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SENDETERMIN Do, 20.11.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Modelle gegen Ärztemangel Wenn der Arzt mit dem VW-Bus kommt

Es gibt viele Ideen, die medizinische Versorgung auf dem Land neu zu organisieren. Für Patienten hält das allerdings ein paar gewöhnungsbedürftige Überraschungen bereit. Eine ist es, den Arzt zumindest teilweise zu ersetzen.

Ein Doktor mit einem Stethoskop in einem Notebook

Vor allem ältere Menschen auf dem Land leiden darunter, dass die Entfernung zum nächsten Arzt bei Pflegebedürftigkeit oder ganz einfach bei zu großer Unsicherheit mit dem eigenen PKW zu einer unüberwindbaren Hürde wird. Dazu kommt, dass der öffentliche Personennahverkehr auf dem Land oft sehr lückenhaft ist. Politik und Kommunen sind gefragt, um mit viel Kreativität und Offenheit für neue Versorgungskonzepte etwas gegen die Versorgungsengpässe zu unternehmen. Vieles wurde bereits versucht. Von all diesen Lösungsansätzen zeigen drei Konzepte besonders viel Potenzial für eine schnelle Hilfe.

Vorbild Finnland: Die Versorgungsassistentin

"VERAH" steht für VERsorgungsAssistentin des Hausarztes. Sie soll ihn vor allem bei den Patientenbesuchen unterstützen. Die VERAH gibt es alleine in Baden Württemberg mittlerweile über 1.300 Mal. Viele Routineaufgaben, für die nicht extra ein Arzt vorbeikommen muss, kann sie problemlos übernehmen, wie zum Beispiel das Blutabnehmen, eine Injektion, Verbandswechsel oder kurze Messungen. Als medizinische Fachangestellte mit zusätzlichen 200 Fortbildungsstunden ist die VERAH dafür ausreichend qualifiziert.

Vor allem bekommt sie vor Ort einen Eindruck von der Situation des Patienten. Dieser direkte Kontakt ist einer der großen Vorteile der VERAH. Wenn sie nach den Hausbesuchen in die Praxis zurückkehrt, kann sie dem Hausarzt von den Patienten berichten und auf Besonderheiten hinweisen, die einen Arztbesuch verlangen. Im dünn besiedelten Finnland hat sich diese Form der medizinischen Versorgung bereits bewährt.

Telemedizin kann Arztbesuche reduzieren

Viele Patienten gehen für einfache Routinemessungen zum Arzt, wie zum Beispiel Messungen des Blutdrucks oder Blutzuckers. Solche Messungen können Patienten auch selbst machen. Mit einer automatischen Blutdruckmanschette oder einem handlichen Pen, mit dem sich einfach und sicher ein Tropfen Blut aus der Fingerkuppe gewinnen lässt, sind solche Messungen relativ leicht zu bewerkstelligen. Die Messergebnisse müssen dann nur noch per Computer oder Handy zum Arzt übermittelt werden.

Telemedizin

In der Schweiz gängige Praxis: Telemedizin

Auch an dieser Schnittstelle gibt es ständig technische Weiterentwicklungen, die die Telemedizin in Zukunft weiter vereinfachen werden. Entscheidend ist, dass die versendeten elektronischen Befunde am anderen Ende verlässlich von einem Arzt ausgewertet werden und bei Notwendigkeit umgehend gehandelt wird. Bisher lässt sich dieses Verfahren nur für Routinemessungen einsetzen, aber viele Messungen sind eben Routine und wenn ein Patient den Umgang mit den medizintechnischen Geräten beherrscht, lassen sich mit der Telemedizin viele Arztbesuche zum Vorteil von Patient und Arzt einsparen.

Die Schweiz geht mittlerweile noch einen Schritt weiter: Einige Krankenkassen bieten ihren Mitgliedern die Möglichkeit an, vor jedem Arztbesuch zunächst in einer ärztlichen Telefonzentrale Rat einzuholen. Bei einfachen Problemen lässt sich der Gang zum Arzt ganz vermeiden. In anderen Fällen steht die Beratung für den richtigen Facharzt im Vordergrund. Sicher lassen sich so Kosten einsparen.

Die rollende Arztpraxis

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt ein Pilotprojekt in Niedersachsen, das seit 2013 läuft: Damit Menschen in dünn besiedelten ländlichen Regionen keine weiten Wege zum nächsten Arzt zurücklegen müssen, kommt der Arzt zu ihnen und bringt seine Praxis mit. Eine Kooperation aus Wirtschaft, Forschung und Verwaltung hat dieses neue Versorgungskonzept ermöglicht. Mit einem VW-Bus fährt Ärzte von Dorf zu Dorf und bieten an bestimmten Tagen direkt vor Ort ambulante Dienstleistungen an. Und die Kommunen stellen Räume bereit, in denen die Dorfbewohner auf die rollende Arztpraxis warten können. Viele einfache Behandlungen können so direkt an Ort und Stelle gemacht werden, da der Bus mit allerlei Medizintechnik ausgerüstet ist: Eine Untersuchungsliege, ein Minilabor zum sofortigen Bestimmen von Blutwerten oder ein Praxiscomputer zum Erstellen von Rezepten sind mit an Bord und ermöglichen eine einfache Basisversorgung. Für kompliziertere Eingriffe oder Untersuchungen müssen die Patienten dann aber doch an einen weiter entfernten Facharzt überwiesen werden. Auch etwas Geduld sollten die Patienten mitbringen, denn die Enge im Bus und eine fehlende Arzthelferin erschweren dem Arzt die Arbeit. Natürlich lässt sich die rollende Praxis auch für ganz normale Hausbesuche nutzen. Das Pilotprojekt soll noch bis Ende 2014 laufen. Bis dahin wird sich zeigen, ob die Menschen diese Form der medizinischen Versorgung auf dem Land annehmen.