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SENDETERMIN Do, 17.9.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Schweinemast Mehr Bewusstsein für Schweine

Tierschutz - und trotzdem Geld verdienen. Wie das geht, allen Vorurteilen zum Trotz, zeigt ein Schweinebetrieb im Südwesten.

Auf dem Eichenhof beim rheinhessischen Wörrstadt - so die Information aus beim Landwirtschaftsministerium - wird Schweinemast schon heute tierfreundlich betrieben. Vater Klaus und Sohn Christian Kussel führen den Betrieb. Vor drei Jahren haben sie einen neuen Stall gebaut. Einen schweinefreundlichen Stall.

Sohn Christian Kussel hat seine Diplomarbeit über das Bauprojekt geschrieben, hat mit Blick auf das Tierwohl Komponenten zusammengefügt, die so nicht "von der Stange" erhältlich waren: "Ich hab mich intensiv beschäftigt mit der Lüftung. Und wie richtet man das Gebäude aus. Letzen Endes war die übergeordnete Frage, wie komme ich mit dem Stall dem natürlichen Verhalten der Tiere möglichst weit entgegen und das in diesem Stall in möglichst vielfältiger Weise zu berücksichtigen."

Zu den Ausstattungsmerkmalen des schweinegerechten Stalls gehört eine niedrig gedeckte Liegebucht, die dem Höhlenbedürfnis der Tiere entgegenkommt. Auch haben die Schweine hier 50 Prozent mehr Platz als in einem konventionellen Mastbetrieb. Und mehr Auslauf bedeutet mehr Fitness. Feste und flüssige Nahrung können die Tiere an Automaten anfordern. Der berüchtigte Spaltboden, über den Fäkalien entsorgt werden, findet sich nur in einem Teil der Buchten. So finden die Tiere Liegemöglichkeiten, wo sie nicht die aggressiven Gase aus den Fäkalien einatmen müssen. Besonders gerne nutzen die Tiere den Außenklimabereich, den auch das Expertengremium des Landwirtschaftsministeriums fordert. Denn hier gibt’s Spielzeug und frische Luft.

Ein Schwein kaut auf einem Spielzeug.

"Kauspielzeug" für das Tierwohl

Landwirt Klaus Kussel freut sich über die vielen Benefits, die der Außenklimabereich für die Tiere bringt: "Diese Freilaufzone bedeutet für die Schweine, dass sie jederzeit hier raus können, dass sie das Wetter wahrnehmen können, dass sie Klimareize haben - kalt, warm - das kommt der Vitalität der Tiere zugute. Wir merken das daran, dass wir keinerlei Medikamenteneinsatz hier brauchen."

Da Schweine nicht schwitzen können, kommt im Sommer eine Sprinkleranlage zu Einsatz. Rahmenbedingungen für die Schweine, die Klaus und Christian Kussel ein gutes Gefühl geben. "Das macht Spaß, den Tieren zuzuschauen, dass es ihnen gut geht, dass sie ihren Spaß daran haben und von der Dusche so begeistert sind. Wir haben den Stall gebaut, um den Tieren einfach was Gutes zu tun. Und wir haben damit ein Konzept umgesetzt, zu dem wir als Landwirte und Tierhalter auch stehen können."
In einem wichtigen Punkt weichen die Kussels allerdings von den neuen Empfehlungen ab: die Fordern, man soll Schweineschwänze nicht mehr kupieren.
Das halten die Landwirte aus Rheinhessen nicht für praktikabel. Es seien immer aggressive Tiere in einer Gruppe, die andrer Tiere vorzugsweise am Schwanz beißen und so verletzen. Klaus Kussel sagt: "Das führt zu Infektionen, dann wäre tatsächlich ein Medikamenteneinsatz erforderlich. Also ich halte das für nicht zielführend."

Wir machen uns auf den Weg nach Boxberg, zur Landesanstalt für Schweinezucht. Wollen uns von einem Fachmann zu den Haltungsbedingungen beraten lassen.
Der Leiter der baden-württembergischen Fachanstalt ist Hansjörg Schrade. Nach Tierschutzrecht ist das kupieren von Schweineschwänzen verboten. Trotzdem machen es alle! Schrade erklärt: "Es gibt ja Ausnahmen im Europäischen Tierschutzrecht, die das rechtfertigen unter bestimmten Voraussetzungen, dass die Schwänze kupiert werden. Weil das Leid und die Schmerzen natürlich dann, wenn sich die Tiere beißen, viel höher einzuschätzen sind."

Wir haben Aufnahmen vom Eichenhof mitgebracht, was sagt der Experte generell zum Stall der Kussels? Hansjörg Schrade ist insgesamt angetan von der Situation der Schweine auf dem rheinhessischen Hof: "All die Grundbedürfnisse sind hier glaube ich gut bis sehr gut abgebildet. Was aus meiner Sicht fehlt ist die Weichheit im Liegebereich."

Eine Gruppe gesunder Schweine blickt Richtung Kamera.

Gefräßig und aktiv: Indikatoren für ein gesundes Schwein

Was das bedeutet zeigt uns Hansjörg Schrade in seinem Stall. Hier wohnen die Schweine im Liegebereich auf Stroh. Luxus in der Schweinemast. Und woran erkennt der Experte, ob sich die Schweine wohl fühlen? "Sie fressen, sie saufen, sie sind fit, es geht ihnen gut - das sind alles so Indikatoren, die man heranzieht. Und wissenschaftlich gibt es bis heute noch kein Instrument, mit dem man über das Tier diese Tierwohlkriterien emotional bewerten könnte oder auch nur erkennen."

Auf der letzten Station des Schweinelebens - im Schlachthof - liegt in Sachen Tierwohl noch vieles im Argen. Es geht um die Betäubung vor der Schlachtung. Dafür wird Kohlendioxid eingesetzt. Eine kostengünstige Methode, die jedoch für die Schweine circa 20 Sekunden Erstickungsgefühle und Todesangst auslösen kann.

Der Tierarzt Klaus Tröger vom Max-Rubner-Institut in Kulmbach, hält das für inakzeptabel: "Spätestens, wenn man mal die Klappen der Anlage oben öffnet und schaut, was passiert, wenn die Tiere nach unten in diesen CO2-See eintauchen, spätestens dann kommt bei vielen Leuten die Erkenntnis, dass man Tiere so nicht betäuben kann."

Auch Tönnies, der größte Schlachtbetrieb Deutschlands, nutzt CO2. Doch das Unternehmen hat an anderer Stelle viel in Tierschutz investiert. Durch Druck auf das Auge wird kontrolliert, ob das Tier wirklich gut betäubt ist, bevor es zum Stecher geht. Dieser tötet jedes Schwein durch Ausbluten. In vielen Schlachthöfen passiert es immer wieder, dass der Stecher das Blutgefäß nicht richtig trifft. Oder ein Tier schlicht übersieht. Ein Mitarbeiter überprüft daher nach dem Ausbluten noch einmal, ob das Tier wirklich tot ist. Beim geringsten Zweifel kann er das Band anhalten und das Tier mit dem Bolzenschussgerät nachbetäuben und nachstechen. Dann kommt es in die Brühung. Solche umfassenden Kontrollen sind vorbildlich, jedoch leider noch die Ausnahme.
Zurück auf dem Eichenhof. Hier kommen 70 Prozent der Schweine nach der Schlachtung in die hauseigene Fleischerei. Drei Metzger und elf Angestellte arbeiten hier. Das Abdecken der gesamten Wertschöpfungskette macht die schweinefreundliche Haltung überhaupt erst ökonomisch möglich. Denn Schweinemast, die Tierwohl berücksichtigt, ist teurer als konventionelle Mast. Das muss sich auch in den Preisen für Fleischprodukte niederschlagen. Doch ein anständiger Umgang mit den Tieren sollte uns den einen oder anderen Euro Mehrausgabe wert sein.