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SENDETERMIN Do, 28.6.2007 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Mehr Aufklärung tut Not Weniger Hormone - weniger Krebs

Früher oder später erlebt sie jede Frau: die Wechseljahre. Manche haben Glück, bei ihnen bleibt alles im normalen Rahmen. Andere leiden fürchterlich: sie nehmen zu, können kaum schlafen, die Stimmungen wechseln schnell. Da liegt es nahe, einzugreifen - und zwar mit Medikamenten. Und tatsächlich war die Hormontherapie Jahrzehnte lang unbestrittene Praxis. Wer keine Hormone nahm galt sogar als rückständig. Millionen Frauen vertrauten darauf. Das war wohl ein Fehler. Wie dramatisch dieser Fehler war, zeigt sich erst heute in vollem Umfang.

Silhouette einer Brust

Ein unheilvoller Zusammenhang

Hormonersatztherapie in den Wechseljahren und Brustkrebs - schon vor 15 Jahren kam der Verdacht auf, dass hier ein unheilvoller Zusammenhang besteht. Tatsächlich stieg die Rate der Brustkrebserkrankungen seit 1980 um über 60 Prozent an. In konkreten Zahlen bedeutet das: von 33.000 Tausend Neuerkrankungen pro Jahr erhöhte sich die Zahl allein in Deutschland auf 55.000. In einer Zeit, als die Hormonkuren Konjunktur hatten.

Zum ersten Mal seit Jahren weniger Neuerkrankungen

Die Statistiken in allen westlichen Industrieländern wiesen vergleichbare Steigerungsraten aus. Doch dann geschah etwas Unerwartetes. Zum ersten Mal seit Jahren sank die Rate der diagnostizierten Neuerkrankungen. Die neuen Daten stammen aus den USA und bestätigen den Abwärtstrend schon im zweiten Jahr in Folge. Eine Sensation. Doch was ist geschehen? Haben die Frauen weniger geraucht? Sich besser ernährt? Nein: sie nahmen weniger Hormone ein!

Lange galt die Hormonersatztherapie geradezu als Garantie gegen lästige Wechseljahrsbeschwerden. Sogar als Schutz vor Herzinfarkt, Schlaganfall und Osteoporose. In den Wechseljahren keine Hormone zu verschreiben erschien fast als unterlassene Hilfeleistung. Und die Hormonhersteller versprachen noch mehr, priesen ihre Präparate als Schutzschild gegen das Altern: Bis eine große wissenschaftliche Studie aus den USA den Traum vom Jungbrunnen Hormonkur platzen ließ.

Die Studie zeigte: Frauen, die Östrogene und Gestagene gegen Wechseljahrsbeschwerden nahmen - in Deutschland sind das bis heute zwei Drittel der verschriebenen Hormonpräparate - bekamen nicht weniger, sondern mehr Herzinfarkte, mehr Schlaganfälle und mehr Brustkrebs. Das Ergebnis schlug ein wie eine Bombe. Zumal weitere Studien das Risiko der Hormonersatztherapie bestätigten. Viele Frauen setzten die Präparate ab. Völlig unverständlich erscheint vor diesem Hintergrund die Empfehlungen der medizinischen Fachgesellschaften. Noch 2006 spielten sie das Risiko herunter, erklärten: "Das Risiko für Brustkrebs sei nicht auszuschließen".

"... das wäre für mich unterlassene Hilfeleistung ..."

Werner Harlfinger leitet den Berufsverband für Frauenärzte in Rheinland Pfalz und vertritt dessen offizielle Meinung. Und die ist auch heute noch pro Hormonersatztherapie. Er sagt: "Wenn klimakterische Beschwerden plötzlich da sind, also schwere Hitzewallungen, Schweißausbrüche, Schlafstörungen, Depressionen, dann ist es für mich eine ganz klare Indikation für eine Hormontherapie. Da gibt es für mich gar nix zu deuteln, das wäre für mich unterlassene Hilfeleistung. Und das wird mit der Frau dann besprochen und die bekommt das Medikament, genauso wie ich einer Patientin ein Medikament geben würde, wenn sie eine Schilddrüsenunterfunktion hat, oder eine Überfunktion. Da kann ich auch nicht sagen, ich lass die Frau im Regen stehen, nur weil es eine Studie gibt, die das so oder so interpretiert."

Die Verschreibungen gingen zwar um 30 bis 40 Prozent zurück - nach bekannt werden der katastrophalen Studienergebnisse. Doch Experten sagen: angesichts der schlimmen Risiken werden die Hormonpräparate noch immer viel zu häufig verschrieben.

Friedhof Berlin Friedenau. In einem alten Wasserturm hat der pharmakritische Informationsdienst "Arznei-Telegramm" seinen Sitz. Wolfgang Becker-Brüser, der Herausgeber, hat die Studien zur Hormonersatztherapie ausgewertet und schätzt das Risiko konkret für Deutschland so ein: "Ich gehe davon aus, dass in Deutschland derzeit 1,5 Millionen Frauen Hormone einnehmen, Sexualhormone, das bedeutet dann hochgerechnet, dass 2.700 Frauen zusätzlich an venösen Thromboembolien erkranken, dass 1.200 zusätzlich Brustkrebserkrankungen haben, dass 1.200 zusätzlich einen Schlaganfall haben und dass gut 1.000 zusätzliche Herzerkrankungen haben, wie Herzanfall oder Angina Pectoris. Und wenn man dann ansieht, was damals die gynäkologischen Fachverbände geschrieben haben, beispielsweise 'keine Senkung der Herzkreislauferkrankungen', dann ist das an Desinformation nicht mehr zu überbieten."

Trotzdem rühren die Hormonhersteller bis heute bei Ärzten und Patientinnen kräftig die Werbetrommel für ihre Präparate. Im Gewand seriöser Information werden zum Beispiel im Internet die Wechseljahre dämonisiert, etwa auf der Seite "Lifeline: Medizin im Internet": "Neben Schlafstörungen, innerer Unruhe und Stimmungsschwankungen sind es vor allem Hitzewallungen, die in allen möglichen und unmöglichen Situationen den Tagesablauf immer wieder durcheinander bringen. Symptome, die das fortschreitende Alter mit aller Deutlichkeit vor Augen führen. Das Ende eines Lebensabschnittes, das Gefühl, nicht mehr attraktiv und im Beruf nicht mehr leistungsfähig zu sein - eine psychische Zerreißprobe."

Zu 100 Prozent durch Pharmawerbung finanziert

Das Internetportal Lifeline wird nach unserer Recherche zu 100 Prozent durch Pharmawerbung finanziert. Entsprechend positiv die Darstellung des neuesten Hormonprodukts, über das es dort in einem Werbevideo heißt: "Wird das Hormon-Gel in Form eines Dosier-Gels verwendet, kann die Dosis individuell angepasst und in Absprache mit dem behandelnden Arzt sogar nach und nach reduziert werden. Das Auftragen erfolgt einmal täglich, wie bei einer Lotion."

Peter Sawicki, Präsident des Instituts für Wirtschaftlichkeit und Qualität im Gesundheitswesen, kurz IQWIG, ist sichtlich betroffen angesichts dieser Werbung: "Hier wird versucht, direkt an die betroffenen Frauen eine falsche Information zu verkaufen, mit dem Ziel der Gewinnmaximierung, mit dem Ziel, ein Produkt zu verkaufen unter Inkaufnahme der Gefahr, dass man den Frauen durch diese falsche Information schadet. Das ist schon sehr, sehr bedenklich."

Peter Sawicki ist noch keine Studie untergekommen, die belegt, dass die Gefahr durch Hormongel geringer wäre als mit Pillen. Sawicki muss es wissen, denn im Auftrag der Regierung sichtet und bewertet er Studien objektiv: "Eine Frau kann ja Hormone nehmen. Nur muss sie wissen, dass sie damit ein bestimmtes Risiko eingeht für Brustkrebs, für Gallenblasenerkrankungen, für Herzinfarkte, gegebenenfalls auch für Verstopfungen der Gefäße, die dann auch zu Lungenverstopfungen führen können und letztendlich auch mit dem Tode enden können. Und das muss die Frau wissen. Und dann kann sie abschätzen, ob der Nutzen für sie - bezüglich der Reduktion der Symptome in den Wechseljahren - ob der Nutzen so groß ist, dass sie diesen potentiellen Schaden in Kauf nimmt.

Aufklärung tut Not

Dazu braucht die Frau jedoch eine neutrale Beratung. Die Imagekampagnen der Pharmaindustrie tragen sicher nicht zur Aufklärung bei. Denn sie blenden die enormen Risiken für die Frau einfach aus.

aus der Sendung vom

Do, 28.6.2007 | 22:00 Uhr

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