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SENDETERMIN Do, 16.1.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Operationen Minimal-invasive Eingriffe sind nicht harmlos

Minimal-invasiv - das klingt nach "nicht so schlimm". Dieser Eindruck erleichtert es Ärzten, Patienten von einer minimal-invasiven OP zu überzeugen. Leider nicht immer zum Wohl der Betroffenen. Die Schlüssellochchirurgie birgt Risiken.

Schnitte sind winzig, die Narben später kaum zu sehen. Deshalb wird die minimal-invasive Operationstechnik auch ganz harmlos als "Knopfloch-OP" oder "Schlüssellochchirurgie" bezeichnet. Mit diesem Begriff wurde Silvia H. von einer Leistenbruch-OP überzeugt. Sie hatte vorher schon Operationen gehabt und bisher war immer alles gut gegangen. Deshalb war sie voller Vertrauen. Sie dachte: "Zwei kleine Schnittle und dann kann ich schnell wieder heim."

Doch eben wegen der vorangegangenen Operationen gab es Komplikationen, denn sie hatte Verwachsungen im Unterleib: "Als ich nach der Narkose aufwachte, konnte ich nicht auf Toilette gehen, und das rechte Bein brannte, dass es kaum zu ertragen war. Es war furchtbar", erinnert sich die 59-Jährige. Der Operateur hatte mit den endoskopischen Geräten die Blasenwand durchstochen und mit dem Laser einen Nerv verbrannt.

Keine Qualitätskontrolle bei minimal-invasiven OPs

Jetzt hat Silvia H. eine lange Narbe auf dem Bauch und bis heute Schmerzen, die sie lediglich durch Massagen und Gymnastik aushält. Die Aufgaben in ihrer großen Familie schafft sie nur noch mit Mühe. Besser wird es nicht werden. Deshalb hat Silvia H. die Klinik, in der sie operiert wurde, bei der Ärztekammer verklagt und Recht bekommen. Wegen der Verwachsungen hätten die Chirurgen auf die risikoreichere, minimal-invasive OP verzichten müssen.

Dies ist kein Einzelfall, denn minimal-invasive Operationen sind eine größere Herausforderung als konservative Eingriffe: "Das Sichtfeld ist eingeschränkter, und man sieht bloß zweidimensional", weiß Prof. Hans Pässler, Chirurg an der Atos-Klinik in Heidelberg. Er kritisiert: "Chirurgen müssten viel mehr Fälle erfolgreich operiert haben und zahlreiche Schulungen machen, bevor sie diese OPs durchführen. Leider werden in Deutschland keine Nachweise verlangt und so kann in der Chirurgie quasi jeder minimal-invasiv operieren."

Prof. Pässler: "Es wird zu schnell, zu viel und zu unüberlegt operiert."

Natürlich haben minimal-invasive Eingriffe auch Vorteile: Es wird weniger Gewebe verletzt, und die Operierten erholen sich in der Regel schneller.

Die minimal-invasive Technik gibt es seit Beginn der 1980er Jahre. Anfangs wurden auf diese Weise Gallenblasen entfernt und Kniespiegelungen gemacht. Mittlerweile werden so sogar neue Hüftgelenke eingesetzt und bösartige Tumore entfernt. Zwischen 2006 und 2010 ist die Zahl der minimal-invasiven Eingriffe in Deutschland um 75 Prozent gestiegen. Prof. Pässler weiß, wie leicht es ist, Patienten diese Operationen nahe zu bringen. Alles wird minimal dargestellt: der Schmerz, die Bewegungseinschränkung, die Krankheitszeit. "Das heißt: Der Eingriff wird bagatellisiert", urteilt Pässler. In seinen Augen wird in Deutschland zu schnell, zu viel und zu unüberlegt operiert. In diesem Zusammenhang bemängelt der Chirurg, dass Mediziner oft aus ökonomischen Zwängen handeln und dann nicht immer ans Wohl ihrer Patienten denken: "Aber eine Operation ist immer eine Körperverletzung. So etwas sollte niemals leichtfertig geschehen."

Eine zweite Arztmeinung einholen

Damit Patienten klären können, ob eine OP wirklich nötig ist, hat Hans Pässler das Internet-Portal "Vorsicht-Operation.de" gegründet. Wer operiert werden soll, kann hier für 300 Euro eine zweite Meinung von erfahrenen Spezialisten einholen. "Wir hatten immer mehr Anfragen für Zweitmeinungen. Damit die Patienten nicht immer die weiten Wege auf sich nehmen müssen, haben wir dann das Portal gegründet", erklärt der Chirurg. Patienten können hier ihre MRT-, CT- und Röntgen-Bilder hochladen und Patientenberichte mailen. Innerhalb kurzer Zeit erhalten sie Rückmeldung von einem Experten. Pässler ist Kniespezialist und rät von fast jeder zweiten OP ab. Das kann sinnvoll sein, wie der Fall von Silvia H. zeigt. Sie würde heute auch eine Zweitmeinung einholen, wenn ein Arzt sie von einer Operation überzeugen möchte.

aus der Sendung vom

Do, 16.1.2014 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.