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SENDETERMIN Do, 19.4.2018 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Tierhaltung Mehr Tierwohl durch neues Label?

Die Fleischproduzenten stehen in der Kritik, sie werden verantwortlich gemacht für das Leid der Tiere in der Massentierhaltung. Kann ein neues, staatliches Tierwohl-Label an den Zuständen etwas ändern?

Das Medieninteresse war bei der Enthüllung des neuen Tierwohllabels groß. Schließlich hatte Landwirtschaftsminister Christian Schmidt, CSU, im Vorfeld blumige Ankündigungen gemacht, wie die Nutztiere von dem neuen Label profitieren werden. Doch bei näherem Hinsehen ist der denkbare Fortschritt durch das neue Label eher bescheiden.

Schweine sind neugierige Tiere. Sie sind sensibel, spielen gerne und sind überhaupt gerne sehr aktiv, wenn man sie lässt. Doch der weitaus größte Teil der Mast-Schweine in Deutschland wird in fensterlosen Warmställen gehalten, hat kaum Bewegungsspielraum und dämmert im Halbdunkel sechs Monate seiner Schlachtung entgegen. Da wolle er „was machen“, erklärte Landwirtschaftsminister Schmidt und enthüllte sein Tierwohllabel. Es soll das Fleisch von Tieren zieren, denen es bei der Haltung besser ging. Der Minister erklärte: „Im Schnitt werden diese Tiere mehr Platz, mehr Spielraum, mehr Betreuung haben.“

Wozu ein weiteres freiwilliges Label?

Doch welchen Sinn soll das haben? Wir haben schon jetzt ein halbes Dutzend Bio- Öko- und Tierwohlsiegel, ohne dass sich an den Zuständen in der industriellen Massentierhaltung etwas entscheidend geändert hätte.

Umweltministerin Hendricks brachte es im Frühjahr auf folgende Formel: „Steht das Schwein auf einem Bein, ist der Schweinestall zu klein.“

Thomas Schröder ist Präsident des deutschen Tierschutzbundes. Er kritisiert das neue Label. Die Anforderungen gingen in der Eingangsstufe kaum über gesetzliche Mindestanforderungen hinaus. Minister Schmidt sei vor der Lobby eingeknickt: „Wir sind zuerst einmal enttäuscht, dass er als gesetzgeberische Instanz bei der Eingangsstufe nicht schärfer und höher drangegangen ist bei den Kriterien. Er hat sogar kapituliert vor der Tiernutzerlobby. Ich mache es an einem Beispiel deutlich: Er schreibt, dass er in seinem Label den Schweinen freiwillig Funktionsbereiche gönnen will – also Bereiche in denen die Tiere ruhen können, koten können, fressen können. Getrennt voneinander. Das ist „essentiell“ – schreibt er selber.“ Wenn aber etwas „essentiell“ sei, so der Tierschützer, dürfe es nicht eine freiwillige Leitung sein, sondern müsse per Gesetz vorgeschrieben werden.

Bescheidener Maßnahmenkatalog

Der genauere Blick auf die Kriterien des Labels in der Eingangsstufe offenbart einen sehr bescheidenen Kriterienkatalog. So ist das im Label geforderte Beschäftigungsmaterial für Schweine in den EU-Richtlinien längst Standard. Das Kupieren der Schwänze – eigentlich verboten – wird auch im neuen Label weiterhin durch eine Ausnahmeregel legal. Und 30 Prozent mehr Platz bedeutet für eine 100 Kilo-Sau am Ende einen Quadratmeter Lebensraum. Tierwohl sieht anders aus. Und Tierschützer, wie Thomas Schröder, haben noch mehr zu bemängeln: „Wir kritisieren, das er sich im Rahmen der Schlachtung freiwillig wünscht, dass es ein tieferes und sichereres Verfahren gibt, um die Tiere wirklich sicher betäubt in die Schlachtung zu bringen. Das heißt, das gibt es bis heute nicht. Und der Minister sagt überhaupt nicht, welche Technik er eigentlich meint.“ Wissenschaftlich gebe es da eben ein Loch. Es gebe kaum sichere Verfahren. Da müsse der Minister noch viel arbeiten, um die Antwort zu geben, erklärte Schröder.

Was wollen Schweine?

Prof. Volker Stefanski ist Nutztierphysiologe an der Uni Stuttgart-Hohenheim. In Versuchsreihen hat er erforscht, was Schweine wollen. Und gefunden, dass ihnen besonders das Buddeln und Wühlen wichtig ist. Und wie sieht es da in der Massentierhaltung in Deutschland tatsächlich aus? Wie geht es den Schweinen? Stefanski antwortet abwägend: Die Haltungsbedingungen in der konventionellen Tierhaltung seien sicher so einzuschätzen, dass hier bei den Tieren keine Schäden und Leiden aufträten. „Allerdings ist es so, wenn wir uns verwilderte Hausschweine beispielsweise anschauen, dass deren Tagesablauf natürlich vollkommen anders aussieht. Die Tiere wühlen, graben und suchen Futter. Sie suhlen, wenn eine Hitze da ist. Alles das ist natürlich in der konventionellen Tierhaltung für die Tiere nicht möglich.“ Die einfache Frage an den Experten: Kann das neue Tierwohllabel daran etwas ändern? Stefanski macht sich keine großen Hoffnungen: An der Situation für die Tiere werde sich vergleichsweise wenig ändern, die Anforderungen durch das Label seien einfach zu gering. Und auch er kritisiert, dass keine Verbindlichkeit vorlägen. Es sei wünschenswert, gesetzliche Regelungen zu haben, dass sich die Verbesserungen der Haltungsbedingungen auch „in der Breite“ manifestieren könnten.

Markt und Verbraucher könnten ausweichen

Beim Bauernverband ist man dagegen der Meinung, dass strengere gesetzliche Anforderungen sinnlos sind. Generalsekretär Krüskens Argumente erscheinen plausibel: „Lebensmittelhandel und Verbraucher würden wahrscheinlich aus Preisgründen dazu übergehen, Fleisch oder tierische Produkte aus anderen EU-Mitgliedsstaaten oder aus Erzeugungsregionen einzukaufen, in denen die Tierwohlstandards nicht so hoch sind. Und das kann nicht der Sinn der Übung sein.“

Deshalb hält der Agrarökonom von der Berliner Humboldt-Universität, Prof. Harald Grete, der mit einer Expertengruppe für die Bundesregierung Vorschläge für eine bessere Nutztierhaltung erarbeitet hat, massive staatliche Hilfe für dringend geboten: „Wir brauchen einerseits dringend ein höheres Tierwohlniveau in der deutschen Nutztierhaltung. Das ist aber mit Kosten verbunden. Wir haben abgeschätzt im Beirat drei bis fünf Milliarden Euro – jedes Jahr“. Deshalb sei es wichtig, nicht nur per Ordnungsrecht strengere Auflagen zu machen, sondern auch durch Umwidmung von heutigen Subventionen an die Landwirtschaft zu einer zielorientierteren Politik zu kommen: „Ich muss Landwirte dafür entlohnen, dass sie mehr Tierschutz leisten,“ erklärt der Wissenschaftler. Das Image der Fleischindustrie ist angeschlagen. Es ist Zeit für Veränderungen in der Tierhaltung. Ein weiteres freiwilliges Label – da sind sich die Fachleute einig – kann dazu keinen entscheidenden Beitrag leisten.

aus der Sendung vom

Do, 19.4.2018 | 22:00 Uhr

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