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SENDETERMIN Do, 13.2.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Gesunde Ernährung Mittelmeerkost senkt Krankheitsrisiken - wirklich?

Mittelmeerkost soll besonders gesund sein. Doch genauso gut könnte ein entspannter Lebensstil, viel Sonne und die Meeresluft zur Gesundheit der Mittelmeerbewohner beitragen. Was ist dran an der Mittelmeerküche? Hat sie einen positiven Effekt auf die Gesundheit?

Gesunde Mittelmeerkost - mehr als ein Mythos?

Der US-amerikanische Physiologe Ancel Keys stellte in den 1950er und 1960er Jahren fest, dass Bewohner im Mittelmeerraum kaum an Herzinfarkten und Gefäßerkrankungen litten. Als Grund machte man schnell die mediterrane Kost verantwortlich, die bekanntlich aus Olivenöl, Fisch, frischen Früchten und Gemüse besteht. Doch der wissenschaftliche Beweis stand lange aus.

Ratatouille, im Hintergrund stehe eine Flasche Olivenöl.

Nun bringt eine Studie spanischer Forscher neue Erkenntnisse. Sie hat bei älteren Menschen mit einem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ergeben, dass mediterrane Kost die Gefahr für Herzinfarkt und Schlaganfall um 30 Prozent und das Risiko für Diabetes um 40 Prozent senkt. Diese Ergebnisse sorgten für spektakuläre Schlagzeilen. Doch sie haben einen Schönheitsfehler: Bei den Zahlen handelt es sich um eine relative Risikominderung, in absoluten Zahlen fällt die Risikominderung weit weniger spektakulär aus. Demnach vermeidet die Mittelmeerkost laut der Studie etwa drei Herzinfarkte oder Schlaganfälle pro tausend Behandlungsjahre. Ob dieses Ergebnis auch auf junge, gesunde Menschen ohne gesundheitliche Risiken übertragbar ist, ist obendrein fraglich. Um dies zu klären, bedarf es weiterer Forschungen.

Die Studie

Rund 7.450 Menschen im Alter zwischen 50 und 80 Jahre beteiligten sich an der Studie. Allen Probanden gemein war, dass sie ein Risiko mit sich brachten. Entweder hatten sie bereits einen Herzinfarkt erlitten, waren Raucher, hatten Übergewicht oder Bluthochdruck. Die Probanden wurden in drei Gruppen eingeteilt. Die eine Gruppe erhielt eine fettarme Diät mit wenig Fleisch, mit fettreduzierten Milch- und Fleischprodukten. Erlaubt waren Reis, Nudeln, Brot, sowie Obst und Gemüse. Sichtbare Fette in Wurst, Fleisch und Saucen sollten sie vermeiden. Den anderen beiden Gruppen wurde eine Kost mit vorwiegend pflanzlichen Fetten empfohlen, täglich Gemüse, frische Früchte, viel Fisch und wenig Fleisch. Eine Gruppe erhielt zusätzlich 50 bis 100 Milliliter Olivenöl am Tag, die andere Gruppe durfte täglich eine Portion Nüsse knabbern.

Weniger Herzinfarkte, weniger Diabetes

Gewichtsabnahme war nicht das vorrangige Ziel der Studie. Entsprechend waren die Probanden zwar gehalten, die Ernährungsempfehlungen einzuhalten. Aber bezüglich der Gesamtmenge des Essens gab es keine Beschränkungen.

Ergebnis der Studie: Es zeigte sich, dass die Gruppen mit dem Olivenöl und den Nüssen deutlich weniger Herzinfarkt und Schlaganfälle erlitten und auch weniger an Diabetes erkrankten, als die Kontrollgruppe mit der fettarmen Diät. Diese positiven Effekte waren so überzeugend, dass die Studie nach fünf Jahren abgebrochen wurde, damit alle Studienteilnehmer in den Genuss der günstigeren, mediterranen Ernährung kamen.

Mittelmeerkost - was ist das eigentlich?

Olivenöl statt Butter, viel Fisch, Obst und Gemüse, wenig rotes Fleisch und zum Essen ein Gläschen Wein - so lässt sich mediterrane Kost beschreiben. Allerdings sind die Begriffe "mediterrane Ernährung" oder "Mittelmeerkost" weder geschützt, noch genau definiert. Ausgehend von der Studie liegt das entscheidende Merkmal für die mediterrane Kost in der Qualität der Fette. Die Gruppe mit der fettarmen Kost erhielt zwar wenig Fett, aber fast ausschließlich tierisches Fett; während die Gruppen mit der mediterranen Diät vorwiegend pflanzliches Fett und Fett aus Fischen verzehrten und das in großen Mengen.

Was macht die Mittelmeerkost so gesund?

Der positive Effekt auf die Gesundheit ist mit der unterschiedlichen Fettqualität zu erklären. Demnach hemmen die ungesättigten Fettsäuren aus pflanzlichen Ölen, Nüssen und Fisch sogenannte Arteriosklerose, indem sie die Ablagerung von Cholesterin in den Gefäßen verringern. Interessanterweise gab es keinen Unterschied im Gewicht der Gruppen. Die beobachteten Effekte sind also nicht durch eine Gewichtsreduktion zustande gekommen, sondern in der Tat ein direkter Einfluss der Ernährung.

Portrait von Prof. Hans-Georg Joost

Prof. Hans-Georg Joost

Für Prof. Hans-Georg Joost vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung gilt die Botschaft: "Auch ohne Gewichtsabnahme ist mit einer bestimmten Ernährungsweise ein Gesundheitsvorteil zu erzielen. Das ist für diejenigen besonders wichtig, denen es schwerfällt, Gewicht abzunehmen."



Fettarm oder mediterran - was ist leichter? Ein Vergleich

Wie sich die beiden Essvarianten in der Praxis bewähren, hat SWR-Odysso mit zwei Probanden getestet. Uwe und Elmar Boche aus Felgenberg in Brandenburg sind eineiige Zwillinge, 47 Jahre alt. Beide haben die gleichen Vorlieben für Eisbein, Kassler und fettes Steak, rauchen regelmäßig Zigaretten und trinken gern am Abend ein Bier.

Für SWR-Odysso haben sie eine Woche lang den Versuch gemacht: Uwe Boche entschied sich für die fettarme Kost, Elmar Boche für die Mittelmeerkost. Dabei hielten sie sich genau an die gleichen Ernährungs-Empfehlungen wie in der Studie.

Die Mittelmeerkost im Test

Elmar Boche mit der Mittelmeerkost hat im Laufe der Woche an manchem leckeren Fischgericht Gefallen gefunden. Als sehr angenehm empfand er das Gläschen Wein zum Essen und die Nüsse zum Knabbern. Dagegen erinnerte ihn der tägliche Esslöffel Olivenöl eher an die Zeiten seiner Kindheit, als er Lebertran nehmen musste. Insgesamt hat er die Kost sehr genossen und er ist damit auch gut satt geworden. Außerdem hat er während der Versuchswoche auffallend ruhig geschlafen, was wohl daran liegen dürfte, dass er auf zusätzlichen Alkohol verzichtet hat. Seine Frau hat jedenfalls bestätigt, dass er während der Versuchswoche nicht geschnarcht hat.

Fazit: Elmar Boche hat die Mittelmeerdiät geschmeckt, sie hat ihm auch gut getan. Deshalb will er auch künftig mehr Fisch essen.

Die fettarme Diät im Test

Anders bei Uwe Boche mit der fettarmen Diät: "Geschmacklich war das für mich eine Nullnummer und nach einer Woche freu ich mich so richtig auf mein fettes Steak", schilderte er seine Erfahrung. In der Tat schmeckt vielen Menschen fettarmer Joghurt ebenso wenig wie magere Putenbrust. Für Uwe Boche war die Woche mit der fettarmen Kost höchst unbefriedigend. Daran hat auch nichts geändert, dass er bei Reis, Nudeln und Gemüse zulangen konnte, so viel er wollte. Ihm hat jeden Tag sein Fett gefehlt. Das führte letztlich dazu, dass er am letzten Tag gegen alle Empfehlungen mit Hochgenuss über ein fettes Stück Kassler vertilgte. Solche Rückfälle sind offenbar vorprogrammiert, wissen Wissenschaftler. Denn Fett ist nicht nur ein Geschmacksträger, sondern auch ein sehr effizienter Energieträger, den der Körper braucht. Deshalb wehrt sich der Körper, wenn ihm dieser wichtige Nährstoff entzogen wird und reagiert mit Heißhunger.

Fazit: Uwe Boche hat die fettarme Kost zwar mit viel Disziplin durchgehalten. Aber als genussvoll empfand er sie nicht, und es fiel ihm von Tag zu Tag schwerer, auf das gewohnte Quantum Fett zu verzichten.

aus der Sendung vom

Do, 13.2.2014 | 22:00 Uhr

SWR Fernsehen

Mittelmeerkost

Zunder für die Ernährungswissenschaft

Welche Stoffe in der Mittelmeerkost lösen positive Gesundheitseffekte aus? Lässt sich der hohe Fischverzehr in Mittelmeerkost auf Mitteleuropa übertragen? Interview mit Prof. Hans-Georg Joost vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke.
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Sendezeit

Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.