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SENDETERMIN Do, 12.3.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Müllhalden Zukünftige Goldgruben

Im Müll unserer Zivilisation vermuten Wissenschaftler viele wertvolle Rohstoffe. In alten Industrie- und Hausmülldeponien könnten neue "Bergwerke" entstehen, in denen sie abgebaut werden.

Ein Bagger auf einer Mülldeponie

Aufbruch ins Unbekannte

Im Mürztal in Österreich liegt eine der Deponien, die derzeit erforscht werden. Erst seit den 1990er Jahren hat man in Österreich und Deutschland dokumentiert, welche Art von Abfällen eingelagert werden - vorher landete so ziemlich alles einfach in der Tonne. Für die Forscher ist es daher ein Vorstoß ins Unbekannte, denn es gibt bislang kaum Daten, wie sich alter Müll überhaupt zusammensetzt. Bagger heben an 50 Stellen der Deponie Gräben aus, um Proben zu entnehmen. Durch dieses aufwändige Verfahren wird ein Querschnitt der Deponie erstellt, der die genaue Zusammensetzung zeigt. Auf welche Rohstoffschätze werden die Wissenschaftler der Universität Leoben stoßen?

Hinab zu den Anfängen des Recyclings

Die Hinterlassenschaften der letzten 20 Jahre sind für die Forscher relativ uninteressant, dann dank der heutigen Wertstoffsammlung und des modernem Recyclings bleiben kaum wertvolle Reste im Abfall übrig. Doch das alles gibt es erst seit den 1980er Jahren. Damals wurden erste Pilotprojekte durchgeführt, aus denen später das Duale System und der "Grüne Punkt" entstanden. Zum Beispiel war das Sammeln von Aluminium, heute eine Selbstverständlichkeit, zu jener Zeit noch etwas für engagierte Öko-Aktivisten. Dank getrennter Sammlung und Dosenpfand kann heute ein großer Teil des Aluminiums wiederverwertet werden. Das ist gut, denn Aluminium benötigt bei der Herstellung extrem viel Energie.

Je oller, je doller

Tief unten in der Deponie liegt Müll aus einer Zeit verborgen, in der man Mülltrennung praktisch nicht kannte. Projektleiter Roland Pomberger vermutet hier deshalb eine besonders ergiebige Rohstoffquelle: "Schon der Abfall aus den 1970er Jahren unterscheidet sich ganz wesentlich von dem Material zehn Jahre später. Wir haben hier zum Beispiel weniger Kunststoffe drinnen, dafür aber mehr Metalle. Vier Masseprozent des gesamten Abfalls aus den 1970er Jahren ist Metall. Und das ist etwas wert".

Ein Mann und eine Frau entleeren Müllsäcke in einen Container

Archivaufnahme aus den 70ern: Ökoaktivisten bei der Mülltrennung

Auch für Deutschland liegen inzwischen erste Ergebnisse vor. Hochrechnungen zufolge könnte allein unser Bedarf an Kupfer durch Rückgewinnung aus alten Müllhalden für zwei Jahre gedeckt werden.

Exportschlager Abfall

Doch kann es sich auch wirtschaftlich rechnen, die Rohstoffe aus dem Abfall zu bergen? Recycling in Deutschland ist teuer - bis heute nutzen wir die Möglichkeiten nicht voll aus. Stattdessen verscherbeln wir große Mengen Schrott und Elektroabfälle ins Ausland. In Ghana und anderswo werden sie mit primitivsten Methoden aufbereitet, auf Kosten von Mensch und Umwelt. Tatsächlich ist Schrott sogar einer unser größten Exportschlager: Rund 11 Millionen Tonnen Eisen, Kupfer und Aluminiumabfälle im Wert von über 7 Milliarden Euro gingen allein im Jahr 2011 ins Ausland. Kann sich da das aufwändige Graben in alten Deponien rechnen, wenn sich in Deutschland oft noch nicht einmal das Recyceln von einfachem Haushaltsmüll lohnt? Nein, sagen die Experten. Der gegenwärtige Kupferpreis müsste sich verdreifachen, der Preis von Roheisen sogar verfünffachen, damit sich der Rohstoffabbau in einer alten Mülldeponie überhaupt lohnt. Noch wäre ein Müllhaldenbergbau in Europa ein Verlustgeschäft.

"Landfill Mining" - ein Zukunftsprojekt?

Doch unter bestimmten Umständen kann das "Landfill Mining" heute schon interessant sein. Oft enthalten alte Mülldeponien gefährliche Giftstoffe und müssen noch Jahrzehntelang nachbetreut werden. Ein Rückbau ist dann oft billiger - und Erträge aus der Wiederverwertung der Rohstoffe könnten helfen, so einen Rückbau zu finanzieren. Viele alte Mülldeponien wurden zudem an den Rändern von Städten errichtet, die in der Zwischenzeit gewachsen sind. Auch hier könnte das Landfill Mining helfen, neue Flächen zu schaffen. Deshalb ist es wichtig, die Möglichkeiten des Müllhaldenbergbaus zu erforschen. Eines spielt den Wissenschaftlern, die im Müll graben, jedenfalls in die Hände: Je teurer der herkömmliche Abbau von Rohstoffen wird, desto eher lohnt sich der Bergbau in der Müllhalde.