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SENDETERMIN Do, 5.2.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Einbruchsbekämpfung Minority Report - Kann man Verbrechen vorhersagen?

Dank moderner Kriminaltechnik können selbst winzige Spuren einen Täter überführen - doch wie wäre es, wenn es erst gar nicht zur Tat käme, wenn man Verbrechen vorhersagen könnte?

Eine Frau interagiert mit einem Monitor

Die Zukunft der Verbrechensbekämpfung sieht - zumindest im Hollywood-Film "Minority Report" so aus: Tom Cruise will als Polizist von morgen mit ausgefeilter Vorhersagetechnik noch vor dem Täter am Tatort sein. Alles nur Science Fiction?

Am bayerischen Landeskriminalamt in München arbeiten sie daran, zumindest einen Teil dieser Vision auf einem bestimmten Gebiet wahr werden zu lassen. Kriminalhauptkommissar Günter Okon und seinem Team machen zur Zeit die zunehmenden Wohnungseinbrüchen große Sorgen. Um über 13 Prozent stieg deren Zahl im vergangenen Jahr – und anstatt immer nur nach dem Täter vor Ort zu sein wollen sie es in Zukunft gar nicht erst zu solchen Taten kommen lassen. Abschreckung der Verbrecher durch "zielgerichtete Polizeipräsens". Das LKA Bayern will damit neue Wege gehen.

"Die Gesamtsituation der Wohnungseinbrüche hat sich nicht verbessert in den letzten Jahren. Wir haben immer noch leichte Zuwächse zu verzeichnen und das macht uns schon Sorge. Vor allen Dingen, weil die Polizei halt schon sehr viele Maßnahmen schon ergriffen hat, präventive Maßnahmen, auch Fahndungsmaßnahmen, und all diese Dinge. Aber so richtig der Erfolg scheint sich da nicht einzustellen. Es ist momentan einfach ein Problem. Zudem dieses Thema auch politisch aktuell ist." So Günter Okon vom Landeskriminalamt Bayern.

An der Universität Ulm arbeiten die Mathematiker des Instituts für Stochastik an der "Kunst des Vermutens". Mit Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung wollen sie in die Zukunft des Verbrechens schauen, eine Vorhersage machen, wann und wo am ehesten mit Einbrüchen zu rechnen ist. Dazu verknüpfen sie zum Beispiel die Polizeistatistik für München mit anderen statistischen Daten, etwa Arbeitslosenzahlen, Ausländeranteil, Bevölkerungsdichte oder Informationen zur Infrastruktur - und erstellen daraus ein Modell, das aussagen soll, wo und wann die Münchener Polizei in Zukunft besonders aufmerksam sein sollte.

Portrait von Prof. Evgeny Spodarev

Prof. Evgeny Spodarev, Institut für Stochastik, Universität Ulm

Evgeny Spodarev vom Institut für Stochastik an der Universität Ulm erklärt: "Wir können räumlich die Wahrscheinlichkeit des Verbrechens in einem gewissen Quadrat in Bayern vorhersagen. In einem gewissen Monat, in einem gewissen Jahr. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir tatsächlich sagen können, wie viele Verbrechen dort begangen werden und an welchen Stellen konkret."

Die Kriminalisten des LKA Bayern und die Ulmer Mathematiker arbeiten hier eng zusammen. Noch ist es ein Forschungsprojekt, kein Teil der Polizeiarbeit, zumindest in Deutschland. In anderen Ländern ist man schon weiter - etwa in den USA. Bei der "predictive analytics", der vorausschauenden Analyse, verknüpft eine spezielle Software Verbrechensstatistiken mit Informationen aus völlig anderen Bereichen, wie Größe von Veranstaltungen, Kaufkraft der Bevölkerung oder Wetterdaten - und berechnet daraus mögliche "Hot Spots" für zukünftige Verbrechen. "Der Grund, wieso solche Technologien in den USA schon sehr viel mehr eingesetzt werden als das zum Beispiel in Europa der Fall ist, ist, dass hier sehr viel stärkerer Druck durch die Anzahl der Verbrechen ist und auch die Schwere der Verbrechen. Zum Beispiel in Memphis oder auch in New York haben sie es geschafft, die Verbrechensrate in spezifischen Bereichen um ein Drittel zu senken, weil man einfach sehr viel besser verstehen konnte, unter welchen Rahmenbedingungen Verbrechen passieren und man konnte dadurch auch proaktiv die Polizeikräfte dorthin verteilen, wo die Schwerpunkte im jeweiligen Zeitpunkt waren", sagt Markus Gretschmann, Analytik-Spezialist bei IBM Deutschland.

Straßenkarte mit Pinnadeln

In den USA werden sogar Wetterdaten zur Verbrechensanalyse verarbeitet

Für solche Verbrechensprognosen braucht man eine möglichst umfassende Datenerhebung - das wird in den USA deutlich entspannter gesehen als etwa in Deutschland - und auch der Zeitraum der Datensammlung spielt eine wichtige Rolle. "Für Bayern haben wir momentan ca. 12 Jahre Daten, wobei jedes Jahr ca. 5.000 Delikte zur Verfügung stellt. Was einerseits viel ist, wenn man aus kriminalistischer Sicht vielleicht schaut, andererseits ist das für die Datenanalyse wenig, weil wenn man das auf Monate runterbricht und dann vielleicht auf Wochen und auf Tage, da wird’s immer weniger. Und mit diesen Daten können wir momentan eine Prognose auf Monatsbasis machen", erläutert Evgeny Spodarev vom Institut für Stochastik. So ist eine erste Karte entstanden, die für jeden Monat anzeigt, wo die Polizei ihre Kräfte am ehesten einsetzen sollte.

Günter Okon, Landeskriminalamt Bayern: "Ich persönlich bin der Auffassung, dass diese Vorhersagetechnik insbesondere bei diesen Massendelikten eine Rolle spielen kann. Ich denke mal im Bereich Tötungsdelikte und Sexualstraftaten eher weniger geeignet, aber in den klassischen Bereichen KFZ-Kriminalität, Eigentumskriminalität, ob es nun Wohnungseinbrüche sind, Geschäftseinbrüche, all diese Dinge, ich denke, dass da ein sehr großes Potential ist und Erkenntnisse aus verschiedenen Versuchsreihen geben uns auch Recht und sagen: Da wäre eigentlich schon der Ansatz gegeben." Die kommenden Polizeistatistiken werden nun zeigen, ob sie es geschafft haben, in die Zukunft des Verbrechens zu schauen und ob die kritischen Regionen dann zunehmend von der Karte verschwinden.

In der Vision von "Minority Report" klappt es nicht so ganz. Zukunftspolizist Tom Cruise sieht sich selbst als zukünftigen Verbrecher - ein Fehler im System, wie sich später herausstellt. Aber das ist eben Hollywood - und nicht die nüchterne, deutsche Kriminalforschung.

aus der Sendung vom

Do, 5.2.2015 | 22:00 Uhr

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