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SENDETERMIN Do, 28.5.2015 | 22:00 Uhr | SWR Fernsehen

Essen und Aggression Macht Ernährung gewalttätig?

Nahrung beeinflusst ganz direkt unser Gehirn, unser Nervensystem, unsere Emotionen und damit auch unser Verhalten. Schon länger wird vermutet, dass es auch einen Zusammenhang zwischen Ernährung und Gewalttätigkeit gibt. In einem Experiment sind Forscher dem nachgegangen. Ihre Versuchspersonen: Gefangene!

Essen und Gewalt - ein Zusammenhang?

Ideale Forschungsbedingungen für Bernard Gesch. Er ist Wissenschaftler an der Universität Oxford. Im Gefängnis von Polmont will er seine Theorie in der Praxis überprüfen. Er glaubt, dass die Gewaltbereitschaft der jungen Männer mit ihrer Ernährung zusammenhängt: "Wir haben in englischen Gefängnissen geforscht und haben untersucht, was die Häftlinge dort essen. Wir haben herausgefunden, dass viele von Ihnen eine schlechte Ernährung haben. Vor allem, weil sie gar kein gesundes Essen kannten. Als wir dann die Ernährung geändert haben, entdeckten wir plötzlich, dass viele von Ihnen bedeutend weniger Straftaten begingen. Die Anzahl schwerer Vergehen sank um 37 Prozent!" Ein fast unglaubliches Ergebnis! Erstmals wird ein Zusammenhang von Ernährung und Gewalt derart sichtbar. Doch was passiert da im Körper?

Eine Zusatz-Diät gegen Aggression

Kleine unscheinbare Packungen sollen helfen, das zu klären: Pillen mit einer Spezialdiät. Christine Galloway gehört zum Team der Universität Oxford. Sie wird einzelne Gefangene mit der Zusatzdiät versorgen. Die normale Gefängniskost ist nicht ausgewogen. Kein Wunder, denn pro Häftling und Tag stehen nicht einmal drei Euro fürs Essen zur Verfügung. Die Dragees der Wissenschaftler aus Oxford enthalten ungesättigte Fettsäuren, Mineralien und Vitamine. Doch manche Packungen enthalten keine der wertvollen Nährstoffe. Sie sind Placebos. Weder der Gefangene, noch die Forscher wissen, was verabreicht wird. So kann das Ergebnis nicht verfälscht werden. Doch wie sollen einfache Vitamin-Pillen das Verhalten von Straftätern beeinflussen? "Naja, die Antwort ist recht einfach", meint Bernard Gesch. "Unser Gehirn ist ein Organ, das wie jeder andere Teil des Körpers Nahrung braucht um zu funktionieren. Das Gehirn ist sogar ein Sonderfall. Es benötigt sehr viel Energie. Gut 20 Prozent des Essens dienen seiner Funktion. So gesehen hat unsere Ernährung einen direkten Einfluss auf die Leistungen unseres Gehirns."

Gefängnisinsasse Timmy

Kann eine Diät positive Effekte auf das Sozialverhalten haben?

Timmy ist bereits seit ein paar Monaten Teilnehmer an der Ernährungsstudie. Wie bekommen ihm die Nährstoffe? Hat er schon eine Veränderung an sich bemerken können? "Ich werde nicht mehr so wütend wie früher", sagt er, "beruhige mich schneller, gerate nicht in Schwierigkeiten, in der Schule läuft es auch besser". Das ist sein Eindruck! Aber lässt sich die Psyche durch Ernährung objektiv messbar beeinflussen? Psycho-Tests werden durchgeführt. Reagieren die Häftlinge unter der Diät gelassener, weniger aggressiv? Wenn ja, hätte das enorme Auswirkungen. Schließlich ist schlechtes Essen auch außerhalb der Gefängnismauern in vielen Kreisen verbreitet.

Die Lösung scheint einfach: Vitamine satt Fast-Food

"Ich denke, das Essen hat einen Einfluss auf unser Verhalten", so Christine Galloway. "Ich habe mit psychisch Kranken draußen gearbeitet bevor ich hier herkam, und da habe ich den Einfluss von schlechter Ernährung auf die Psyche ebenso feststellen können. Ich denke, das ist direkt vergleichbar."
Das Essen in der Gefängnisküche ist zwar nicht wirklich ungesund, aber für Bernard Gesch einfach nicht gesund genug. Es ist an den Geschmack angepasst, den die Häftlinge von draußen mitgebracht haben: Fast Food und "fettiges Zeug" wie sie sagen. Tragische Ernährungsgewohnheiten, denn selbst wenn ihnen einmal Obst und Gemüse angeboten werden, verschmähen die meisten Insassen gesundes Essen. Und doch will der Direktor Derek McGill nicht aufgeben, die Ernährung seiner über 700 Gefangenen zu verbessern: "Es ist ja so, dass das ein Gewinn nicht nur für das Gefängnis hier wäre. Wir könnten das ganze auch viel jüngeren Leuten anbieten, etwa in Schulen. Und wenn auch in Schulen eine Verhaltensänderung sichtbar wird, dann könnte das junge Leute davor bewahren, hierher kommen zu müssen."

Unbeschreibliches Leiden verhindern

Die Gefängnisstudie weist auf ein großes soziales Problem hin, das in Wirklichkeit außerhalb der Gefängnismauern seine Wurzeln hat. "Wenn wir Recht haben, ich bin Wissenschaftler, deshalb sage ich ganz bewusst "wenn" wir recht haben - denn wir müssen das Ganze schließlich noch weiter in Studien belegen. Dann können wir unbeschreibliches Leiden verhindern", hofft Bernard Gesch. Leiden, das womöglich durch falsche Ernährung mit verursacht wurde. "Das einzige Risiko bei der ganzen Sache ist ein gesünderes Leben, und das ist doch für alle ein Gewinn", meint Gesch.
Die Lösung der Forscher klingt einfach: Essen gegen Aggression. Doch noch sind viele Fragen offen.

aus der Sendung vom

Do, 28.5.2015 | 22:00 Uhr

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Donnerstags um 22.00 Uhr im SWR Fernsehen.