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SENDETERMIN Do, 4.7.2013 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Medical Wellness Von Burnout und Bierbädern

Medical Wellness zielt auf einen neuen Trend: Jeder vierte Deutsche gibt an, den Urlaub zur Optimierung seiner Gesundheit nutzen zu wollen. Doch sind die Angebote seriös und medizinisch wirksam? SWR-Odysso hat einen TÜV-Prüfer begleitet.

Medical Wellness - das klingt nach Gesundheit und ein wenig mehr als herkömmlicher Wellness. Dabei ist auf den ersten Blick kein Unterschied erkennbar: Sport, Bäder, Massagen. Die Angebote sollen medizinisch wirksam und seriös sein. Aber ist es das auch? Olaf Seiche und Karin Rogge vom TÜV-Rheinland testen Anbieter und haben für Medical-Wellness-Hotels ein spezielles TÜV-Siegel entwickelt. Das Problem ist nur: Bisher bestehen die wenigsten Hotels den Test. "Die Qualität bei Medical Wellness ist von Haus zu Haus eklatant unterschiedlich", sagt Prüfer Seiche. "Es gibt viele Häuser, die das Wort Medical Wellness dazu nutzen, um dem Gast - salopp gesagt - Geld aus der Tasche zu ziehen."

Zum "medical" fehlt oft der Arzt

Drei Personen laufen durch eine modern gestaltete Empfangshalle mit Sitzgruppe.

Stichprobe: Der TÜV Rheinland nimmt "Medcial Wellness"-Hotels genau unter die Lupe.

Der Präventionsmediziner Professor Michael Stimpel lehrt, forscht und praktiziert als Schulmediziner und ist auch Experte für anerkannte alternativmedizinische Methoden. Er sieht Medical Wellness kritisch: "Es handelt sich oft nicht um medizinische Angebote und schon gar nicht um medizinische Verfahren, die wissenschaftlich evaluiert sind", sagt er. Seriös wären Medical-Wellness-Angebote nur dann, wenn es eine ärztliche oder medizinische Betreuung gebe. Doch ein Arzt fehle oft, kritisiert Stimpel. Dabei wirbt die Branche damit, Krankheiten vorzubeugen oder zu heilen - oft mit Alternativmedizin. Stimpel beurteilt oft alternative Heilmethoden als wissenschaftlicher Gutachter. Doch vieles, was er bei einem virtuellen Streifzug durch die Medical-Wellness-Angebote sieht, hat damit nichts zu tun. Da sind sich Mediziner Stimpel und TÜV-Tester Seiche einig.

Schokomassagen, Rotweinkur und Sauerstofftherapie

Masseurin massiert eine Frau auf einer Liege

Wohltuend – aber auch sinnvoll? In den Wellness-Hotels werden die vielfältigsten Massagen angeboten.

Anbieter von Medical Wellness werben mit zweifelhaften Entgiftungskuren: Schokomassagen sollen die Haut verjüngen, in einem Wassertank floaten Gäste der Erleuchtung entgegen, Rotwein, Farblicht oder Sauerstoff stehen auf dem Behandlungsplan. Doch viele vermeintliche Therapien sind gar keine, moniert Mediziner Stimpel: "Das hat mit wissenschaftlich gesicherter Medizin nichts zu tun." Angebote wie Thymus- oder Sauerstofftherapie, Bioresonanzverfahren wie Entgiftungs- oder Entschlackungskuren entbehrten jeder wissenschaftlich nachweisbaren Wirksamkeit.

Vieles mache auf den ersten Blick einen guten Eindruck, enttäusche aber bei genauerem Hinsehen, findet TÜV-Tester Seiche. So gehe es beispielsweise gar nicht, ein Burnout-Programm anzubieten, das nur drei Tage dauert und ohne Arzt stattfindet.

TÜV-Siegel soll seriöse Anbieter stärken

Mit ihrer Arbeit wollen die TÜV-Tester deshalb seriöse Anbieter stärken, die beispielweise berücksichtigen, dass sich ein sogenannter Burnout nicht mit zwei, drei Massagen heilen lässt. Das Ringhotel Sommerfeld bei Berlin ist ein Beispiel dafür. Hier gibt es nicht nur hübsche Bade-und Saunalandschaften, das Team hat sich auf Burnout spezialisiert. Zwei Ärzte mit psychotherapeutischer Ausbildung haben deshalb ihre Praxis im Hotel. Burnout-Aufenthalte werden von ihnen begleitet und individuell zugeschnitten - in ernsten Fällen als Einstieg in längerfristige medizinische und therapeutische Betreuung.

Die beiden Mediziner wissen, dass laienhafte Behandlungen gerade bei Burnout Gefahren bergen. Die Ärztin Margareta Kampmann-Schwantes warnt als Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie davor, einen Burnout auf die leichte Schulter zu nehmen und sich damit in unkundige Hände zu begeben. Dies könne schlimmstenfalls in einem Suizid enden. Deshalb stimmt die Ärztin die jeweils richtige Behandlung mit Wellnesschefin Silvia Schröder engmaschig ab.

Viel Humbug unter den Behandlungen

Die TÜV-Vertreter sitzen mit der Ärztin bei einem Gespräch zusammen

Unerläßlich: Ein medizinisches Wellness-Angebot muss eine umfassende ärztliche Begleitung beinhalten.

Den TÜV-Testern kommt es unter anderem darauf an, dass ärztliche Untersuchungen und Gespräche ebenso zum Programm gehören wie Angebote zur Entspannung oder Bewegung. Hinzu kommen Massagen und typische Kuranwendungen. Das Programm ist medizinisch fundiert und unterscheidet sich damit bisher vom Gros der Medical-Wellness-Programme.

Im Ringhotel Sommerfeld finden die Prüfer nur kleine Schönheitsfehler. So soll das Kalziumbad die Gesundheit der Knochen und den Zellstoffwechsel verbessern. "Humbug", urteilt der medizinische Experte Stimpel. "Sich einmal in eine Kalziumsole zu legen ändert überhaupt nichts am Knochenstoffwechsel oder an einer Osteoporose." Trotzdem bleibt das Kalziumbad auch für die TÜV-Prüfer nur ein winziger Kritikpunkt in ihrem sonst rundweg positiven Fazit zu diesem Hotel.

In Stutenmilch oder Bier baden

Andere Anbieter werben dagegen mit viel abenteuerlicheren Versprechen: Stutenmilchbäder sollen entgiften, Bierbäder das Immunsystem stärken. Das bringt Prof. Stimpel zum Schmunzeln. Die versprochene Wirkung sei nicht zu erwarten. "Sie tun sich aber auch nichts Böses." Erleichterung bringen solche Bäder nur dem Geldbeutel. Kneippanwendungen und Sportkurse unter qualifizierter Anleitung bringen mehr. Deshalb schneiden diese Angebote bei den TÜV-Prüfern gut ab.

Junge Frau in einem Badebecken bekommt warmes Bier über den Kopf gegossen

Verlockung "Bierbad": Aber ist es auch eine sinnvolle medizinische Anwendung?

Eine medizinische Betreuung mindere auch an dieser Stelle Risiken, sagt Prof. Stimpel: Bevor jemand Medical Wellness macht, sollte er sich immer von einem Arzt untersuchen lassen, rät der Mediziner. Das gelte besonders für Menschen, die viele Jahre nicht besonders auf ihre Gesundheit geachtet hätten. "Dann kann so ein Kaltreiz oder eine Bewegung bei jemandem, der nicht weiß, dass er vielleicht am Herzen vorgeschädigt ist, auch Schaden auslösen."

Noch keine umfassenden Prüfungen

Bisher ist das Hotel bei Berlin nur einer von wenigen Anbietern, die sich beim TÜV-Rheinland zur Prüfung angemeldet haben. Wer echte Beschwerden hat, ist deshalb im Medical-Wellness-Urlaub selten gut aufgehoben. Auch als Prävention ist regelmäßige Aktivität zu Hause oft sinnvoller. Geeignet sind solche Hotel-Aufenthalte als Wohlfühlangebote. Aber: "Vieles von dem, was man in diesen Hotels an seriösen Angeboten macht, kann man im Grunde auch zu Hause alleine machen", betont Mediziner Stimpel. "Das heißt vor allem mehr und gezielte Bewegung und die Ernährung umstellen." Davon profitieren die Gesundheit und der Geldbeutel.