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SENDETERMIN Do, 20.11.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Palliativversorgung Mobile Hilfe für Sterbende

Hospize zur Betreuung sterbender Menschen sind rar auf dem Land. Als Alternative etablieren sich mobile Palliativdienste. Sie helfen Schwerstkranken, ihre letzte Lebenszeit in Würde und ohne Angst vor unerträglichen Schmerzen zu Hause zu verbringen.

Eine Frau misst bei Ihrem Mann den Blutdruck

Noteinsatz rund um die Uhr

Tag und Nacht kreuzen sie durch den Schwarzwald: Ihre geländegängigen Firmenwagen mit dem Pusteblumen-Logo fallen auf. Parkt der Wagen vor einem Haus, weiß man im Dorf, was das bedeutet. Das private "Palliativ & Intensiv Care Team", kurz PICT, betreut Schwerstkranke und Sterbende zu Hause. In der ländlichen Region von Freudenstadt bis Calw gibt es einen großen Mangel an Hospizen. Mehrmals pro Woche, manchmal täglich, besuchen daher die Krankenschwestern des mobilen Palliativdienstes ihre Patienten - oft auch in Notsituationen, bei akuten Schmerzkrisen: Palliativpflegerin Elke Kübler hofft bei ihrer oft langen Anfahrt, dass der Patient und seine Angehörigen die Zeit aushalten, bis sie da ist.
Ihre Kollegin, Birgit Hanselmann, sagt über Ihre Arbeit mit den schwerstkranken Schmerzpatienten: "Man nimmt immer ein kleines Stück mit von jedem Patienten. Wir sind nur Menschen und können auch mittrauern, wenn jemand gehen muss, auch wenn wir genau wissen, es ist gut so."

Medizinisch und menschlich helfen

Einer ihrer derzeitigen Patienten, der 80-jährige Hermann S., hat Prostatakrebs, oft starke Schmerzen. Vor fünf Wochen zog der Hausarzt den mobilen Palliativdienst hinzu. Birgit Hanselmann hat in ihrer Zusatzausbildung viel über Schmerzbehandlung bei Krebspatienten gelernt. Und, wie man mit Menschen in Ausnahmesituationen umgeht. Hermann S. sagt jedenfalls: "Was mir ganz stark hilft, ist die Ansprache, die man mit ihr hat. Auch das zwischenmenschliche, nicht nur das medizinische." Und natürlich, dass der Dienst rund um die Uhr erreichbar sei: Der Rettungsdienst würde ihn bei einer Schmerzkrise sofort in die Klinik bringen; die Palliativpflegerin aber hilft vor Ort. Das ist Patienten wichtig: Die begrenzte Lebenszeit möglichst gut zu Hause zu verbringen.

Der nächste Termin, bei einem Darmkrebspatienten: Auch für Peter S. nimmt sich Birgit Hanselmann viel Zeit, klärt ab, was die Pflegekräfte der Diakonie heute schon gemacht haben. Der Patient wirkt gelassen - das aber nur ein Teil der Wirklichkeit, sagt Birgit Hanselmann: Die Patienten seien in unterschiedlichen Phasen, "manchmal können sie das annehmen, und manchmal ist es eben auch so, dass sie wütend sind." Ihre Kollegin Elke Kübler fügt hinzu, "dass man dem anderen zugestehen muss, dass er in einer Ausnahmesituation ist und merkt, dass etwas mit ihm passiert, dass er selber nicht mehr im Griff hat." Die Mitarbeiter klären Angehörige - behutsam, aber ehrlich - auf, welche Symptome kurz vor dem Sterben auftreten können. Oft hören sie später von den Angehörigen: Es war gar nicht so schlimm, wir waren ja vorbereitet. Ihre Arbeit, sagen sie, sei so ähnlich wie Geburtshilfe, nur in die andere Richtung.

Mitarbeiter des mobilen Palliativdienstes

Die Mitarbeiter des PICT-Dienstes bei einem Treffen in Pfalzgrafenweiler

Manchmal müssen Sie Angehörigen auch helfen, den Sterbenden loszulassen, sich nicht dauerhaft mit den Händen an ihn zu klammern - weil der Patient sonst nicht gehen kann. Da müsse man, so Elke Kübler, auch mal sagen, "wir gehen jetzt mal aus dem Raum raus und schauen, wie es einem dann geht."

Unterstützung für Ärzte und Heime

Mit den Leistungen des mobilen Palliativdienstes werben auch etliche Pflegeheime der Region. Die Botschaft: Wir schieben Bewohner, die im Sterben liegen, nicht noch schnell ins Krankenhaus ab. Jeder schwerkranke Schmerzpatient mit begrenzter Lebenszeit hat ein Recht auf diese "spezialisierte ambulante Palliatiativversorgung", kurz: SAPV. Sie muss bei den Kassen beantragt werden, erst einmal für vier Wochen, Verlängerungen sind möglich. Menschen zu helfen, ihr Lebensende würdevoll in vertrauter Umgebung zu verbringen, das ist der Auftrag. Ihr Dienstwagen ist eine mobile Notfallapotheke. Schlafsack und Wechselwäsche gehören vor allem im Winter zur Ausrüstung: Bei späten Notfalltermin in entlegenen Gegenden müssen die Krankenschwestern dort schon mal übernachten.

Auch die regionalen Kliniken und Hausärzte vermitteln dem mobilen Dienst regelmäßig Patienten, so wie Dr. Walter Deeg. Er kümmert sich zwar weiterhin um diese besonderen Fälle. Aber immer erreichbar zu sein, das kann er nicht leisten. Er brauche, sagt der Hausarzt, den Palliativdienst in vielleicht zehn Prozent seiner Sterbefälle. "Da brauche ich sie aber, weil ich glaube, meinen Patienten damit helfen zu können. Und da muss ich einfach sagen: Da sind die wesentlich besser als ich."
Nachsorge bei den Angehörigen ihrer Patienten ist auch ein Teil ihrer Arbeit: Vor einem dreiviertel Jahr verlor Jürgen N. seine Frau. Sie hatte ein Lungenkarzinom, ohne geraucht zu haben. Die Diagnose, dass wohl alles zu spät war, kam völlig überraschend. Der Hausarzt zog Elke Kübler hinzu. Jürgen N. sagt, ihre Präsenz und Zuwendung sei eine riesige Stütze gewesen: "Es hat uns geholfen diese Zeit, die einfach begrenzt war, und sonst nur in Verzweiflung zugebracht worden wäre, anders zu nutzen." Sie konnten wieder "mit einem gewissen Lebensmut die letzte Zeit angehen."

Seelische Belastung verkraften

Doch auch die Palliativ-Krankenschwestern können es manchmal - vor allem bei jungen Menschen und Kindern, deren Sterben sie begleiten - kaum aushalten, machtlos zu sein: "Der Mensch denkt ja immer," so Elke Kübler "er kann irgendwas tun. Und dieses einfach Zeit zu überbrücken, nichts tun zu können, das ist recht schwierig, manchmal auch für uns."

Eine alte Villa in Pfalzgrafenweiler ist die Zentrale des PICT-Dienstes. Dort arbeiten die Pflegerinnen zusammen mit dem Palliativmediziner der Firma in Teamsitzungen auch regelmäßig ihre eigene psychische Belastung auf. Ein Dauerthema sind auch die Verhandlungen mit den Krankenkassen über die Honorierung. Die Firma trägt sich gerade so, und die Mitarbeiter engagieren sich oft weit über das hinaus, was bezahlt wird. Und sagen dennoch: Es lohnt es sich. Denn sie füllen eine Lücke in der Versorgung: Sie sind da, wenn die Medizin mit ihrem Anspruch, zu heilen, keine Antworten mehr hat.