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SENDETERMIN Do, 27.3.2014 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Ernährungssoziologie Männer und Fleisch - eine Spurensuche

Männer essen doppelt so viel Fleisch wie Frauen. Diese Pressemeldung der deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) scheint es endlich zu belegen: „Männer haben eine ganz besondere Beziehung zum Fleisch.“ Aber wieso eigentlich?

Männer sind anders als Frauen

Während Frauen im Durchschnitt pro Woche knapp 600 Gramm Fleisch, Fleischerzeugnisse und Wurstwaren essen, sind es bei Männern 1.092 Gramm.

Männer und Fleisch

Damit überschreiten die Männer die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) von 300-600 Gramm pro Woche ungefähr um das Doppelte. Frauen liegen mit ihrem Fleischverzehr am oberen Limit der Empfehlung. Solche Abweichungen in den Ernährungsgewohnheiten lassen sich laut dem Max-Rubner-Institut für Ernährungsforschung zum Teil auch mit der unterschiedlichen Anatomie von Männern und Frauen erklären: Männer haben im Durchschnitt nur halb so viel Fettgewebe, aber doppelt so viel Muskelgewebe wie Frauen. Und sie verbrauchen sogar bei völliger Ruhe mehr Energie als Frauen. Selbst bei gleichem Körpergewicht müssen Männer also mehr essen als Frauen, weil sie die aufgenommenen Kalorien schneller verbrennen. Und weil sie von allem mehr essen, essen sie wahrscheinlich auch mehr Fleisch. Dies erklärt den Unterschied aber nur zum Teil.

Muskeln brauchen kein Fleisch

Müssen für den Aufbau und Unterhalt der männlichen Muskeln zwingend tierische Proteine aufgenommen werden? Der Ernährungsphysiologe des Max-Rubner-Instituts Prof. Bernhard Watzl verneint dies eindeutig. Eine durchdachte vegetarische Ernährung liefere ausreichend pflanzliche Proteine. Das schwäbische Nationalgericht "Linsen mit Spätzle" sei beispielsweise eine gute Möglichkeit für eine proteinreiche, pflanzliche Mahlzeit.

Athleten während der „natural fit supershow 2013“ in Austin, Texas. Die beiden links sind Veganer.

Athleten während der „natural fit supershow 2013“ in Austin, Texas.

Dass Prof. Watzl hier nicht nur gut gemeinte Ernährungsempfehlungen weitergibt, beweisen eindrucksvoll die körperlichen Höchstleistungen von veganen Topathleten, die ohne die Aufnahme von tierischen Proteinen auskommen. Selbst Milchprodukte, Eier und Käse sind für sie Tabu. Vor allem die veganen Bodybuilder überraschen mit einer enormen Muskelmasse, die ohne Fleisch entstanden ist. Dass dabei nicht mit Doping nachgeholfen wurde, kontrolliert die Natural Bodybuilding & Fitness Federation auf ihren Wettkämpfen sehr streng.

Ohne Fleisch ist der Mann kein Mann

Es muss also andere Gründe haben, warum mächtige Fleischscheiben "Holzfällersteak" und nicht "Lady-Schnitzel" genannt werden. Wenn man aufmerksam beobachtet, wie Fleisch in seinen verschiedenen Zubereitungsformen von der Nahrungsmittelindustrie benannt und beworben wird, ergibt sich eine neue Spur: Hier ist beispielsweise von "der Rippe" die Rede, aus der Gott schon immer das Schönste erschaffen hat (Männermagazin BEEF 2011). Oder davon, dass die Abkehr von vegetarischer Kost den Mann wieder zurück zu seiner wahren Natur führt (BURGER KING Werbespot 2010). Auch wenn solche Beispiele recht humorvoll daher kommen, unterschwellig tragen sie dazu bei, Fleisch männlich aufzuladen. Dass diese Rechnung aufgeht, konnte das Journal of Consumer Research in einer experimentellen Studie 2012 nachweisen: Männer die regelmäßig Fleisch essen, werden laut der Untersuchung deutlich maskuliner als ihre vegetarischen Artgenossen wahrgenommen.

Von Jägern und Sammlern

Dennoch kann die Werbung in der Regel nur an bestehende gesellschaftliche Meinungen anknüpfen, sie aber selten neu erfinden.

Die Evolutionsbiologin Dr. Sabine Paul im Palmengarten Frankfurt.

Die Evolutionsbiologin Dr. Sabine Paul im Palmengarten Frankfurt.

Die Ernährungs-Soziologin Dr. Monika Setzwein führt den Ursprung der männlichen Symbolik von Kraft, Potenz und Macht, die dem Fleisch anhaftet, deshalb auf prähistorische Zeiten zurück. Denn als durch das Land ziehende Nomaden kamen nur diejenigen unserer Vorfahren in den Genuss von Fleisch, die ausreichend Mut, Kraft und Geschicklichkeit besaßen, um Tiere auf der gefährlichen Jagd zu erlegen. Die Archäologin Dr. Linda Owen oder die Evolutionsbiologin Dr. Sabine Paul weisen allerdings darauf hin, dass unsere Vorstellung von einer strengen Rollentrennung während des Jungpaläolithikums in männliche Jäger und weibliche Sammler wahrscheinlich einem "Steinzeitklischee" aufsitzt. Denn erstens gebe es hierfür keine archäologischen Beweise und zweitens zeige die ethnologische Beobachtung heute noch existierender Jäger und Sammler eindeutig, dass auch Frauen zur Jagd gehen. Wenn auch meist nur auf Kleintiere. Interessanterweise wird die Jagd auf Hasen, Fische und Vögel in der Sprache einiger Urvölker auch als Sammeln bezeichnet. Dass Männer also durch eine strikte Rollentrennung von je her dichter am Fleisch waren und eventuell sogar schon immer mehr davon gegessen haben, ist wissenschaftlich zumindest umstritten.

Kulinarische Vorlieben sind nicht in Stein gemeißelt

Vielleicht ist die wesentliche Erkenntnis deshalb die: Was wir auf unserem Speiseplan bevorzugen, ist nicht in Stein gemeißelt, sondern ganz erheblich Teil unserer Kultur, in der letztlich alles im Fluss ist. Selbst wenn es einige vielleicht nicht wahr haben wollen: Dies gilt auch für die Essgewohnheiten von Männern. Wer der männlichen Natur dagegen einen besonders hohen Fleischbedarf ins genetische Logbuch schreiben möchte, bezieht sich letztlich auf prähistorische Mythen.