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SENDETERMIN Do, 22.1.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Tierschutz Mangelhafte Kontrolle! Viele Tiere werden beim Schlachten weiterverarbeitet - obwohl sie noch leben

Nicht selten werden Tiere beim Schlachten nicht richtig getötet. Sie verenden im Schlachtprozess unter entsetzlichen Qualen. Ein vorbildliches Kontrollsystem beendet diesen Horror.

Ein blutendes Schwein wird über den Boden gezogen.

Endstation Schlachthof. Die gröbsten Tierschutzverletzungen, mit den größten Leiden und Schmerzen passieren sicherlich beim Schlachten. Das sagt Prof. Klaus Troeger. Er ist Tierarzt und ein renommierter Schlachthof-Experte, langjähriger Institutsleiter des bundeseigenen Max Rubner-Instituts, Kulmbach.

Die letzten Stunden im Leben der Tiere können die Hölle sein. "Der Prozess ist zum Teil so stark industrialisiert und mechanisiert, automatisiert, dass hier das Einzeltier als Tier von allen Beteiligten an sich nicht mehr wahrgenommen wird", sagt Troeger. "Das ist eine Schraube im Prozess, und da gibt es in diesem Prozess unvermeidbar Fehler und diese Fehler sind aber Einzelschicksale der Tiere. Und das ist, denke ich, ab einem gewissen Punkt nicht mehr akzeptabel."

Die Zahl der Tiere, die bei uns in Deutschland Jahr für Jahr geschlachtet wird, ist unvorstellbar hoch: Es sind über 750 Millionen Tiere, darunter fast 645 Millionen Hühner, gefolgt von über 58 Millionen Schweinen (Stand 2013). Der ganze Schlachtprozess ist dabei enorm industrialisiert. An einem einzigen Schlachtband werden in modernen Schlachthöfen bis zu 1.400 Schweine geschlachtet - pro Stunde. Bei diesen gewaltigen Schlachtgeschwindigkeiten, bleiben den Mitarbeitern am Schlachtband nur wenige Sekunden pro Tier.
Eine solche Maschinerie ist naturgemäß anfällig für Fehler. Wie viele Schlachtunternehmen mit diesen Fehlern umgehen, ist aus Sicht von Klaus Troeger problematisch: "Ich darf nicht, wie wenn ich zum Beispiel Schrauben produziere, sagen, ich kann mit einem Ausschuss von 0,3 Prozent Schrauben, wo das Gewinde nicht richtig geschnitten ist, leben, das kann ich ökonomisch tragen. Da muss ich meine Maschinen jetzt nicht nachjustieren, damit lebe ich", sagt Troeger und stellt fest: "Diese Sichtweise ist für die Fleischproduktion meines Erachtens ethisch nicht vertretbar. Sie ist aber, oder wird aber von vielen Fleischproduzenten vertreten. Und das ist für mich das Grundproblem."

Bei einer handwerklich gut gemachten Schlachtung stirbt das zuvor betäubte Schwein durch Blutentzug. So ist es vorgeschrieben. Erst wenn es tot ist, darf das Tier in die Brühung kommen, eine Art Schweinewaschanlage mit Wasser, das auf über 60 Grad Celsius erhitzt ist. Zudem wird das Tier maschinell enthaart.

Schweinehälften hängen von der Decke

Bis zu 1.400 Schweine pro Stunde werden hier geschlachtet

Immer wieder kommt es aber vor, dass Tiere keineswegs tot sind, wenn sie in das heiße Brühwasser kommen. "Wir haben natürlich im Laufe der Zeit bei unseren Schlachthofbesuchen drastische Dinge gesehen", erzählt der Tierarzt Klaus Troeger. "Unter anderem habe ich eben auch einmal gesehen, wie ein Tier, das noch lebte, in den Brühbottich gelangt ist und dort also einen riesen Schnelzer gemacht hat, dass also die Schlingkette gleich durch die Gegend flog, und ein Kollege hat in einer Enthaarungsmaschine ein Schwein schreien hören. Und da war das für mich auch eine Angelegenheit, die ich dann als Beruf oder Berufung tatsächlich auch empfunden habe, da was zu ändern."

Mit Erfolg. Klaus Troeger nimmt uns mit zu Tönnies, in einen der modernsten und größten Schlachthöfe Europas. Jeden Tag werden im Schlachthof in Rheda-Wiedenbrück rund 25.000 Schweine geschlachtet. Troeger ist mit Jörg Altemeier unterwegs, dem Tierschutzbeauftragten des Schlachtunternehmens. Die Firma hat in Tierschutz investiert - nicht zuletzt aufgrund der massiven Kritik die Klaus Troeger in unserer Berichterstattung in die Öffentlichkeit getragen hat.

Betäubt wird bei Tönnies zwar mit dem umstrittenen CO2 - das bei den Tieren fürchterliche Erstickungsgefühle auslösen kann. Aber Tönnies investiert nach eigenen Angaben bereits in die Erforschung von Alternativen, wie Helium [siehe hierzu auch unseren Beitrag zur Helium-Betäubung beim Schlachten].

Vieles läuft bei Tönnies mittlerweile vorbildlich: So kontrolliert ein eigens eingesetzter Mitarbeiter, ob die Tiere gut betäubt sind. Durch Druck auf das Auge prüft er, ob es noch Reaktionen zeigt oder empfindungslos ist - wie vorgeschrieben. Er macht das ständig. Andere Schlachthöfe dagegen prüfen das nur sporadisch.
Die bewusstlosen Tiere werden dann mit einer Kette ans Schlachtband gehängt und kommen zum Stecher. Der sticht das Tier ab, öffnet dabei große Blutgefäße, so dass das Tier durch den raschen Verlust von mehreren Litern Blut stirbt. Das ist der wichtigste Schritt der Schlachtung: die eigentliche Tötung des Tiers.

Ein Schwein wird mit einem Hohlmesser abgestochen

Bei den üblichen Hohlmessern sieht der Stecher nicht, ob er richtig getroffen hat

In modernen Schlachthöfen werden dazu Hohlmesser eingesetzt, bei denen das Blut durch einen Schlauch abfließt. Das ist nicht unproblematisch, sagt Prof. Klaus Troeger: "Die Problematik ist die, dass insbesondere bei hohen Schlachtzahlen, der Mitarbeiter, der die Tiere entblutet sehr wenig Zeit hat, das sind nur wenige Sekunden, und er sieht durch diese Hohlmesserentblutung die Wirkung seiner Arbeit im Prinzip nicht. Er sieht nicht wirklich: fließt jetzt viel Blut ab oder habe ich möglicherweise nur ein kleineres Gefäß getroffen. Deswegen muss unbedingt kontrolliert werden, weil eben die Tiere insbesondere bei der CO2-Betäubung reversibel betäubt sind, das heißt sie wachen bei zu geringem Blutverlust wieder auf."

Um das zu verhindern werden die Tiere bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück vor dem Stechen gewogen. Dann fließt das Blut einige Zeit, bevor das Messer wieder entfernt und das Tier ein zweites Mal gewogen wird. Anhand der Messwerte kontrolliert ein automatisches System, ob das Tier genug Blut verloren hat. Prof. Troeger hat an der Entwicklung dieses Kontrollsystems mitgearbeitet. Wenn der Gewichtsunterschied zu gering ist, gibt das System Alarm, damit zur Sicherheit nachgestochen werden kann.
Die Erfahrung zeigt aber: Diese automatische Kontrolle reicht noch nicht aus.
Weiter hinten am Schlachtband steht bei Tönnies deshalb ein zusätzlicher Mitarbeiter, sozusagen als letzte Bastion. Er kontrolliert jedes einzelne Tier, prüft ob es noch irgendwelche Lebenszeichen gibt.

Jörg Altemeier, Tierarzt und bei Tönnies für den Tierschutz zuständig, erklärt: "Er achtet halt auf gerichtete Bewegungen und auf Atembewegungen. Und wenn er da irgendwas sieht - wie gesagt: wenn er den leisesten Zweifel hat, hat er die Vorgabe zu reagieren."

Ein Bolzenschussgerät im Schlachthof

Das Bolzenschussgerät wird bei Bedarf eingesetzt

Beim geringsten Zweifel soll der Mann das Tier mit einem großen, leistungsstarken pneumatischen Bolzenschussgerät nachbetäuben und dann mit dem Messer nachstechen. Zudem kann er das Produktionsband per Knopfdruck jederzeit stoppen. Das kostet Zeit und Geld. Der Arbeiter ist deshalb nicht dem Schichtleiter unterstellt - sondern direkt dem Tierschutz. Er soll seinen Job ohne Druck machen können.
Mit dieser Einzeltierkontrolle geht Tönnies weit über das hinaus, was in der Branche üblich ist. Prof. Klaus Troeger sagt: "Das kann man eigentlich nur, wenn man die Branche kennt, als vorbildlich bezeichnen. Und das sollte tatsächlich anderen Konzernen und Betrieben als Vorbild dienen."
Bevor das Kontrollsystem eingeführt wurde, hat man auch bei Tönnies lange Jahre mit den üblichen Stichprobenkontrollen gearbeitet. Diese Praxis sieht Jörg Altemeier, der Leiter der Stabstelle Tierschutz der Firma, angesichts der gesammelten Erfahrungen mit der konsequenten Einzeltierkontrolle nun kritisch: "Aus unserer Sicht reicht das nicht aus, eine Stichprobe zu bewerten. Aus unserer Sicht muss man jedes einzelne Schicksal betrachten. Wenn hier nur ein Tier am Tag lebend in die Brühung kommt - ich bin selber Tierarzt von der Ausbildung her - dann habe ich damit ein ganz massives Problem. Und so kann ich sagen: Wir haben, wenn wir am Tag 20.149 Tiere geschlachtet haben, 20.149 Messwerte und können für all diese Tiere jeweils einzeln sagen: hat es funktioniert oder hat es nicht funktioniert."

Nach Angaben der Firma wird der Mitarbeiter, der den Tod der Tiere kontrolliert, bei 0,8 Prozent der Tiere vorsorglich aktiv. Bei 25.000 Schweinen am Tag ist das 200 Mal. Das zeigt eindrucksvoll, wie notwendig eine lückenlose Kontrolle ist.

In den meisten Schlachthöfen werden dennoch nur Stichprobenkontrollen durchgeführt. Für Prof. Klaus Troeger ist das ein Unding. "In dem Moment, wo ich mit lebenden Tieren zu tun habe, kann ich nicht akzeptieren, dass ein gewisser - wenn auch sehr kleiner - Prozentsatz bei diesem Prozess erheblich oder fürchterlich gequält wird", sagt Troeger. "Das heißt, ich muss hundertprozentig kontrollieren, um dieses Tierschutzproblem im Griff zu haben. Aus diesem Grund reichen eben in diesem Bereich Stichproben definitiv nicht aus!"

Denn sonst bleibt das Risiko, dass die Schlachtung für die Tiere wirklich zur Hölle wird.