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SENDETERMIN Do, 16.4.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Hüftprothesen Neue Gelenke für die Hüfte

Mehr als 200.000 künstliche Hüftgelenke werden jedes Jahr bei uns implantiert. Eigentlich halten sie mindestens 15 Jahre. Doch wegen Fehlern beim Einbau muss oft vorzeitig operierte werden.

Ein künstliches Hüftgelenk aus Keramik.

Erich Rapp aus Kleinheubach hat 2007 zwei neue Hüftgelenke bekommen. Schon nach einem Jahr merkte er, die Gelenke funktionieren nicht richtig. Er hat Schmerzen kann seine Beine nicht gut bewegen. Das Laufen fällt ihm schwer. Mit fahrradfahren versucht er sich fit zu halten. Das geht ohne Schmerzen. Denn da lastet das Körpergewicht nicht auf den Gelenken, sondern auf dem Sattel.

Mit den Prothesen hat Erich Rapp eine echte Odyssee hinter sich: „Nach einem Jahr ungefähr hat es angefangen zu schmerzen. Da konnte ich mich nicht mehr richtig bewegen. Dann ging ich von Orthopäde zu Orthopäde. Die konnten aber nie was finden. Dann ging ich zum Neurologen und der hat mir auch erzählt, es ist alles okay. Dann war ich beim Kiesertraining und und und. Hat alles nix genützt.“
Als Erich Rapp von seiner Fahrradtour nachhause kommt, bereitet Ehefrau Inge frischen Kaffee. Sie hat gleich drei künstliche Gelenke. Beide Hüftgelenke und ein Kniegelenk. Ihr geht es gut. Die Endoprothesen funktionieren wunderbar.

Bei Erich Rapp steht in der nächsten Woche eine Gelenkrevision an. Eine große Operation, in der sein linkes, defektes Implantat gegen ein neues künstliches Hüftgelenk ausgetauscht wird. Vor einem Jahr war das schon an seiner rechten Hüfte gemacht worden. Mit Erfolg. Deshalb ist der Rentner aus Kleinheubach auch für diese OP zuversichtlich. „Weil ich halt doch von dem Gefühl ausgehe, meine erste Hüfte, die ausgewechselt wurde ist okay. Und dann wir die zweite wahrscheinlich auch gut gehen. Ich hoffe wenigstens.“

Der Schaft hatte sich gelockert

Eine Woche später, acht Uhr morgens, in der Uniklinik für Orthopädie in Heidelberg. Erich Rapp ist auf dem Weg in die OP. Deutschland liegt bei der Zahl der Hüft-Prothesen zusammen mit der Schweiz an der Weltspitze. Kritiker sprechen von Überversorgung. Oft würden die Prothesen zu früh eingesetzt. Johannes Flechtenmacher, Präsident des Berufsverbands der Orthopäden, sagt auch, dass in Deutschland sehr viele Prothesen eingesetzt werden. Er sieht vor allem zwei Gründe: "Erstens ist es so, dass wir ein sehr gut funktionierendes Gesundheitssystem haben mit einem sehr hohen Versorgungsstandard. Das heißt, die Medizin kann das. Auf der andern Seite haben wir einen sehr hohen Anspruch bei den Patienten. Die Patienten wollen auch noch im Alter fit sein, sie wollen sich bewegen können.“
Der Heidelberger Orthopäde Stefan Kinkel will dafür sorgen, dass auch Erich Rapp sich wieder richtig bewegen kann. Er hat bereits Haube, Mundschutz und OP-Kleidung an, denn er wird den Eingriff bei Erich rapp durchführen. Auf einem Röntgenbild zeigt er uns, warum die alte Prothese Erich Rapp solche Probleme machte: „Das hier ist eine Linie zwischen dem Knochen und der Prothese. Das heißt, dieser Schaft ist gewandert, er sitzt hier nicht mehr fest drinnen. Er bewegt sich im Knochen hin und her. Und das verursacht Schmerzen für den Patienten.“

Es ist halb neun. Erich Rapp liegt schon in tiefer Narkose. Seine Vitalfunktionen werden mit verschiedenen Sensoren überwacht. So kann der Anästhesist Probleme frühzeitig erkennen und gegensteuern. Sterilität ist bei der Hüftgelenk-OP ein wichtiges Thema. Bei der Operation wird eine große Wunde entstehen. Damit keine Infektion in die Wunde gelangt, wird aufwändig desinfiziert. Das ganze Bein wird sorgfältig mit Desinfektionslösung eingestrichen und dann zusätzlich in sterile Tücher gepackt.
Zwanzig Minuten dauern die Vorbereitungen, dann setzt Oberarzt Kinkel den ersten Schnitt. Er muss Muskeln und Bindegewebe großräumig beiseite-präparieren, um einen Zugang zum oberen Ende des Oberschenkelknochens zu bekommen. Bei aller Härte des Zugriffs auf Erich Rapps Hüfte: Stefan Kinkel muss versuchen, das Gewebe so wenig wie möglich zu beschädigen. Damit die Wunde nach der Operation gut heilen kann.

Orthopädische Chirurgie ist Handwerk

Immer wieder dampft es über der Wunde und ein Geruch von versengtem Fleich durchzieht den OP-Saal. Der Grund: Durchtrennte Blutgefäße werden elektrisch verödet, um die Blutung zu stillen. Wie auf dem Röntgenbild schon zu erkennen war, haben sich auf dem Oberschenkelknochen Wucherungen gebildet. Die muss der orthopädische Chirurg mit dem Meißel entfernen. Keine Arbeit für zarte Gemüter.

Jetzt kann Stefan Kinkel den ersten Teil der alten Prothese entfernen: „Das ist der ehemalige Keramik-Kopf, der auf dem modularen Schaft draufgesessen hat. Das sieht unverändert aus. Das ist alles in Ordnung so weit.“ Und dann der entscheidende Schritt: Stefan Kinkel zieht den lockeren Schaft der alten Prothese aus dem Kochen. Über sieben Jahre hatte sich Erich Rapp damit rumgequält.
Jetzt bohrt Stefan Kinkel den Oberschenkelknochen auf, um den neuen Schaft tiefer einlassen zu können. Blut und Knochensplitter spritzen auf die Schutzmaske des Chirurgen. Es stehen Schäfte in unterschiedlichen Größen zur Verfügung. Der Chirurg wird diese Muster probeweise einbauen, bis er das optimale Kaliber ermittelt hat. Schneiden meisseln, bohren, hämmern. Kein Zweifel: orthopädische Chirurgie ist ein Handwerk.

Stefan Kinkel hat den Schaft mit einem Hammer in den Oberschenkelknochen getrieben. Bei seiner Beurteilung der Lage richtet er sich auch nach dem Gehör: „Das hört sich jetzt fest an.“ Aber ob der Schaft richtig im Knochen sitzt, wird auch mit Röntgentechnik überprüft.
„Das sieht besser aus. Okay, auf geht’s.“, sagt Kinkel und nickt der Assistenzärztin zu. Gemeinsam renken sie das Bein zur Probe ein.

Erst beim dritten Mal ist Kinkel zufrieden. Jetzt ist es die optimale Schaftgröße. Das Muster aus dem Gelenk entfernt und durch den Originalschaft ersetzt. Ein letztes Mal wird ein Schaft auf das Werkzeug gespannt und in den Oberschenkelknochen von Erich Rapp versenkt. Dann wird der Gelenkkopf aufgesteckt und das Gelenk wird wieder eingerenkt. Stefan Kinkel ist vom guten Ergebnis der OP überzeugt:
„Die Gelenksbiomechanik ist besser rekonstruiert als vor der Operation. Die Beinlänge ist nicht ganz gleich. Wenige Millimeter Unterschied. Aber das ist eine Toleranz, die man nicht ganz vermeiden kann. Aber sonst läuft alles so wie geplant.“

Bei Erich Rapp war das neue Gelenk nötig. Oft wird das Hüftgelenk jedoch unnötig früh operiert. „Konservative Verfahren“ wie die Physiotherapie werden vernachlässigt. Und das – sagt Johannes Flechtenmacher – hat einen einfachen Grund:

Zu viele Operationen, zu wenig konservative Therapie durch falsche Finanzierung

„Tatsache ist, dass in den letzten Jahren die Finanzierung dieser konservativen Therapie sehr gelitten hat. Ärzte stehen unter Druck, weil sie nicht bezahlt werden für diese Therapiearten.“
Drei Wochen sind seit der OP vergangen. Anna Kopfer ist die Krankengymnastin von Erich Rapp. Auch wenn der die Prothese bisher kaum belasten darf – die Physiotherapeutin sieht: die Operation war erfolgreich. „Was auch ganz gut ist, vor der Operation war es so, dass sein Knie extrem zur Seite gefallen ist. Das ist weg! Es ist jetzt ganz grade.“ Auch Erich Rapp ist ganz glücklich mit dem neuen Gelenk: „Ich konnte es gar nicht in der Achse halten. Da hatte ich unwahrscheinliche Schmerzen. Und jetzt ist das alles weg. Es ist wunderbar.“

Das Programm der Physiotherapeutin: Muskeln und Bindegewebe, die durch die jahrelange Schonhaltung verkümmert sind, wieder stark zu machen. Die Übungen sind anstrengend für den Patienten. Doch Erich Rapp macht schon Fortschritte.
Anna Kopfer ist überzeugt, dass Krankengymnastik bei Hüftproblemen zu selten Anwendung findet. Oft wird zu früh operiert: „Ich habe einige – vor allem jüngere zwischen 50 und 65 – die damit ihre Hüfte garantiert um Jahre hinausgezogen haben. Ganz bestimmt.“

Erich Rapp behandelt das neue Gelenk noch wie ein rohes Ei. Aber er ist zuversichtlich, Nach der Reha, in wenigen Monaten, wird er wieder richtig gehen können. Ohne Krücken und ohne Schmerzen.

aus der Sendung vom

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