Bitte warten...

SENDETERMIN Do, 29.10.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Militärforschung Optimierte Sinne als Waffe

An Wehr- und Sicherheitstechniken der Zukunft feilt das deutsch-französische Institut ISL. Neue Methoden der akustischen und optischen Aufklärung sind entscheidende Forschungsbereiche.

Division Sicherheit lädt ein

Eher unauffällig erstreckt sich das abgezäunte Areal am Rande des französischen Grenzorts Saint-Louis bei Basel: Einstöckige langgestreckte Bauten aus den vierziger Jahren, dazwischen moderne, unspektakuläre Bürohäuser. Am Kontrollposten des Haupteingangs sammeln französische Polizisten unsere Pässe ein, dann nimmt uns die freundliche Pressearbeiterin in Empfang. Ich bin überrascht, dass wir - Reporter und Kamerateam des SWR - willkommen sind: Das "Institut franco-allemand de recherches de Saint-Louis"(ISL) lässt uns rein: In diesem deutsch-französischen Institut wird an der Wehrtechnik der Zukunft gefeilt: Forschung im Bereich Ballistik, Sprengtechnik, Laser-, Schall- und elektromagnetischer Waffen und Schutztechniken. Wir dürfen dabei zuschauen. Durch dunkle Gänge folgen wir Mitarbeitern der Division "Sicherheit" in eine große Halle. Nerds werkeln dort an Computern und einer Art futuristischer Kanone herum - genauso stellt man sich das vor.

Nebelwände durchleuchten

Hier wird aber nicht scharf geschossen, sondern noch schärfer gesehen, erfahren wir. Die Kanone ist ein Infrarotlicht-Laser, der durch dichten Rauch oder Nebel blicken kann. Denn: Wer die besseren Sinne hat, ist im Gefecht entscheidend im Vorteil. Eine Demonstration: Der Tunnel, der sich vor der Infrarotkanone befindet, wird von einer Nebelmaschine mit dichtem Rauch geflutet. Die Wissenschaftler ermuntern mich nun, in den Tunnel zu gehen, als lauernder Feind in der trüben Suppe. Keine Sorge, der Laser sei "augensicher", höre ich. In der Nebelsuppe sehe ich nicht die Hand vor Augen. Der Infrarot-Laser scannt nun den Tunnel. Ich bekomme davon nichts mit. Danach schaue ich mir die Aufzeichnung auf dem Laptop an, der an den Laser gekoppelt ist. Tatsächlich: Ich erscheine mit klaren Konturen im Nebel. Der Laser schaut durch Nebelwand einfach hindurch.
Die Funktionsweise dieses "Laser gated viewing" erklärt mir Dr. Martin Laurenzis, muss man sich wie einen medizinischen Computertomographen vorstellen, nicht für den Körper, sondern für Räume. Es sei "wie bei der Fahrt im Nebel mit Fernlicht, wir sind geblendet weil Nebel nah am Auto reflektiert." Und diese Störbereiche können die Wissenschaftler ausschalten: Über die Berechnung der Laufzeit des Lichts können die Forscher quasi "scheibchenweise" sehen. Alles Störende vor und nach dem Zielobjekt rechnet der Computer weg. "Wir zeichnen nur das Licht aus dem Bereich auf, den wir sehen wollen." Vernebelungstaktik auf dem Gefechtsfeld ist in Zukunft also nicht mehr zu empfehlen.

Wehrtechnik und Zivilschutz verschmelzen

Das Institut zeigt uns so offen ihre Prototypen, weil der deutsche Direktor des Instituts (es gibt auch noch einen französischen Direktor) gerne eine Botschaft an den Mann und die Medien bringen will: Was dem Militär nützt, hilft auch dem Bürger: Nebelscanner zeigen Scharfschützen das Ziel, können aber bei Feuerwehr und Katastrophenschutz auch Leben retten, so Dr. Thomas Czirwitzky: "Das ISL hat mit echter Waffentechnik begonnen, und wir haben uns hin entwickelt zu der Technik: Wie können wir schützen." In einer Welt der "asymetrischen Kriegsführung", in der der Terror immer mehr in die Zivilbevölkerung hineingetragen wird, verschmelzen Schutz- und Sicherheitstechnik von Militär und Zivilschutzeinrichtungen immer mehr. Mit einem Prototypen des Nebelscanners zum Beispiel arbeitet bereits die französische Polizei, um in Fußballstadien Leuchtfeuer-Pyromanen zu identifizieren.

Bombenanschläge verhindern

Auch Bombenanschläge könnten durch optische Scan-Verfahren besser verhindert werden: Mittels "Change Detection", einer speziellen Videotechnik, lassen sich, bei Patrouille- oder Konvoifahrten, Routen absichern. Bei einer ersten Spähfahrt mit dem Jeep, so wird uns demonstriert, filmt die Kamera auf dem Dach des Wagens das Gelände. Nehmen wir an, dass danach der Feind eine Bombe auf der Strecke vergräbt. Dadurch gibt es leichte Veränderungen durch Erdaushub, oder Steine, die von den Attentätern als Markierungen positioniert wurden. Bei der nächsten Fahrt filmt der Wagen nun dieselbe Strecke wieder: Permanent wechseln sich nun auf einem Display in der Fahrerkabine die exakt angepassten Aufnahmen der ersten und der aktuellen Fahrt ab: Der Computer gibt sofort Alarm, wenn sich irgendetwas vor dem Wagen auf der Strecke verändert hat.

Truppe als virtuelle Antenne

Auch die akustischen Sinne von Soldaten wollen die Forscher mit elektronischen Mitteln optimieren - um Scharfschützen schneller aufzuspüren. Zur Demonstration der "Sniper Detection" verteilt ein Wissenschaftler auf freiem Feld Soldatenhelme mit akustischen Sensoren, quasi ein Spähtrupp, der verteilt im Gelände steht. Alle Soldaten der Einheit bilden über ihre Sensoren zusammen eine große, virtuelle Ortungsantenne.
Schießt nun aus der Distanz ein Heckenschütze auf den Trupp, orten die Sensoren sofort, woher der Schall kam. Und auf einem GPS-Bild des Terrains wird auf dem Laptop in Sekunden die wahrscheinliche Position des Schützen angezeigt. An solche Scanner könnte man, so höre ich, natürlich auch Waffen koppeln, die automatisch in Richtung des erkannten Angreifers zurückschießen. Aber das sehen die Forscher hier nicht mehr als ihren Job. Sie geben die "Demonstratoren" an Industriepartner zur Weiterentwicklung ab - meist an wehrtechnische Firmen. Auf die Frage, ob sie damit auch die Verantwortung für ihre Entwicklungen abgeben, verweist Direktor Dr. Czirwitzky auf die "Produkthaftung" des Unternehmens, das die Prototypen weiterentwickelt: "Der Industrielle haftet für sein Produkt. Wir sind für die Grundlagen zuständig, dass die physikalischen Effekte, die dem Produkt zugrunde liegen, ausreichend erforscht sind."

Nur Grundlagenforschung?

Hier gibt es also "nur Grundlagenforschung", weit entfernt vom letztlich zumeist militärischen Endprodukt. Diese Argumentation hört man hier bei den deutschen Mitarbeitern oft. Die Franzosen, sagt man uns, rechtfertigen sich weniger, wenn es um wehrtechnische Projekte geht.
Der deutsche Leiter der Sicherheits-Division lehrt noch an einer zivilen Uni experimentelle Physik. Dort achtet Dr. Bernd Fischer akribisch auf den rein zivilen Charakter seiner Studien. Kritische Fragen der Studenten zu seinem "anderen Job" muss er aushalten, wobei den Studenten, so sagt er "der duale Aspekt unserer Sicherheitsforschung bekannt ist. Als der Laser entwickelt wurde, hat keiner gedacht, dass er sowohl die Medizin als auch für Waffen eingesetzt werden kann."
Dem Ideenreichtum und der technischen Faszination all dieser Maschinen kann auch ich mich nicht entziehen. Man könnte so vieles daraus machen: Doch die meisten Prototypten landen nun mal bei der Rüstungsindustrie. Wir packen ein, beeindruckt und bedrückt zugleich. Auf der Rückfahrt Wetterleuchten am Horizont. Ich frage mich: Sieht Krieg aus der Ferne auch so aus? Aber dann denke ich: Was weiß ich schon vom Krieg.