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SENDETERMIN Do, 17.3.2016 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Wirbelsäulenversteifung Mit versteiften Rücken Kasse machen (Teil 1)

Immer mehr Kliniken bieten Rückenversteifungsoperationen an. Die OP ist finanziell attraktiv. Das Problem: Oft werden Patienten unnötig operiert, was fatale Folgen haben kann.

Steffen S. hat seit Jahren Rückenschmerzen. Deshalb hat er sich sogar einen Teil seines Rückens versteifen lassen. Die Operation war jedoch nur kurze Zeit erfolgreich, dann kamen die Schmerzen wieder. "Vom Bewegungsablauf geht alles - aber es tut alles weh", berichtet er. "Egal was. Egal ob es sitzen ist, stehen ist, egal ob es bewegen ist, heben, tragen, alles. Unter einem Dauerschmerz. Sieben Tage die Woche, 24 Stunden, täglich."

Er war über Monate krank geschrieben, kann auch jetzt nicht voll arbeiten. Dabei sollten seine Probleme eigentlich durch die OP der Vergangenheit angehören. Der Operateur machte ihm große Versprechungen: "Ich bin so informiert worden, dass ich nur durch diese Operation und nur durch diese Versteifung von diesem Schmerz befreit werden könnte. Und was machst Du als junger Mann? Sagst Du OK - Hauptsache ich werde die Schmerzen los. Und da habe ich das dann natürlich machen lassen. Leider." Vier Schrauben und zwei Stangen hat er seitdem in der Lendenwirbelsäule. Die Operation hat eine lange Narbe hinterlassen.

Wegen der anhaltenden Beschwerden ist er jetzt bei Dr. Martin Marianowicz in Behandlung. Einem Wirbelsäulenexperten, der vor allem auf konservative Therapie setzt.
"Es ist eigentlich alles schief gelaufen", urteilt Orthopäde Dr. Marianowicz. "Das heißt die Indikation für eine Operation war bei diesem jungen Mann überhaupt nicht gegeben. Wenn man seine Bilder anschaut: eine durchschnittliche Wirbelsäule mit ein bisschen Verschleiß, wie man sie in seinem Alter bei jedem findet. Mit kleinen Veränderungen der Bandscheiben, die mit einer konservativen Therapie mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent, das wissen wir, zum Erfolg geführt hätte. Und warum man als erstes, als erste Therapie eine Operation, und zwar in dieser Größenordnung gemacht hat, ist mir überhaupt nicht nachvollziehbar. Eigentlich, wenn man ganz ehrlich ist, überspitzt gesagt vielleicht, ist es Körperverletzung, was hier gemacht worden ist."

Ein Einzelfall? Die Zahl der Wirbelsäulenversteifungen zumindest steigt von Jahr zu Jahr. Und die Operateure versteifen auch zunehmend immer längere Abschnitte der Wirbelsäule.

Balkendiagramm über die Zunahme der Wirbelsäulenversteifungen seit 2006.

Anstieg der Wirbelsäulenversteifungen seit 2006 (Quelle: DESTATIS)

Waren es 2006 noch rund 38.000 Operationen stieg die Zahl bis 2014 bereits auf knapp 68.000 Operationen! Für die Krankenhäuser sind diese Operationen finanziell sehr attraktiv, denn für jede sind rund 10.000 Euro fällig. "Und je mehr Etagen operiert werden", sagt Dr. Marianowicz und erklärt: "Deshalb haben sie ja: eine ein Etagenversteifung wird ja auch immer seltener, es werden ja immer mehr Mehr-Etagen, weil jedes Mal wenn sie eine Etage dazu versteifen sind es jedes Mal noch mal zwei, zweieinhalb tausend Euro dazu. Und die Kliniken leben von diesem Geld, über die Wirbelsäulenchirurgie werden viele Kliniken überhaupt am Leben erhalten, weil es andere Fächer gibt, in denen eben wenig Geld verdient wird, oder wenig Umsatz gemacht wird."

Geht es wirklich nur ums Geld? Oder ist es unsere alternde Gesellschaft?

Der renommierte Orthopäde Prof. Volker Ewerbeck von der Uniklinik Heidelberg bezweifelt das: "Diese exponentielle Steigerung der Wirbelsäulenoperationen lässt sich mit dieser Alterspyramide alleine nicht erklären. Lässt sich nicht erklären. Da haben wir noch etwas anderes für uns. Das ist völlig klar." Klar ist auch: Die Indikation zur Operation wird nicht immer streng genug gestellt. Das ist auch die Erfahrung von Dr. Michael Akbar, dem Chef der Wirbelsäulenabteilung in der Heidelberger Orthopädie, einem äußerst erfahrenen Wirbelsäulenoperateur. Er sieht oft Patienten, die eine Zweitmeinung haben möchten.

"Es gibt Fälle, wo Patienten sagen: ich war dort und dort und mir wurde dann gesagt - man hat sich das Bild angeschaut - und gesagt: Sie müssen operiert werden!", berichtet er und fährt fort: "Aber man hat mit mir gar nicht gesprochen erst einmal. Man hat mich gar nicht untersucht, der Arzt hat nicht einmal gesagt, ich soll die Kleidung ablegen. Und dass er mich wirklich untersucht, guckt wo die Probleme sind. Sondern er hat sich nur das Bild angeschaut. Und ich sage immer wieder: Wir operieren natürlich keine kernspintomographischen Bilder sondern wir operieren Menschen, einen Patienten. Deshalb müssen Sie sich mit dem Patienten auch auseinandersetzen, Sie müssen sie untersuchen!"

Mehrere Schrauben stehen griffbereit auf dem Operationstisch.

Diese Schrauben werden in den Wirbelkörper eingesetzt

Das Problem: Eine Operation ohne richtige Indikation kann für den Patienten katastrophal enden. Denn die Wirbelsäulengelenke über und unter der Versteifung müssen die Arbeit des versteiften Abschnitts übernehmen und können dadurch überlastet werden. Dann kommt es auch dort zu Schäden und wieder zu Schmerzen. Der einzige Ausweg sind dann oft weitere Operationen.

"Am Schluss ist die ganze Wirbelsäule von unten bis oben mit Stäben und Schrauben besetzt und der Patient ist nicht besser dran und ist hochgradig komplikationsgefährdet bei jeder weiteren Operation", sagt Prof. Ewerbeck. "Das sind Karrieren, da würde man sagen, aus der Rückschau wäre es besser gewesen, der wäre nie angefasst worden. Nie im Leben. Der Fehler war die erste Operation. Und der Rest ist dann kaum noch vermeidbar, weil irgendetwas geschehen muss, da gibt es dann keine Zweifel mehr. Leider."

Bei der Operation werden große Schrauben in die Wirbelkörper gedreht und mit Stäben verbunden. Wenn nötig wird dabei überschüssiges Knochengewebe entfernt, das auf die empfindlichen Nerven drückt und so die Schmerzen verursacht. Das Bandscheibenfach zwischen den Wirbeln wird zudem leer geräumt und mit einem Titankäfig gestützt, in den dann Knochenspäne kommen. Die Wirbelsäule ist so direkt nach der Operation stabil. Im Lauf einiger Wochen verknöchert der Wirbelsäulenabschnitt dann. Eine solche OP erfordert enorm viel Erfahrung. Ob ein Operateur es wirklich drauf hat? Bei uns ist das bislang nicht überprüfbar, weil es bei uns kein Operationsregister gibt, in dem man nachsehen könnte, wie oft und wie erfolgreich ein bestimmter Arzt die Operation bislang durchgeführt hat.

Das muss sich ändern, ist Professor Ewerbeck überzeugt. Er verweist auf Erfahrungen aus England, die dort mit Registern zu einigen orthopädischen Operationen gemacht wurden: "In England gibt es zum Beispiel ein System, das äußerst rigide auf den einzelnen Operateur herunter brechen kann: Du hast die Komplikationsrate. Du persönlich! Nicht deine Klinik. Du! Das wird ja noch in Deutschland mit Entsetzen befürchtet, dass mal so etwas kommt. Aber es kommt! Es wird kommen. Und das muss auch kommen!"

Operation am geöffneten Torso.

Rückenversteifungsoperationen sind nur in seltensten Fällen zeitlich dringend

Bislang kann man bei uns nur in Erfahrung bringen, wie oft die Operation in einem bestimmten Krankenhaus pro Jahr durchgeführt wird. Durch einen Blick auf unsere Karten etwa, auf den Qualitätsbericht des Krankenhauses im Internet, oder durch das Suchen danach in gängigen Krankenhaussuchportalen, die auf diese Qualitätsberichte zugreifen, wie etwa die Weiße Liste. Doch Vorsicht: Ganz verlässlich sind die dort zu findenden Zahlen nicht, weil die Krankenhäuser ihre Leistungen mitunter sehr unterschiedlich für die Abrechnung kodieren, was zu Mehrfachzählungen führen kann.

Ein Krankenhaus das diese Operation nur selten anbietet, also beispielsweise seltener als 50 Mal pro Jahr (ein Anzahl, die sich bei Kniegelenksprothesen bewährt hat), muss qualitativ keineswegs schlecht sein. Gleichwohl sollte man schon im eigenen Interesse beim Operateur nachfragen, wie oft und mit welchem Erfolg er die Operation schon gemacht hat. Im Zweifel lohnt es sich immer eine Zweitmeinung einzuholen. Die Zeit dazu sollte man sich nehmen, denn Rückenversteifungsoperationen sind nur in seltensten Fällen zeitlich dringend. Grundsätzlich gilt: Eine Wirbelsäulenversteifungsoperation sollte nur durchgeführt werden, wenn alle konservativen Behandlungsmöglichkeiten über Wochen und Monate versucht wurden und letztlich keinen ausreichenden Erfolg gebracht haben. Misstrauisch sollte man werden, wenn kaum konservative Therapieversuche unternommen wurden und vor allem, wenn der Arzt, der einem die Operation empfiehlt gleich selbst operieren will.

Prof. Volker Ewerbeck von der Orthopädie der Uniklinik Heidelberg gibt zu bedenken: "Es ist eine große Versuchung mit einem einmaligen Eingriff anzubieten: danach ist es wieder gut. Der Patient wird diese Brücke, wenn ich sie ihm anbiete, betreten. Weil er das glaubt. Weil er das hofft. Und das ist etwas, das wir nicht machen dürfen. Es gibt nichts, es gibt keine Zustand, den man als Operateur nicht noch verschlechtern könnte, mit der Operation."

Der Münchener Orthopäde Dr. Martin Marianowicz ergänzt: "Ich wäre immer vorsichtig wenn jemand apodiktisch sagt, das muss man operieren. Man muss am Rücken gar nichts. Man kann operieren. Und es ist die subjektive Entscheidung des Patienten, ob es ihm so schlecht geht, nach allen konservativen Therapien, die gemacht worden sind, dass er sagt: so kann ich nicht mehr leben. Das ist der Moment wo man sagen muss: Dann muss man operieren aber erst dann. Und nie der Arzt kann sagen jetzt müssen wir operieren."

In Deutschland ist die Wahrscheinlichkeit operiert zu werden erstaunlicherweise stark davon abhängig wo man lebt. Diese interaktive Karte bietet einen Blick in den Südwesten - Beispiel Wirbelsäulenversteifung.

In Baden-Württemberg wird also eher selten operiert - in einigen Regionen von Rheinland-Pfalz dagegen, werden die Menschen bis zu zweimal häufiger operiert, als im Bundesdurchschnitt üblich.

"Eine medizinische Begründung kann es dafür überhaupt nicht geben, wenn man diese enorme Differenz sieht," sagt Dr. Marianowicz. "Denn die Häufigkeit von Rückenbeschwerden in der Bevölkerung ist eigentlich querbeet die gleiche." Auffällig auch, wie stark die Anzahl der Kliniken angestiegen ist, die mittlerweile die Wirbelsäulenversteifungsoperationen anbieten. In unserer Karte ist zu sehen, welche Krankenhäuser die Operation bereits 2006 in ihrem Qualitätsbericht angegeben haben, und welche Kliniken erst im Verlauf der letzten Jahre dazugekommen sind.