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SENDETERMIN Do, 8.11.2018 | 21:00 Uhr | SWR Fernsehen

Alternativen zum qualvollen Tiersterben Neue Betäubungsmethoden gesucht

Kohlendioxid-Betäubung quält Millionen Tiere beim Schlachten, denn Profit ist wichtiger als Tierschutz. Wissenschaftler zeigen, an welchen besseren Alternativen sie forschen.

Schlachttiere müssen durch "Blutentzug" getötet werden

"Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen." – §1 Tierschutzgesetz

Selbstverständlich gilt das auch für die Schlachtung von Nutztieren. Da Schlachttiere aber durch "Blutentzug" getötet werden müssen, ist die eigentliche Tötung durchaus ein Problem: Das Tier muss "gestochen" werden, üblicherweise in die Haupt- oder Halsschlagader, sodass es ausblutet. Dies kann nicht schmerzfrei geschehen und ist daher in Deutschland nur noch erlaubt, wenn das Tier zuvor betäubt wurde.

Tiere töten nur nach Betäubung erlaubt

Das Tier darf bei seiner Tötung weder bei Bewusstsein sein, noch darf es dabei Schmerzen empfinden. Klingt einfach – schließlich gelingt es uns seit vielen Jahrzehnten, in Vollnarkose zu operieren. Aber ganz so einfach ist es aber beim Schlachten nicht:

  • Im Fleisch dürfen keine Betäubungsmittelrückstände sein – das schreibt das Lebensmittelrecht vor
  • Die Betäubung beim Schlachten muss billig sein. Das schreibt zwar kein Gesetz vor, aber "der Markt". Und der ist in der Praxis mächtiger als so manches Gesetz.

Möglichst viele Tiere in möglichst kurzer Zeit – für möglichst wenig Geld

Die gängigen Betäubungsmethoden, die beim Schlachten eingesetzt werden, sind vor allem daraufhin ausgelegt, möglichst viele Tiere in möglichst kurzer Zeit preisgünstig zu betäuben. Nur so lassen sich hohe Schlachtzahlen im Akkord schaffen. Was den Tierschutz angeht, sind die Betäubungsmethoden in der Praxis meist nur ein fauler Kompromiss. Zu Lasten der Tiere.

Nach der Bolzenschuss-Betäubung wird das Schwein "abgestochen"

Nach der Bolzenschuss-Betäubung wird das Schwein "abgestochen" wie hier bei einer Hausschlachtung. Der "Blutentzug" ist bei Nutztieren Vorschrift. Voraussetzung ist jedoch, dass das Tier zuvor betäubt wurde.

Drei Methoden zur Betäubung von Schlachttieren

Drei Methoden werden bei uns zum Betäuben von Schlachttieren eingesetzt: Bolzen- oder Kugelschuss, Elektrobetäubung und Betäubungsgas. Jede dieser Methoden hat dabei ihre Vor- und Nachteile.

  1. Beim Bolzen- oder Kugelschuss bekommt das Tier einen kurzen Bolzen oder aber eine Kugel in den Kopf geschossen. Die Folge: ein schweres Schädelhirntrauma mit unmittelbarem Verlust von Bewusstsein und Schmerzempfinden. Üblich ist diese Betäubungstechnik bei Großtieren wie Rindern.

    Das Problem: Großtiere haben in ihrem großen Kopf ein recht kleines Gehirn; das ist mitunter schwer zu treffen. Wenn der Schuss aber nicht richtig sitzt, gibt es keine gute Betäubung. Auch das dann übliche Nachschießen führt nicht immer zu einer besseren Betäubung. Solche Fehlbetäubungen kommen recht häufig vor, wobei es enorme Unterschiede zwischen den Schlachtbetrieben gibt.

    Wer die Technik gut beherrscht, kann Tiere damit sehr tierschonend töten. Wenn es schiefgeht, kann es aber ein Gemetzel werden, dass nicht nur für das Tier, sondern auch für den Schlachter ein Alptraum ist.

    Der Kugelschuss darf bei uns nur bei ganzjährig im Freien lebenden Tieren angewandt werden und stellt sehr hohe Anforderungen an den Betäuber. Er muss eine Stelle, etwa so groß wie eine Zwei-Euro-Münze, auf der Stirn des Rindes treffen. Und er muss dafür Sorge tragen, dass niemand sonst auf oder neben der Weide in Gefahr kommt. Mit dem Bolzenschussgerät, das direkt auf der Stirn des Tieres aufgesetzt wird, ist das deutlich einfacher. Zumindest wenn das Tier den Kopf ruhig hält, was es vor allem tut, wenn es entspannt und nicht gestresst ist. Mit einer mobilen Schlachteinheit in der gewohnten Umgebung des Tieres sind die Bedingungen für eine stress- und leidensfreie Betäubung und Schlachtung des Tieres deshalb besonders gut.

    Bei der Elektrobetäubung werden die Tiere kopfüber durch ein unter Strom stehendes Wasserbad geführt. Im Bild künstliche Plastik-Hühner in einer mobilen Tötungsanlage.

    Bei der Elektrobetäubung werden die Tiere kopfüber durch ein unter Strom stehendes Wasserbad geführt. Im Bild künstliche Plastik-Hühner in einer mobilen Tötungsanlage. Mobile Anlagen haben den Vorteil, dass sie die Tiere vor dem Transportstress bewahren und bei Seuchen vor Ort eingesetzt werden können.


  2. Die Elektrobetäubung ist grundsätzlich eine sehr gute Betäubungstechnik, weil das Tier dabei – richtig angewendet – keinerlei Schmerz empfindet. Elektrobetäubung wird üblicherweise bei Geflügel und bei Schweinen eingesetzt. Bei Geflügel werden die Tiere kopfüber durch ein unter Strom stehendes Wasserbad geführt. Schweine werden mit einer Art Elektrozange gegriffen.

    Weil der Stromstoß schneller als der Schmerzimpuls im Nerv ist, verliert das Tier bereits das Bewusstsein, bevor es den Schmerz wahrnehmen kann. Aber nur, wenn alle Bedingungen stimmen. Ist das Betäubungsgerät nicht optimal eingestellt, bekommt das Tier mitunter einen äußerst schmerzhaften Stromstoß und Muskelkrämpfe, ohne das Bewusstsein zu verlieren. Das passiert beispielsweise, wenn ein Huhn nicht mit dem Kopf, sondern zuerst mit dem Flügel ins Betäubungsbad eintaucht. Bei Schweinen ist ein Nachteil, dass das Tier vor der Betäubung isoliert werden muss, was das Schwein stark stresst.
  3. Die Betäubung mit einem Gas ist grundsätzlich recht elegant. Die Tiere können in einer Gruppe betäubt werden, mit wenig Kontakt zu Menschen – dadurch empfinden die Tiere weniger Stress. Zudem sind sehr hohe Durchsatzzahlen möglich, weshalb die Gasbetäubung gerade bei Schweinen die Elektrobetäubung in großen Schlachthöfen verdrängt hat. Eine Herausforderung bei der Gasbetäubung ist aber, dass das Gas gut kontrollierbar sein muss – damit die Schlachter nicht gleich mit umfallen.

    Diese Voraussetzungen sind bei der üblichen Betäubung mit Kohlendioxid erfüllt. Da Kohlendioxid schwerer ist als Luft, lässt es sich in eine Grube füllen, in die die Tiere beispielsweise mit einem Aufzug eintauchen, um betäubt wieder ausgeworfen zu werden. Auch die Betäubungswirkung ist bei Kohlendioxid gut.

    Der massive Nachteil des Gases ist, dass es vor der Bewusstlosigkeit das Gefühl zu ersticken auslöst, was bei den Tieren zu Panik und maximalem Stress führt. Grund dafür: Der Atemantrieb wird bei Säugetieren wie Schwein und Mensch über CO2-Rezeptoren im Blut gesteuert.

Säugetiere atmen nicht, weil sie zu wenig Sauerstoff haben, sondern weil sie nicht genug CO2 abgeatmet haben. Bei der Kohlendioxidbetäubung steigt der CO2-Spiegel im Blut naturgemäß massiv an. Das führt zu schrecklicher Erstickungsangst.

Kein Anreiz, tierschonende Alternativen zu entwickeln

Der Gesetzgeber hat diese Betäubungsart wegen dieser massiven Tierschutzproblematik nur so lange erlaubt, bis eine bessere Methode zur Verfügung steht. Allerdings gibt es keinerlei Frist für das Ende der CO2-Betäubung und folglich wenig Anreize, dieses gut funktionierende und billige System zu verändern.

Derzeitige Betäubungsweisen

MethodeVorteilNachteilTierart
Bolzenschussunmittelbarem Verlust von Bewusstsein und Schmerzempfindenhäufig FehlbetäubungRind
Kugelschusswie Bolzenschussschwer zu platzierenRind
Elektrobetäubungschmerzfrei bei richtiger AnwendungFehler bedeuten Qual

Isolation (Schweine) erzeugt Stress
Geflügel
Schwein
Betäubung mit GasBetäubung in der Gruppe erzeugt zunächst weniger StressErstickungstod erzeugt Panik und maximalen StressSchwein

Helium: sanft, aber teuer

Über das Versuchsstadium ist auch deshalb noch keine neue Betäubungsmethode herausgekommen. Es gab Experimente mit Helium, das zu einer sehr sanften Betäubung führt, aber für die Praxis viel zu teuer ist. Bei Versuchen mit Argon kam es zumindest bei einer Versuchsreihe zu deutlichen Fleischqualitätseinbußen. Derzeit laufen Untersuchungen mit Stickstoff, das bislang aber nur schwer zu kontrollieren ist und noch nicht zu einem optimalen Betäubungsverlauf führt.

Von einer guten Betäubungs-Alternative sind wir derzeit noch weit entfernt.

Mögliche alternative Methoden

MittelVorteilNachteil
Heliumsehr sanftteuer
Argonggf. Einbußen bei Fleischqualität
Stickstoffschwer zu kontrollieren, Betäubung nicht optimal

Fachkenntnisse und gutes Management wirken sich positiv aufs Tierwohl aus

Wenn man den ganzen Schlachtprozess ansieht, beginnend vom Einfangen und Abtransportieren der Tiere bis zum Tod, ist eines sicher: Ohne Stress, Schmerzen und Leid geht es in der Regel nicht.

Wie viel Leid die Tiere ertragen müssen, hängt dabei aber nicht etwa von der Größe des Betriebes ab oder der Haltungsform: Klein und bio ist nicht automatisch gut, groß und konventionell nicht automatisch schlecht. Wichtig ist, wie gut die beteiligten Betriebe gemanagt werden und wie sachkundig und vor allem gut die beteiligten Menschen ihren Job erledigen.

Entscheidend ist auch, welche Betäubungstechnik letztlich zum Einsatz kommt und wie gut sie im konkreten Fall umgesetzt wird. Auch da gibt es riesige Unterschiede. Wenn es gut läuft, ist der letzte Weg für die Tiere nicht schlimm. Wenn es schlecht läuft, kann es ein fürchterliches Martyrium sein.

aus der Sendung vom

Do, 8.11.2018 | 21:00 Uhr

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