definitiv an Philips zurück geht. Eine eigene Rücknahme für die eigenen Produkte? Das sei unmöglich, sagt ein Mitarbeiter von Philips: "Philips würde sehr gerne sein eigenes Recyclingsystem aufbauen. Leider ist das ökonomisch oder ökologisch nicht bezahlbar. Deshalb probieren wir auch, unser Design so zu verändern, dass es besser in das heutige Recyclingsystem passt."
Plastik wird fürs Recycling heute oftmals geschreddert. Einige Kunststoffe können dann besonders einfach sortiert werden. Bei der Kaffeemaschine hat man versucht, nur solche Kunststoffe zu verwenden, die von den Recyclern am leichtesten extrahiert werden können. Die restlichen zehn Prozent landen nach wie vor auf dem Müll.

Cradle-to-Cradle kann funktionieren

So richtig Cradle-to-Cradle ist die Kaffeemaschine von Philips - wie viele "grüne Elektronikprodukte" anderer Hersteller - also nicht. Wahrscheinlich auch, weil es sich für die Hersteller noch nicht lohnt. Dabei geht es auch anders: Denn in seiner Medizinsparte hat der Philips-Konzern doch eine zentrale Recyclingstelle für Röntgenröhren. Diese kommen nach ihrem Gebrauch aus der ganzen Welt zurück nach Hamburg zu einer Sammelstelle . Nicht zuletzt, weil die Röhren mit einem Pfand belegt sind. Denn die darin verwendeten Stoffe sind teuer und selten - zum Beispiel Wolfram und Molybdän. Die will Philips nicht neu kaufen. Deshalb lohnt sich für die Firma dieses Mal ein "Design for Recycling" - einige Teile können eins zu eins wieder eingebaut werden. Und: Philips hat hier Produktion und Recycling in einer Hand. "Bei der Medizintechnik sind wir im Vorteil. Da sind wir im standardisierten Markt", erklärt Prof. Martin Kreeb von der Uni Hohenheim. "Bei der Kaffeemaschine sind wir dagegen in Millionen von kleinen Haushalten. Und würde, glaube ich, nur durch eine gewisse staatliche Motivation im Sinne des Ordnungsrechts funktionieren." Wie damals beim Dosenpfand: Die Wirtschaft hat es nicht von sich aus geschafft, die Quote zu erhöhen. "Dann hilft der Gesetzgeber nach, wenn der Markt versagt. Und dann ist es auch legitim zu sagen: Wir geben jetzt Leitplanken vor. Und ihr müsst die Leitplanken erfüllen."
Wollen wir also die Welt von Prof. Michael Braungart in die Tat umsetzen, muss vermutlich der Gesetzgeber ran. Und am besten nicht morgen, oder übermorgen, sondern jetzt, findet der Chemiker: "Es kommt darauf an, dass die jetzige Entscheidergeneration jetzt die Dinge ändert. Also nicht sagt: Wir warten mal zehn, 15 Jahre. Oder wir werden nur am abschreckenden Beispiel lernen."

Dinge wegwerfen ohne schlechtes Gewissen. Michael Braungarts Vision ist in jedem Fall angenehmer als eine Zukunft voller Müll.

aus der Sendung vom

Do, 12.3.2015 | 22:00 Uhr

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